„Wir spielen ,Handbremsen-
Fußball‘“
Mit seiner Stimme, Mimik und Gestik schafft er es wie kein anderer, in Charaktere zu schlüpfen. Der Kabarettist Alex Kristan kann Hans Krankl, Andi Herzog oder Marko Arnautovic sein. Am liebsten parodiert der 49jährige prominente Sportler. Ein guter Grund, um mit dem Fußballbegeisterten unter anderem über die bevorstehende Europameisterschaft zu plaudern.
Herr Kristan, werden wir Fußball-Europameister? Wie stehen Ihres Erachtens die Chancen für unsere Nationalelf?
Meine Euphorie ist enden wollend und meine Erwartungshaltung eher gedämpft. Aber ich bin ja nur einer von neun Millionen Team-Chefs und beurteile das aus der Sicht des Anhängers, der gerne Fußball schaut.
Was stimmt Sie so wenig optimistisch?
Ich habe den Eindruck, unsere Nationalmannschaft würde gerne einen aggressiveren, offensiveren Fußball spielen, was der Teamchef unterbindet. Franco Foda setzt nach der Devise „Lieber kein Tor kriegen, als eines schießen“ auf ein ergebnisverwaltendes Spiel, das nicht mehr zeitgemäß ist.
Mit dem wenig zu holen ist?
Alle Nationalspieler spielen in starken Vereinen. Da fände ich es schöner, einen offensiven, temporeichen Fußball zu sehen. Weil sich der Trainer nicht um 180 Grad drehen wird, werden wir wahrscheinlich nicht so gut abschneiden, wie wir könnten. Ich nenne das „Handbremsen-Fußball“. Das ist so, als würde der Motorsport-Chef Helmut Marko zum Rennfahrer Max Verstappen sagen, „Dein Auto hat acht Gänge, aber schalte bitte nur bis zum fünften, damit nichts kaputt wird.“
Es hängt demnach vieles von der Trainer-Persönlichkeit ab …
Abgesehen vom Fachwissen, das ich Franco Foda nicht absprechen möchte, sollte ein Fußballtrainer ein guter Pädagoge sein. Ich denke dabei an die Kabinen-Predigt, die Jürgen Klinsmann bei der WM 2006 der deutschen Nationalmannschaft hielt. Ein Teamchef muss so etwas wie eine Vaterfigur sein und die Burschen zusammenhalten können. Und es darf keine Lagerbildung geben. Und, was nicht nur mir, sondern dem ganzen Fußball-Land ein Rätsel ist, warum David Alaba als gelernter Innenverteidiger im Nationalteam als Mittelfeldspieler aufgestellt wird, weiß außer dem Teamchef offenbar nur der liebe Gott.
Muss unser Team besser motiviert werden?
Extra viel motivieren sollte man die Spieler nicht mehr müssen. Allein zu wissen, dass sie bei einer Europameisterschaft antreten, müsste genug Antrieb sein. Sie sollten so siegeshungrig sein, dass ihnen die Glückshormone aus den Ohren spritzen und, dass sie am liebsten die Hütte niederreißen möchten.
Sind nicht auch die üppigen Gagen ein Leistungsantrieb?
Bei der Europameisterschaft geht es weniger um das Finanzielle als um die Ehre, sein Land bei einer internationalen Großveranstaltung zu vertreten.
Für die deutschen Nationalspieler soll es, so sie den Titel holen, eine Extra-Gage von 400.000 Euro pro Spieler geben …
Wenn die Spieler mit Geld motiviert werden müssen, frage ich mich schon, ob diese Menschen wirklich für das
Nationalteam geeignet sind. Zum Glück stellt sich für unser Team dieses Problem nicht. Denn wir sind von der Angst, dass wir Europameister werden, verschont.
Werden Sie trotz niedriger Erwartung die Spiele verfolgen, in der Hoffnung, daraus etwas für Ihre Parodien verwerten zu können?
