Weltweiter Kampf um die Umwelt
Der schwere Weg zur Klimawende. Während der Klimawandel unaufhörlich voranschreitet, lässt die Klimawende auf sich warten. Besonders Projekte zum Ausbau erneuerbarer Energien, wie Wind- und Wasserkraftwerke, stoßen oft auf heftigen Widerstand.
Es ist ein Ziel, das noch in weiter Ferne liegt. Bis zum Jahr 2030 wollen wir unseren CO2-Ausstoß um 55 Prozent reduzieren. Bis 2040 soll unser Land völlig klimaneutral sein. Um das zu erreichen, müssen die erneuerbaren Energien, wie Wind- und Wasserkraft, ausgebaut werden. Aktuell liegt deren Anteil bei rund 75 Prozent. Bis 2030 soll unser Strom zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien kommen.

"Aber bitte woanders"
Der Ausbau gestaltet sich jedoch schwierig. „Zwar will jeder die Energiewende, jedoch stoßen Klimaschutzprojekte oft auf heftigen Widerstand“, sagt der Sprecher der Energieversorgung Niederösterreich (EVN), Stefan Zach.
„‚Das ist ja grundsätzlich ein super Projekt, aber bitte woanders, nicht bei uns.‘ – Dieses Argument hören wir bei fast jedem Projekt. Egal wo es stehen soll, jeder Ort ist ungeeignet.“ Beispiele gibt es zuhauf. So will die EVN in Biedermannsdorf (NÖ) eine Biomasse Anlage errichten. Darin wird Waldhackgut verbrannt und in Naturwärme für 15.000 Haushalte und Naturstrom für 10.000 Haushalte verwandelt.

„Bei der Verbrennung gibt das Holz nur jene Menge des klimaschädlichen Gases Kohlendioxid (CO2) ab, die der Baum im Laufe seines Lebens gebunden hat. Naturwärme und Naturstrom sind damit praktisch CO2-neutral“, erklärt Zach. In Biedermannsdorf könnten so jährlich 25.000 Tonnen CO2 eingespart werden. So viel wie 7.500 Pkw jährlich ausstoßen. „Naturwärme, also die Fernwärmeversorgung auf Basis von Biomasse, ist die Zukunft der Wärmeversorgung. Sie ist der Schlüssel zur Wärmewende in den Haushalten.“

In der rund 3.000 Seelen-Gemeinde regt sich jedoch Widerstand. „Obwohl das Werk fast direkt neben der Südautobahn (A2) liegen würde“, sagt Zach. Jedoch gibt es dort Felder, wo die Menschen gerne spazieren gehen. Außerdem haben die Bewohner Angst vor mehr Verkehr durch die Anlage. „Wir sprechen hier aber von zwölf bis 15 Lkw-Fahrten unter der Woche und nicht durch das Ortsgebiet. Durch unser Projekt wird das Gebiet ökologisch aufgewertet. Es wird dort ein Wald entstehen, ein wertvoller Rückzugsort für Wildtiere.“

In Stockerau (NÖ) gehen die Wogen wiederum wegen des geplanten Ausbaus eines Umspannwerkes hoch. Es verteilt den Strom im Netz und verändert dafür die Spannung. „Das Umspannwerk wurde vor 50 Jahren errichtet. Mittlerweile dient es aber immer mehr dazu, lokal erzeugten Strom, etwa aus Photovoltaikanlagen, ins Netz einzuspeisen. Die Anlage muss daher erweitert und modernisiert werden.“
Dafür müsste ein etwa 15 Meter breiter Streifen neben dem Kraftwerk, teils von Sträuchern bewachsen, geopfert werden. Insgesamt geht es um 1.700 Quadratmeter Fläche. Das ist etwa so groß wie ein Viertel eines Fußballfeldes.

