„Das Publikum soll genüsslich schadenfroh sein“
Im Hof des mittelburgenländischen Schlosses Kobersdorf gerät alles „Außer Kontrolle“. So heißt die temporeiche Komödie, bei der die Zuschauer nicht zum Nachdenken kommen sollen. Ziel Nummer eins ist, das Publikum zum Lachen zu bringen, wie der Schauspieler und Intendant Wolfgang Böck, 68, betont.
Herr Böck, die Premiere war ein voller Erfolg. Wie war der Tag für Sie?
Aufregend und mitunter mühsam, weil ich bei jeder Premiere hochgradig nervös bin. Letztendlich ist ein Premieren-Tag ein ziemlich unrunder Tag. Ich warte schon in der Früh darauf, dass es endlich Abend wird und die Aufführung beginnt. Ständig schaute ich auf die Uhr und fuhr etliche Stunden früher vom nördlichen Burgenland, das neben Wien meine zweite Heimat geworden ist, Richtung Süden nach Kobersdorf. Dort hat sich meine Nervosität gelegt.
Der Abend war schließlich äußerst erfolgreich. Wie war die Feier danach?
Die Premierenfeier stand ganz im Zeichen von „100 Jahre Burgenland“. Wir haben unter freiem Himmel im Burggraben des Schlosses ein, zwei Glaserln Wein zum Entspannen getrunken.
Der Regisseur Andy Hallwaxx meint, das Stück sei schwer zu inszenieren, ähnlich wie ein Jonglier-Akt oder eine Trapez-Nummer im Zirkus. Wie sehen Sie das?
Dem stimme ich zu. Die temporeiche Aufführung hat artistische Züge. Die Zuschauer sollen nicht zum Nachdenken kommen. Das Publikum soll sich zurücklehnen und genüsslich schadenfroh sein, wenn die Schauspieler auf der Bühne von einer fatalen Situation in die nächste stolpern. Damit die Handlung locker-flockig dahinflutscht, also zu fliegen beginnt, bedarf es eines intensiven Trainings bei den Proben. Es ist, als würden wir mit Bällen, die wir uns gegenseitig zuspielen, jonglieren.
In dem Stück werden politische Saubermänner aufs Korn genommen. Sie spielen einen Minister, der ein außereheliches erotisches Abenteuer einer Parlamentsdebatte vorzieht. Was ist das für ein Typ?
Kein sympathischer Zeitgenosse, sondern ein höchst skrupelloses Exemplar in Form eines Politikers, der alles opfert, um seinen Ruf zu retten. Ray Cooney, der Autor, hat in dem Stück die amourösen Skandale in den Reihen der englischen Regierungspolitiker Anfang der 1990er Jahre thematisiert. Das Publikum denkt sich, so sind sie halt, die sauberen Politiker, wir können uns eh alle vorstellen, wie es in diesen Kreisen zugeht.
Obwohl es um Lug und Trug geht, darf herzhaft gelacht werden …
Die Zuschauer zum Lachen bringen, ist unser Ziel Nummer eins. Denn das Lachen ist uns in den vergangenen Monaten ohnehin ziemlich oft vergangen. Natürlich sind die Lügen und Betrügereien für die Darsteller alles andere als vergnüglich. Umso mehr amüsiert sich das Publikum, wenn das Geschehen auf der Bühne zunehmend außer Kontrolle gerät.
Sie sind seit 2004 Intendant der Schloss-Spiele. Gab es je Situationen, in denen Sie die Kontrolle verloren haben?
Nein, Gott sei Dank nicht. Es gibt zwar immer wieder etwas, das einen ärgert. Aber so weit, dass ich die Kontrolle völlig verloren hätte, kam es noch nie.
Auch nicht, als Sie vorigen Sommer von der Pandemie-bedingten Absage des Stückes erfuhren?
Es war und ist zum Teil schon schwierig. Für diese Saison hatten wir die Vorgabe, den Schlosshof nur zur Hälfte mit Publikum füllen zu dürfen. Voriges Jahr hatten wir vor der Absage bereits 70 Prozent der Karten verkauft. Ein Großteil hat die Karten für heuer behalten. Also wären wir nach den Vorgaben ausverkauft gewesen. Dann hieß es, ab Juli dürfen die Häuser wieder voll sein. Was heißt, dass es noch Karten zu kaufen gibt. Wir hoffen auf ein zufriedenstellendes Ergebnis, ich bin jedenfalls guter Dinge.
Sie sind leidenschaftlicher Oldtimer- und Motorrad-Fahrer. Laden Sie wieder Gleichgesinnte zur motorisierten Theaterfahrt ein?
Die Touren sind nach 17 Jahren Tradition geworden. Am Sonntag, 25. Juli, lade ich Oldtimer-Freunde ein, mit mir von Bad Erlach (NÖ) zu den Schloss-Spielen nach Kobersdorf zu fahren. Am Samstag, 17. Juli, werden wir vom Pappelstadion in Mattersburg (B) mit den Motorrädern zur Vorstellung rollen. Während ich meine „Panier“ für mein Bühnenkostüm eintauschen muss, sind die Motorrad-Freunde ausdrücklich in ihrer Lederkluft im Zuschauerraum erwünscht.
Einige kennen Sie wahrscheinlich bereits …
Wir haben Besucher aus Bonn (D), die seit Jahren bei unserer Tour dabei sind, Menschen, die aus Salzburg, Tirol, Kärnten und der Steiermark anreisen und in ihrer Motorrad-Kluft vor der Bühne sitzen. Normalerweise geht ja kein Mensch mit der Motorradkleidung in ein Theater. Aber wir sind im Freien, und da passt das perfekt.
Ihr Intendanten-Vertrag ist verlängert worden …
Ich wurde gebeten, noch ein paar Jahre dranzuhängen. Wenn mich nicht der Schlag trifft, bleibe ich gerne (lacht). Zumal die Schloss-Spiele Kobersdorf nächstes Jahr ihr 50jähriges Bestandsjubiläum feiern und wir den „Bockerer“ spielen.
Sie wirken fit und scheinen, obwohl Sie offiziell in Pension sind, keine Lust zu haben, leisertreten zu wollen?
Mir geht es soweit gut, doch es gibt diese kleinen Momente, wo ich mir denke, ob ich das noch schaffe. Ich gehe auf die 70 zu und empfinde das durchaus als alt, weil mir manchmal alles weh tut. Aber in dem Augenblick, wo mir die Arbeit Spaß macht, sind die Mühen schnell vergessen. Es ist ja schön, noch gefragt zu sein. Schlimmer wäre, nur noch daheim zu sitzen und kein Mensch interessiert sich mehr für einen.
Was würden Sie dann machen?
Ich würde was anderes finden, vielleicht öfter mit dem Motorrad fahren, im Neusiedler See schwimmen und vor allem gärtnern. Das habe ich in der Pandemie genossen. So einen wunderschönen blühenden Garten hatte ich noch nie.