Selbstverständlich werde ich zuschauen, und es wird sich hoffentlich vieles anbieten, was ich humoristisch aufarbeiten und satirisch überhöhen kann. Bislang hat sich in dieser Hinsicht immer jede Menge angeboten.
Beispielsweise, dass Marko Arnautovic seine eigene Gin- und Wodka-Marke entwickelte. Geziemt sich das für einen Sportler?
Marko hat eine Sonderstellung, weil er selbst eine starke Marke ist. Unterm Strich ist es natürlich Alkohol, den ich dennoch nicht dämonisieren möchte. Jeder weiß, dass Fußballer, die sind ja auch nur Menschen, ab und zu ein Bierchen trinken. Marko lässt halt seinen Gin produzieren, der andere wirbt für eine Bank. Viel mehr ließe sich darüber diskutieren, ob es Markos beste Idee war, im goldenen Rolls Royce ins Teamquartier zu fahren. Ob das ein Signal für den Teamgeist ist, wage ich zu bezweifeln.
Da hat sich im Vergleich zu früher schon einiges geändert …
Natürlich. Wenn sich Nationalspieler im Teamcamp beschweren, so lange von ihren Familien getrennt zu sein, meint Herbert Prohaska richtigerweise, dass sie den falschen Beruf gewählt haben. Bei einer EM dabeizusein, heißt für einen Profi, alles andere in den Schatten zu stellen. Das hat‘s früher nicht gegeben. Da wohnten die Fußballer in Hotels, fernab jeglichen Luxus. Was ihnen egal war, weil sie eine Gaudi hatten. Diese Veränderungen betreffen allerdings nicht nur den Fußball, sondern unsere gesamte Gesellschaft, die sich in einer Fünf-Sterne-Situation gewähnt hat. Keiner wusste mehr richtig zu schätzen, wie gut es uns eigentlich ging, bis Corona kam und plötzlich alles aus den Fugen geraten ist.
Mittlerweile scheint sich die Lage einzupendeln. Auch Sie stehen wieder auf der Bühne …
Ich werde meine im Vorjahr versäumten 80 Termine nachholen, zwar nur vor halber Kulisse, was aber besser ist als gar nichts.
Wie haben Sie das vergangene Jahr verkraftet?
Mit dem Sudern habe ich mich zurückgehalten. Zum einen entspricht dies nicht meinem Naturell, zum anderen bin ich mir meiner privilegierten Situation bewusst. Ich bin gesund und mein einziges Problem ist, Termine zu verschieben. Ich habe in den vergangenen Jahren halbwegs vernünftig gewirtschaftet. Von meiner Mama nach dem Motto „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ erzogen, gehe ich eher konservativ mit meinen Finanzen um.
Konservative Werte vertreten laut aktueller Studie immer mehr Jugendliche. Wie sehen Sie das als Vater einer Teenager-Tochter?
Konservativ kann ich nicht sagen. Extrem verblüfft hat mich, wie gut und selbstständig unsere 14jährige Tochter mit den Herausforderungen wie „Homeschooling“ umgegangen ist. Sie hat alles gut gemeistert, in einem Alter, wo man sich entwickeln und was erleben sollte, plötzlich keine Menschen mehr treffen zu dürfen, ist sicher nicht einfach.
Ist Ihre Tochter auch so fußballbegeistert wie Sie?
Sportlich gesehen haben wir vieles probiert, angefangen vom Reiten über Tennis sind wir schließlich beim Kickboxen gelandet, wovon sie total begeistert ist. Dementsprechend hat sie das Kickboxen in der „Lockdown“-Zeit vermisst und gemeint, ich solle ihr einen Sandsack, auf den sie ordentlich draufdreschen kann, bauen. Ich habe ihr den Wunsch erfüllt.
Am Sonntag ist Vatertag, was wünschen Sie sich?
Ich werde zwar immer wieder überrascht, wobei ich mir gar nichts wünsche außer Zeit mit der Familie. Wenn wir bei schönem Wetter gemeinsam ein Picknick machen, dann ist das der perfekte Vatertag.