„Zittrig zu sein, ist nicht berauschend“
Der Fernsehmoderator und Show-Erfinder („Wetten, dass …?“) Frank Elstner, 79, hat mit seinem Arzt und Freund Dr. Jens Volkmann, 53, ein Buch über die Parkinson-Krankheit geschrieben. Im Interview sprechen die beiden über den Kampf gegen den „Feind“.
Herr Elstner, wie gut können Sie sich noch daran erinnern, als Sie mit der Diagnose „Parkinson“ konfrontiert wurden? Wie geht es Ihnen nun, fünf Jahre später?
Ich erinnere mich noch gut an den 4. April 2016, als mich mein Assistent und Freund André nach der Untersuchung beim Neurologen abholte. „Hast du es bequem?“, wollte André wissen, nachdem ich in unser Auto eingestiegen war. Ich sagte „ja, und ich habe noch etwas – Parkinson.“ Ich habe noch keine außergewöhnlichen Gedächtnislücken und kann mich ohne Schwierigkeiten ausdrücken. Es geht mir ziemlich gut. Mein Arzt sagt, ich habe kein Parkinson, sondern nur ein Parkinsö(h)nchen. Damit motiviere ich mich und kämpfe gegen den Feind in mir.
Wie halten Sie den Feind in Ihrem Körper in Schach?
Bislang komme ich gut zurecht. Bergaufgehen erschöpft mich zwar, beim Rasieren und Knöpfezumachen bin ich langsamer als früher, aber ich versuche, viel zu schwimmen, was mir gut tut, und ich kämpfe täglich gegen den Boxsack, den mir meine Frau geschenkt hat.
Herr Professor Volkmann, wie gut lässt sich mit Sport der Krankheitsverlauf einbremsen?
Tatsächlich wirkt sich Sport bei der Parkinson-Erkrankung positiv sowohl auf die körperliche als auch die geistige Leistungsfähigkeit aus. Wobei man sich allerdings nicht erwarten darf, dass man beispielsweise 40 Kilometer mit dem Rad unterwegs war und danach deutlicher schreiben oder sprechen kann.
Frank Elstner: Ich habe an mir beobachtet, dass sich beim Laufen meine Körperhaltung verändert. Nach etwa einer halben Stunde laufe ich zunehmend schief, weil sich mein Oberkörper nach rechts biegt.
Dr. Jens Volkmann: Du solltest dein Traininsprogramm überdenken. Du beschreibst eine typische Parkinson-Symptomatik. Die kommt in deinem Alltag nicht so zum Tragen, wird aber durch Erschöpfungszustände hervorgerufen.
Nicht nur die Körperbewegung, auch das Schriftbild verändert sich …
Frank Elstner: Bei mir ist die Krankheit eher beim Schreiben zutage getreten. Als ich Autogrammkarten unterschrieb, war meine Schrift auf einmal zittrig.
Dr. Jens Volkmann: Eine zittrige Handschrift und ein immer kleiner werdendes Schriftbild tauchen oft schon Jahre vor den anderen typischen Symptomen auf. Bezeichnend ist, dass die Buchstaben am Anfang einer Zeile groß und zum Ende der Zeile hin zunehmend kleiner geschrieben werden.
Welche weiteren Vorboten weisen frühzeitig auf eine Erkrankung hin?
Frank Elstner: Bei mir könnten es zwei Hinweise gewesen sein. Zum einen bin ich seit meiner Kindheit Schlafwandler, zum andern habe ich unruhige Beine, also das sogenannte „Restless-Legs-Syndrom“.
Dr. Jens Volkmann: Parkinson hat viele Gesichter. Je nachdem, welche Nervenzellregionen des Gehirnes betroffen sind, entstehen unterschiedliche Symptome, aber es gibt natürlich einige Anzeichen, die bei fast allen Patienten vorhanden sind. Das sind die motorischen Kardinalsymptome. Dazu zählen die Verlangsamung der Bewegungen, Muskelsteifheit, die Veränderungen der Körperhaltung oder das Zittern.
Wann, Herr Elstner, haben Sie das Zittern erstmals bemerkt?
Dass meine Hände manchmal zitterten, war für mich nichts Ungewöhnliches. Auch nicht, dass sie manchmal eiskalt waren. Ich führte das auf mein Lampenfieber zurück, das ich trotz jahrelanger Erfahrung noch immer vor jedem Fernsehauftritt hatte. Stutzig wurde ich erst, als ich merkte, dass ich mich bei meinen Moderationen immer unwohler fühlte. Wenn ich ein Glas aufheben sollte, war es unübersehbar, dass ich deutlich zitterte.
Besonders stark zitterten Sie in einer Ausgabe Ihrer SWR-Talkshow „Menschen der Woche“ …
Das war auch der Ausschlag dafür, dass ich zum Arzt ging. Kein Parkinson, sagte der erste, kein Parkinson, meinte die zweite Ärztin. Der dritte Arzt sagte dann, dass es Parkinson sei.
