Der schwere Weg zur Wahrheit
Verschwörungstheorien bekommen immer mehr Zulauf und werden immer extremer, warnt die Bundesstelle für Sektenfragen. Gleichzeitig mahnen Experten auch zum respektvollen Dialog und Umgang mit deren Anhängern.
Die Corona-Pandemie hat die Bevölkerung, nicht nur hierzulande, in zwei Lager gespalten. Die einen folgen den Vorgaben der Regierungen, die anderen lehnen deren Maßnahmen weitgehend ab, weil sie anderer Ansicht sind – und werden dann nicht selten als Verschwörer hingestellt.
„Natürlich ist nicht jede Skepsis in der Corona-Krise gleich eine Verschwörungstheorie“, stellt Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen klar. „Wer etwa wegen eines vor Kurzem entwickelten Impfstoffes Sorge hat, gehört noch nicht in die Gruppe der Verschwörungstheoretiker.“

Jedoch haben entsprechende Theorien in der Krise stark zugenommen. „Zudem werden sie immer extremer und irrationaler.“ Dieses Fazit zieht die Psychologin und Expertin für Konflikte im Bereich Verschwörungstheorien in einem aktuellen Bericht, der dieser Tage vorgestellt wurde. Vor allem um das Thema Impfen ranken sich zahlreiche Theorien. „Eine der bekanntesten ist sicher jene, die besagt, dass der amerikanische Milliardär Bill Gates, 65, Impfstoffe mit Mikrochips versieht, um uns alle zu überwachen. Eine andere besagt wiederum, dass das Impfen zur Bevölkerungsreduktion dient.“

"Anhänger kommen aus der Mitte der Gesellschaft"
Gerade in Krisenzeiten oder in bedrohlichen Situationen haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur, weiß Schiesser. „Durch das Internet und soziale Netzwerke werden diese dann innerhalb kurzer Zeit schnell verbreitet.“
Eine Umfrage wurde für den Bericht zwar nicht gemacht. Allerdings haben sich viele Menschen in den vergangenen zwölf Monaten an die Bundesstelle für Sektenfragen gerichtet. „Ab den ersten Ausgangsbeschränkungen haben die Anfragen stark zugenommen. Es ist uns in dieser Form neu, weil es so viele betrifft. Mittlerweile kennt jeder irgendjemanden, der Verschwörungstheorien verbreitet. Die Anhänger kommen aus der Mitte der Gesellschaft.“ Es sind auch Personen aus dem unpolitischen oder linken Bereich darunter. Dazu Esoterik-Anhänger und natürlich etliche Anhänger aus der rechten Szene.

Wichtig ist für Schiesser die Definition einer Verschwörungstheorie. „Darunter ist im Allgemeinen die Überzeugung von einer geheimen, geplanten Weltverschwörung zu verstehen, bei der bestimmte Ereignisse oder Situationen von geheimen Mächten in negativer Absicht manipuliert werden.“
Die Theorien sind an folgenden Merkmalen erkennbar: „Nichts ist, wie es scheint. Alles ist geplant. Nichts, was geschieht, geschieht durch Zufall. Alles ist miteinander verbunden. Und alles, was rund um uns geschieht, sind Täuschungsmanöver, um davon abzulenken, dass wir manipuliert werden.“ Die Welt wird in Gut und Böse eingeteilt. Zudem werden Vorurteile und Feindbilder aufgebaut und verfestigt.

Die Theorie, dass das Corona-Virus versehentlich aus einem Labor in China entwichen sein könnte, ist für die Expertin jedenfalls noch keine Verschwörungstheorie. „Eine Verschwörung ist es erst, wenn es einen Plan dahinter gibt, der präzise durchgeführt wird, dass also etwas absichtlich und in böser Absicht geschieht. Vielleicht ist das Virus sogar in einem Labor entstanden und durch einen Unfall entwichen. Wir wissen es nicht.“
Die Theorie hält sich jedenfalls hartnäckig. Auch weil China eine Untersuchung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) lange Zeit verhindert hatte. Diese kam zu dem Ergebnis, dass es „extrem unwahrscheinlich“ ist, dass das Virus aus einem Labor stammt.

