„Mama ist mein wichtigster Gast“
Alfons Haider begrüßt am 8. Juli das Premieren-Publikum in Mörbisch am Neusiedler See (B). Dort geht die „West Side Story“ über die Seebühne. Warum das Operetten-Mekka zum Ort des Freiluft-Musicals wird, erklärt der neue Intendant der burgenländischen Musiktheater im Interview.
Herr Haider, im „Operetten-Mekka“ Mörbisch wird das Musical „West Side Story“ aufgeführt. Wie finden Sie das als neuer Generalintendant der Musiktheater im Burgenland?
Großes Kompliment zu „West Side Story“ und an Peter Edelmann, der noch bis 2022 künstlerischer Leiter ist. Ich sehe die Zukunft der Seefestspiele Mörbisch im klassischen Musical. Das amerikanische Singspiel ist, wenn wir ehrlich sind, nichts anderes als die Tochter der Operette. Die ist aber stets im Puszta-Raum angesiedelt. Das Musical hingegen ist exotisch, lädt das Publikum ein, um die Welt zu reisen.
Wollen Sie damit mehr Jüngere anlocken?
Ja, aber nicht nur die Jungen. In der Fußgängerzone in Eisenstadt hat mich eine 94jährige Dame angesprochen und gemeint, „Jö, jetzt kommt das Musical nach Mörbisch, aber bitte, Herr Haider, nicht gleich mit lauter Nackerten auf der Bühne.“ Früher habe sie ihren Enkel gezwungen, mit ihr in die Operette zu gehen. Jetzt nehme er sie, mittlerweile ist er schon 40, zum Musical mit. Ich musste so lachen.
Wohnen Sie während der Spielzeit im Burgenland?
Ich habe eine schwerkranke Mutter und pendle zwischen Wien und Mörbisch. Ich fahre im längsten Dienstwagen der Welt, mit dem Zug 65 Minuten nach Eisenstadt. Mit dem Taxi der Frau Horvath bin ich dann 20 Minuten später auf der Seebühne.
Die zu den größten Freiluft-Bühnen in Europa gehört. Wie verliefen die Proben?
Die Kulisse am Neusiedler See ist magisch, ein Gesamtkunstwerk mit 150 Künstlern auf der 3.000 Quadratmeter großen Bühne und den 6.000 Zuschauern. Da hören sogar die Reiher auf zu schreien. Die Techniker leisten Großartiges. Wir haben tonnenschwere Requisiten, gearbeitet wird manuell, elektronisch ist zu heikel, wenn der Strom ausfällt, geht gar nichts mehr. Wir verlassen uns lieber auf Menschenhand. Die 14 Meter hohe, drei Tonnen schwere Freiheitsstatue aufzubauen, war eine Sisyphusarbeit. Das mit Styropor verkleidete Stahlgehäuse musste bei 40 Grad Hitze millimetergenau platziert werden.
Werden unter Ihrer Intendanz künftig nur noch Musicals aufgeführt?
Das Ziel ist, Mörbisch wieder den internationalen Glanz zu verleihen, den die Seefestspiele unter Harald Serafin hatten. Der Musical-Trend kommt uns da zugute. Was nicht heißt, dass es nie wieder Operette geben wird. Aber die nächsten paar Jahre werden im Zeichen des Musicals stehen.
Einst kamen zu den Seefestspielen 200.000 Besucher. Werden Sie dort wieder hinkommen?
Da reden wir von der guten alten Zeit, die es nie wieder geben wird. Wobei wir uns mit 100.000 Zuschauern für aktuelle Verhältnisse ohnehin im obersten Spitzenfeld befinden. Mit der „West Side Story“, der Romeo-und-Julia-Liebesgeschichte vor dem Hintergrund rivalisierender Jugendbanden, hat Peter Edelmann schon zukunftsorientiert gehandelt. Eine Woche vor der Premiere waren bereits 83.000 Karten verkauft. Das ist für uns ein deutliches Zeichen, dass die Menschen Musicals sehen wollen.
Haben Sie sich schon überlegt, wie Sie das Publikum begrüßen werden?
Ja, natürlich, und ich versichere, dass es nicht im legendären Harald-Serafin-Stil sein wird. Der ist einzigartig, den kann und will ich auch gar nicht nachmachen. Aber es freut mich, dass Harald, den ich seit 25 Jahren kenne, gesagt hat, er sei froh, dass ich die Generalintendanz bekommen habe.
Sie haben sich gegen 15 weitere Bewerber durchgesetzt. Was war so gut an Ihrem Konzept? Und werden Sie in dieser Funktion in Pension gehen?
Ich habe mich bereits vor acht Jahren beworben, damals war mein Konzept offenbar noch zu modern. Jetzt hat es gepasst. Auch für mich persönlich, ich bin 63 und quasi im letzten Drittel meines Lebens. Ich war 15 Jahre Intendant der Festspiele Stockerau. Ich will ja niemandem Angst machen, aber zeitlich könnte sich das durchaus ausgehen (lacht).
Harald Serafin, 89, der von 1992 bis 2012 die Seefestspiele leitete, wurde der Titel „Mister Wunderbar“ verliehen. Welcher Titel passt zu Ihnen?
„Mister Neu-Burgenländer“, das würde mir am besten gefallen.
Sie haben sich offensichtlich rasch „eingelebt“?
Ja, die Menschen gehen auf mich zu, das mag ich. Der einzige Burgenländer, der mich bislang nicht angesprochen hat, war ein Storch. Einen Meter groß stand er neben mir und schaute mich an.
Schaut sich Ihre Mutter das Muscial an?
Obwohl sie krank ist, ist meine Mutter, die im Jänner 84 wird, tapfer. Die Mama ist mein wichtigster Gast bei der Premiere und wird, begleitet von einem befreundeten Arzt, in der ersten Reihe sitzen.
Mörbisch ist als „Gelsenreitschule“ bekannt. Befürchten Sie eine Invasion der lästigen Viecher?
Nein, da ich bislang keiner einzigen Gelse begegnet bin. Vielleicht hat ja der Serafin alle mitgenommen.