Ein Schock für Sie …?
Natürlich, mit nur einem Wort wurde mir mitgeteilt, dass mein Körper mich irgendwann im Stich lassen wird. Die Vorstellung, zittrig und schwerfällig zu sein, ist ja nicht gerade berauschend.
Wie nahm Ihre Familie die Nachricht auf?
Meine Frau und meine Kinder haben sich mit mir und meinem „Parkinsö(h)nchen“ arrangiert. Meine Frau versucht, mich zu unterstützen, ohne mir zu viele Aufgaben abzunehmen. Aber wie gesagt, ich habe bislang kaum Einschränkungen und schaffe es noch gut, meinen Alltag weitgehend selbstständig zu bewältigen – hoffentlich noch lange.
Ein Kapitel Ihres neuen Buches „Dann zitter ich halt“ befasst sich ausführlich mit Stolperfallen, auf die es im Lauf der Erkrankung zu achten gilt. Worauf müssen Parkinson-Patienten besonders aufpassen?
Dr. Jens Volkmann: Gefährliche Fallen wie rutschige Teppiche und lose Kabel auszuschalten, ist wichtig. Die Gefahr von Stürzen ist natürlich gerade bei Menschen, die eine Gangstörung haben, hoch.
Frank Elstner: Wir haben drei Hunde, die ihre Futterschüsseln immer wieder neu irgendwo im Wohnzimmer platzieren …
Dr. Jens Volkmann: Da musst du unbedingt auf eine gute Beleuchtung achten, wenn du in der Nacht rausmusst. Die nächsten Hilfsmittel sind dann wahrscheinlich Halterungen an Stiegen.
Frank Elstner: Apropos Stiegen, beim Hinaufsteigen merke ich, dass ich mehr schnaufe als früher. Parkinson ist natürlich auch mit Gebrechlichkeit assoziiert. Die Krankheit wird nicht nur durch uns Kranke sichtbar, sondern taucht allmählich auch in unseren Wohnungen auf – von rutschfesten Socken bis hin zum Treppenlift.
Herr Dr. Volkmann, Sie forschen seit Jahren auf dem Gebiet der Parkinson-Krankheit. Was verbindet Sie mit Frank Elstner?
Menschen mit Parkinson haben mich über die Jahre hinweg an ihren Geschichten teilhaben lassen. Von ihnen habe ich vieles über diese unheilbare Krankheit und ihre unterschiedlichen Ausprägungen gelernt. Viele meiner Patienten begleite ich schon seit Jahren. Mit manchen verbindet mich inzwischen eine Freundschaft, wie mit Elstner. Ohne ihn wäre das Buch nicht zustande gekommen. Seine Offenheit im Umgang mit der Krankheit, seine Energie und sein Engagement für die Parkinson Stiftung, die wir beide voriges Jahr ins Leben gerufen haben, machen Mut und geben Hoffnung.
Herr Elstner, warum sprechen Sie über Parkinson überwiegend wie ein Experte und nicht wie ein Betroffener?
Es geht mir ganz und gar nicht darum, öffentlich zu leiden. Vielmehr hoffe ich, dass unser Buch Menschen, die an Parkinson erkrankt sind, hilfreiche Informationen bietet. Und ich hoffe, dass es Angehörigen und Freunden von Parkinsonpatienten hilft, die Kranken besser zu verstehen. Natürlich ist es schwer, damit zu leben, dass ein Familienmitglied unheilbar krank ist, mit Einschränkungen leben und damit rechnen muss, dass diese Einschränkungen zunehmen.
Hadern Sie manchmal mit Ihrem Schicksal?
Manchmal fürchte ich mich schon davor, dass meine Gedächtnisleistung einmal nachlässt und ich deshalb nicht mehr selbstbestimmt leben kann. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dann noch meinen Humor behalten könnte.
Haben Sie es je bereut, mit Ihrer Krankheit an die Öffentlichkeit gegangen zu sein?
Nein, noch nie. Parkinson ist keine Strafe und nichts, wofür sich jemand schämen müsste. Zu viele wurden schon stigmatisiert, wurden als Alkoholiker bezeichnet, weil sie zitterten und Probleme hatten, deutlich zu sprechen, aber sich nicht trauten, zu dieser Krankheit zu stehen. Ich sehe das so, wenn mein Parkinson seinen Schabernack mit mir treibt, dann zitter‘ ich halt.
Sie werden nächstes Jahr 80. Was bedeutet das für Sie?
Ich habe höllischen Respekt vor dem Achtziger, zumal mir immer klarer wird, was ich nicht mehr kann. Das Autofahren überlasse ich bereits meinem Assistenten.