Gute Viren gegen böse Keime
Hochwirksame Antibiotika haben über Jahrzehnte erfolgreich bakterielle Infektionen bekämpft. Doch immer öfter sind Bakterien „immun“ gegen sie, sodass allein in Europa jährlich mehr als 30.000 Menschen sterben. Spezielle Viren könnten die Zukunft sein.
Hartmut Stielow, 64, hatte Glück im Unglück und verdankt seine Gesundheit, vielleicht sogar sein Leben, einem kleinen medizinischen Experiment. Es war im Jahr 2016, als der deutsche Bildhauer an einer lebensbedrohlichen Infektion erkrankte. Krankmachende Bakterien hatten sich um sein Aorta-Implantat im Bauch angesiedelt, das er zwei Jahre davor im Zuge einer Notoperation eingesetzt bekam. „Diese Entzündung hat mich an den Abgrund gebracht. Die Ärzte sagten, das Implantat schwimme in Eiter“, erinnert sich Stielow, der plötzlich in Lebensgefahr schwebte. Hochdosierte Antibiotika halfen nicht, eine Operation wäre lebensgefährlich gewesen.

Der Herzchirurg Prof. Christian Kühn von der Medizinischen Hochschule Hannover (D), setzte im Kampf gegen die gefährliche Entzündung auf sein „letztes Pferd“ und behandelte Stielow mit einer Lösung aus „guten, bakterienfressenden Viren“, sogenannten Phagen. „Wir hatten Phagen bereits bei zwei Patienten als individuellen Heilversuch eingesetzt und sehr gute Ergebnisse erzielt“, berichtet Dr. Kühn. Das Experiment gelang auch diesmal, Stielow wurde gesund.

Fälle wie dieser sind zwar Einzelfälle, und Phagen sind in West-Europa kein zugelassenes Medikament (Ausnahme Belgien, als individuelle Verschreibung). Doch Erfahrungen wie jene in Hannover machen Hoffnung. Und sie zeigen, in welche Richtung die medizinische Forschung geht im Kampf gegen krankmachende Bakterien, die sich mit keinem Antibiotikum mehr abtöten lassen. „Die Therapie mit bakterientötenden Phagen steckt noch in den Anfängen, doch einzelne Erfolge sind viel versprechend. Es gibt zwar mehr Erfahrung mit Phagentherapien in Ländern Osteuropas und vor allem in Georgien, doch verlässliche wissenschaftliche Belege in Form von erfolgreichen klinischen Studien fehlen. In individuellen Heilversuchen in Europa hat sich gezeigt, dass der Einsatz von Phagen derzeit nur bei etwa dreißig bis fünfzig Prozent der Patienten eine echte Verbesserung bringt. Das ist noch zu wenig, doch wir arbeiten daran. Zu jeder Bakterienart gibt es stets nur eine passende Phagenart. Von einigen Bakterienarten kennen wir aber die passenden Phagen noch nicht. Die müssen wir finden. Phagenarten, die wir kennen, müssen im Labor so verbessert werden, damit sie stark genug sind, um als Therapie bei vielen Patienten verlässlich zu wirken“, sagt Alexander Belcredi, Geschäftsführer von PhagoMed Biopharma GmbH in Wien.

An der MedUni Innsbruck ist der medizinische Mikrobiologe Dr. Reinhard Würzner ebenfalls überzeugt, dass die Therapie mit Phagen Zukunft hat. „Wir haben kleine Forschungsprojekte laufen, welche die Wirkung der Phagen bei einigen Hautkrankheiten untersuchen. Etwa mit Phagen, die gefährliche Staphylokokken töten, und als Lösung auf die Haut aufgetragen werden.“
Noch mehr Hoffnung machen den Forschern Endolysine.

Das sind Eiweiße von Phagen, die in der Lage sind, die Zellwände krankmachender Bakterien aufzulösen und sie auf diese Weise abzutöten. „Bei der Behandlung der bakteriellen Vaginose, die für Frauen äußerst unangenehm ist und meist von einer bestimmten Bakterienart verursacht wird, gibt es in der Forschung gute Erfolge. Mit den passenden Endolysinen können Antibiotika-resistente Bakterien verlässlich im Labor getötet werden. Diese Wirkung zeigt sich auch in Vaginalproben. Im Gegensatz zu Antibiotika töten Endolysine nur die Krankheitserreger ab. Gute Bakterien, die zur natürlichen Vaginalflora gehören, bleiben intakt“, meint Belcredi. Im Jahr 2023 soll die erste klinische Studie dazu beginnen. Endolysine, so die Forscher, könnten zur Behandlung von Infektionen an künstlichen Gelenken, bei Harnwegsinfektionen oder Sepsis („Blutvergiftung“) rasch helfen. In einer Serie von Heilversuchen an Patienten mit diabetischem Fußsyndrom zeigten Phagen eine vielversprechende Wirksamkeit.
„Die Entwicklung der Phagentherapie dauert zwar noch, aber in etwa zehn Jahren könnten sie im medizinischen Alltag, vor allem dort, wo Antibiotika nicht mehr helfen, eine wichtige Rolle spielen.“

So wirken Phagen
Phagen: Trifft ein Phage auf „sein“ Wirtsbakterium, heftet er sich an dessen Zellwand und injiziert seine DNS (= Erbgut). Auf Befehl der Phagen-DNS produzieren die Bakterien neue Phagen, bis so viele dieser Spezial-Viren im Bakterium sind, dass die Phagen-Eiweiße (Endolysine) die Zelle platzen lassen und neue Phagen freisetzen.

Endolysine sind Eiweiße, die von Phagen gewonnen und im Labor hergestellt werden, sie spalten die Zellwände der Wirtsbakterien, was umgehend zu deren Tod führt.