Wahrheit und Lüge sind schwer zu unterscheiden
Zuletzt berief sich jedoch die amerikanische Zeitung „Wall Street Journal“ auf US-Geheimdienstinformationen, nach denen Mitarbeiter eines Labors in Wuhan bereits vor dem offiziellen Ausbruch der Pandemie mit Covid-typischen Symptomen in einem Spital der Stadt behandelt wurden. Der US-Präsident Joe Biden hat nun seine Geheimdienste beauftragt, den Ursprung der Pandemie zu erforschen. Innerhalb der nächsten drei Monate sollen Ergebnisse vorliegen.

Schiesser ist sich bewusst, dass es für viele Menschen oft nicht einfach ist, zu unterscheiden, was wahr ist und was nicht. „Oft haben wir irgendeine Information, die irritiert und die wir von jemandem gehört haben. Wir neigen dazu, Menschen zu vertrauen, die wir kennen. Wenn dann der Nachbar Gesundheitstipps gibt, wird ihm oft mehr vertraut als einem Arzt im Fernsehen.“ Schiesser gibt zu bedenken, dass hinter zweifelhaften Aussagen, gerade im Internet, oft anonyme Quellen stehen. „Stellen Sie sich die Frage, ob der Autor namentlich bekannt ist und ob den Aussagen ein Fachwissen zugrunde liegt.“ Ratsam ist, bei Internet-Recherchen den Suchbegriff „Faktencheck“ zu verwenden. So kommen Suchende auf Seiten, auf denen Sachverhalte besser recherchiert wurden.

Freilich gibt es jetzt auch Parteien, die Verschwörungstheorien für sich nutzen. „Das sind alle, die Gewinn daraus ziehen, Angst zu verbreiten. Für sie sind Verschwörungstheorien stets praktisch.“ Zuerst verkaufen sie Angst, dann ein Wundermittel. Bestes Beispiel ist für Schiesser, „dass ausgehend von den USA empfohlen wurde, Chlorbleiche zu trinken, um sich vor dem Virus zu schützen.“ Der ehemalige US-Präsident Donald Trump, 74, rief sogar auf, sich Desinfektionsmittel zu spritzen.

Die Expertin rät im Umgang mit Verschwörungs-
theoretikern zu Wertschätzung. „Vermeiden Sie Spott und bleiben Sie respektvoll, fordern Sie diesen Respekt aber auch von Ihrem Gegenüber ein. Stellen Sie eher Fragen, statt Vorträge zu halten. Verschwörungstheorien sind oft unlogisch oder widersprüchlich. Das wird durch Fragen sichtbar.“
Es gibt für Ulrike Schiesser jedenfalls auch eine Grenze. „Sie ist dann erreicht, wenn Wut, Hass und Angst geschürt werden und in irgendeiner Weise zu Gewalt aufgerufen wird beziehungsweise es zu Gesetzesbrüchen kommt.“

Die Hexen waren an allem schuld
Verschwörungstheorien sind freilich nichts Neues. Als einer der ersten großen Verschwörungserzählungen gilt der „Hexenhammer“ von Heinrich Kramer aus dem Jahr 1487. Die Menschen glaubten seinen Ausführungen und „Beweisen“, dass es Hexen gibt. Die verdächtigten Frauen wurden für sämtliches Unglück verantwortlich gemacht. Hexenjagden forderten geschätzt mehrere zehntausend Tote.

Zur Zeit der Pest in Europa wurden dann die Juden zum Verursacher der Krise, also zum Sündenbock, erklärt. Sie wurden verfolgt, vertrieben und ermordet.
Heute kommen Verschwörungstheorien vor allem aus den USA. So wie die „QUanon“-Theorien, die auch bei uns populärer werden. Sie besagen etwa, dass führende Köpfe in unserer Gesellschaft verkleidete Echsenmenschen (Reptiloide) wären, die uns versklaven wollen. Zudem solle es einen weltweiten Kinderschänderring um die ehemalige demokratische US-Politikerin Hillary Clinton, 72, geben. Die Kinder würden in dunklen Verliesen gefangen gehalten und es würde ihnen das Blut abgezapft. Das bekämen dann Superreiche, um ewige Jugend zu erlangen. Donald Trump, 74, solle in seiner Zeit als US-Präsident etliche Kinder durch Geheimoperationen befreit haben.