Widerstand beim Bau von neuen Windrädern
Jedoch bangen Bewohner und Umweltschützer um einen danebenliegenden Wald. „Dieser bleibt aber verschont“, versichert Zach. Er verweist darauf, dass ein Vorschlag der Grünen, das Werk auf eine alte Deponie zu verlegen nachvollziehbar sei, das Projekt aber acht bis zehn Jahre verzögern würde. „Und die Kosten würden von acht auf 24 Millionen anwachsen. Außerdem müssten wir viele Leitungen in Stockerau neu verlegen und viele Bäume fällen.“

Heftigen Widerstand einer Bürgerinitiative gibt es auch gegen den geplanten Windpark Schildberg in der Nähe von St. Pölten (NÖ). Eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) fiel bereits positiv aus, das Projekt ist seit 2017 genehmigt. „Auch sprachen sich bei einer Abstimmung 2015 fast zwei Drittel (63 Prozent) für den Windpark aus“, erzählt Zach. „Dann wartete man jahrelang auf die erforderlichen Fördermittel. Jetzt sollen dort Windräder der neuesten Generation errichtet werden, die deutlich mehr Strom erzeugen können als die ursprünglich geplanten. Dafür ist eine Änderung der Bewilligung erforderlich. Aufgrund von Beschwerden der Bürgerinitiative dagegen ist nun das Bundesverwaltungsgericht (BVwG) am Zug, das entscheidet, welche Rotoren sich dort drehen sollen.“
Jedes der drei geplanten Windräder ist bis zu 230 Meter hoch und kann Strom für mehr als 3.000 Haushalte erzeugen. Kostenpunkt pro Windrad sind rund fünf Millionen Euro. „Zehn bis zwölf Prozent davon sind Planungskosten inklusive aller Vorbereitungen und Gutachten.“
Die Windkraftprojekte sind für Errichter durchaus riskant. Selbst genehmigte Projekte können nochmals ins Wanken geraten. Etwa durch den Schwarzstorch. Er ist geschützt. „Wenn er vorkommt, gibt es wenig Chancen, irgendetwas zu bauen.“

Schwarzstorchnest mit einem Mäusebussard
Kürzlich wurde nun ein Horst genau solch eines Schwarzstorches im Projektgebiet von den Gegnern gesichtet. Der Fall ist jedoch skurril. „Die Bürger­inititative wollte nicht sagen, wo das Nest ist. Also musste die EVN Experten beauftragen, das ganze Gebiet abzusuchen.“ Und sie wurden fündig. „Es gibt ein Schwarzstorchnest, in dem aber ein Mäusebussard lebt“ Dieser ist nicht streng geschützt. Das sorgt für Aufatmen bei der EVN.
„Wenn dort jedoch tatsächlich ein Schwarzstorch brüten würde, dann müssten wir die Bauarbeiten einstellen, auch wenn wir mittendrin sind. Dann ist ein mehrfacher Millionenbetrag weg und halbfertige Windräder stünden in der Landschaft“, sagt Zach.

„Mittlerweile wird von den Gegnern sogar der Schattenwurf der Windräder bei Vollmond als Einspruch bei Gericht ins Spiel gebracht“, erzählt Zach. „Das nehmen wir aber mit Humor. Solche Dinge dienen in erster Linie der Verzögerung von Verfahren. Schuld an der langen Dauer von Bewilligungsverfahren sind nicht die Behörden, sondern die Vielzahl an Einsprüchen.“
Der EVN-Sprecher ist überzeugt, „der Konflikt zwischen dem wichtigen gesellschaftlichem Anliegen des Klimaschutzes, und den vielen Individualinteressen macht die Energiewende in unserem Land zum Husarenritt. Wir nehmen die Sorgen der Menschen ernst und haben Verständnis dafür. Wir müssen aber gemeinsam als Gesellschaft die Klimawende schaffen. Denn der Klimawandel ist bereits in unseren Vorgärten angelangt.“

