Ihr Leben fürs Klima
Martha Krumpeck, 29, hat seit Ende Mai nichts mehr gegessen. Die Molekularbiologin protestiert so gegen den Klimawandel. Während sie mit Politikern und Konzernen hart ins Gericht geht, macht sie Mut, das Klima noch zu retten.
Die Sonne brennt gnadenlos auf den Wiener Heldenplatz. Es hat mehr als dreißig Grad. An einem schattigen Plätzchen des Burgtores hat Martha Krumpeck, 29, ihre Zelte aufgeschlagen. Die studierte Molekularbiologin befindet sich seit 31. Mai im Hungerstreik gegen Ökozid, also massive Naturzerstörung, und Korruption.
„Seitdem habe ich acht Kilo an Gewicht verloren“, sagt Krumpeck. Bei einer Körpergröße von 186 Zentimetern wiegt sie nur noch 58 Kilo. „Ich trinke viel, aber mein Körper hält das nicht ewig aus. Wenn mein Arzt rät, ich muss aufhören, dann lasse ich es bleiben.“

Derzeit ist die Umweltschützerin von „Extinction Rebell“ aber noch mehrere Stunden täglich am Heldenplatz. Nur zum Schlafen geht sie heim. Besuchern will die Expertin in puncto Klimawandel Rede und Antwort stehen. „Wir können das Klima noch retten. Die Menschheit muss sich beeilen, aber es ist noch nicht zu spät“, macht sie einer Gruppe Kindern Mut.
Im Jahr 2019 hatte Krumpeck Glück und räumte bei der „Quizjagd“ auf Servus TV 65.000 Euro ab. „Deswegen kann ich mich auf den Klimaaktivismus konzentrieren.“ Auch in der „Millionen-Show“ des ORF war sie zu Gast, schaffte es aber nicht auf den „heißen Stuhl“. Bald will sie sich ihrer Medizin-Diplomarbeit widmen.

Mit vier Jahren lesen gelernt
Krumpeck gilt als hochbegabt und konnte schon früh lesen. „Ich habe als Kind meine Eltern immer viel gefragt und sie gebeten, mir etwas vorzulesen. Irgendwann habe ich sie dann korrigiert und gesagt, ‚Aber so steht das doch da gar nicht.‘ Da war ich ungefähr vier Jahre alt.“
Vor einigen Jahren warf sie dann, ähnlich wie die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg, 18, eine Depression aus der Bahn. Denn ihr wurde immer klarer, wie es um unseren Planeten wirklich steht. „Wenn wir den Raubbau an der Natur so fortsetzen, kann das für Milliarden Menschen den Tod bedeuten.“

Ihr Protest richtet sich nun gegen alle Projekte, durch die noch mehr Treibhausgase ausgestoßen werden. Hierzulande wäre das etwa der Weiterbau der Wiener Umfahrung inklusive dem geplanten Lobautunnel unter dem Nationalpark Donau-Auen. „Neue Straßen bringen keine Verkehrsentlastung. Im Gegenteil, je mehr in Straßeninfrastruktur investiert wird, desto eher nutzen die Menschen das Auto statt klimafreundlicher Verkehrsmittel. Seit den 90er Jahren ist der Treibhausgas-Ausstoß des Verkehrs um etwa drei Viertel gestiegen.“ Elektro-Autos, so ist sie überzeugt, „lösen nicht alle Probleme, können aber Teil der Lösung sein. Allerdings müssen sie noch leichter und energieeffizienter werden.“

Erde wird zu "Heißhaus" und unbewohnbar
Krumpeck warnt, je stärker die Temperatur steigt, desto größer sei das Risiko, dass das Klima kippt. „Wenn es heißer wird, schmilzt das Eis. Ohne helles Eis wird weniger Licht ins All reflektiert und die Erde heizt sich noch mehr auf. Im Endzustand kippt der Planet dann ins ‚Heißhaus‘ und wird fast unbewohnbar.“ Obwohl die Ölindustrie schon in den 80er Jahren über die Folgen ihrer Politik Bescheid wusste, wurde weiter gelogen und noch mehr CO2 ausgestoßen.
Seit einigen Tagen ist Krumpeck nicht mehr alleine im Hungerstreik. Der oberösterreichische Klimaaktivist und Künstler Josef Etzelsdorfer, 47, von der Organisation „Robin Foods“ hat sich ihr angeschlossen. Er ist überzeugt, „dass der steigende Energieverbrauch problematisch ist, weil immer nur der materielle Wohlstand erhöht werden soll, statt den Menschen mehr Zeit für das Wesentliche zu geben“, so der Vater einer Tochter.

Krumpeck und Etzelsdorfer gehen auch mit ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz, 34, hart ins Gericht. „Es muss endlich Schluss sein mit Korruption und Postenschacher sowie mit gekaufter Berichterstattung und politischer Gängelung“, sagt Krumpeck. Besonders schlimm ist für sie die „Gleichschaltung“ einiger Medien. „Inzwischen kann ein Anruf aus dem Kanzleramt dafür sorgen, dass ein Artikel verschwindet oder weniger sichtbar gemacht wird.“ Krumpeck fordert, „dass ein geloster Bürgerrat faire und transparente Regeln festlegt, nach denen Posten und Aufträge vergeben werden und die dem Missbrauch von Steuergeld für ‚Gefälligkeits-Inserate‘ und ‚Regierungs-Werbung‘ einen Riegel vorschiebt.“ Außerdem traut sie Kurz keine ordentliche Klimapolitik zu.

Ruhe geben will die Klimaaktivistin auch weiterhin nicht. In Aktivistenkreisen wird bereits eine Besetzung der Lobau diskutiert. „Es wird ein heißer Sommer und ein noch viel heißerer Herbst“, gibt sich die 29jährige kämpferisch.