Bis 2030 steigt der Energieverbrauch um fast ein Drittel
  • Rund 74 Terrawattstunden (Twh) Strom verbraucht unser Land pro Jahr.
  • Eine Terrawattstunde sind eine Milliarde Kilowattstunden.
  • Bis 2030 soll der Verbrauch um etwa 27 Twh steigen, also um fast ein Drittel.
  • Bis dahin soll der Strom zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien kommen. Derzeit sind es rund 75 Prozent.
  • Um das zu bewerkstelligen, müssen zu den rund 1.300 heimischen Windrädern noch 1.100 dazukommen.
  • Zudem rund zwei Millionen weitere Photovoltaikanlagen.
  • Außerdem rund fünf große Wasserkraftwerke wie jenes in Wien Freudenau. Es beliefert 280.000 Haushalte mit umweltfreundlichem Strom.
Prominente unterstützen gerne öffentlichkeitswirksam den Umweltschutz
  • Die „steirische Eiche“ Arnold Schwarzenegger, 73, hat in seiner Zeit als Gouverneur von Kalifornien (USA) Umweltgesetze zur Reduzierung der Treibhausgase auf den Weg gebracht. Heute kämpft er mit der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg, 18, gegen die Erderwärmung. Dass er aber noch immer mit einem Privatflugzeug reist, nehmen ihm Umweltschützer übel.
  • Klimaschutz steht auch auf der Fahne von Leonardo DiCaprio, 46. Als Friedensbotschafter der Vereinten Nationen setzt er sich gegen die Erderwärmung ein. „Der Klimawandel ist die größte Herausforderung für die Menschheit“, sagt DiCaprio. Dass er 2014 mit einer 147 Meter langen, 16.000 PS starken Yacht mit Freunden zur Fußball-WM nach Brasilien schipperte, rückte ihn aber in ein anderes Licht.
  • Glaubwürdiger scheint da die Schauspielerin Jane Fonda, 83, zu sein. Aus Protest gegen die Klima­politik von Donald Trump, 74, ließ sie sich im Jahr 2019 mehrmals vor dem Capitol in Washington (USA) von der Polizei abführen.
    Auch privat leistet sie ihren Beitrag. Ihr Haus ist mit einer Photovoltaik-Anlage ausgestattet. „Fliegen muss ich aber manchmal, wenn es wegen meines Berufes oder der Klima-Aktionen ist“, sagt Fonda.
EU-Kommission fordert Ende der Kurzstreckenflüge
Widerstand ist auch angesichts der Pläne der EU-Kommission vorprogrammiert, die ein Ende der Kurzstreckenflüge vorsehen. „Niemand muss zwölfmal im Jahr fliegen“, sagte EU-Vizepräsident und Kommissar für den Klimaschutz, Frans Timmermans, 60. Mit Verboten will er dies aber nicht erreichen. Vielmehr soll es attraktiver werden, mit dem Zug zu reisen. Indirekt sprach er sich aber für höhere Flug-Preise aus, indem der Flug-Treibstoff Kerosin höher besteuert wird. Dadurch könnte Fliegen aber zum Privileg der Reichen werden, sagen Kritiker. Zuletzt wurde in Frankreich ein Verbot von Kurzstreckenflügen beschlossen. Auch Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) fordert ein Verbot von Kurz- und Billigflügen.

Umstrittener Kraftwerksbau im Tiroler Ötztal
Für Wirbel sorgt auch das im Bau befindliche Wasserkraftwerk Tumpen-Habichen im Ötztal (T). Just während der ersten Ausgangsbeschränkungen der Corona-Krise im März 2020 fuhren die Bagger auf. Umweltschützer protestieren, weil ein „ökologisch seltener Wasserabschnitt“ zerstört werde. Das Kraftwerk ging durch alle Medien, als Marianne Götsch, Gewässerschutzexpertin des WWF, bei einer Protestaktion von Tirols Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Geisler (ÖVP) als „widerwärtiges Luder“ beschimpft wurde. 2022 soll das Kraftwerk in Betrieb gehen.

Dr. Christa Kummer ist Klimatologin und Hydrogeologin und seit 26 Jahren Wetter-Moderatorin im ORF. Auf Facebook, Instagram und YouTube veröffentlicht sie regelmäßig Beiträge unter dem Motto „Fit for future“ (dt. „Fit für die Zukunft“).
Geliebtes Auto, du
Auf das Auto verzichten wir ungern. Dabei gilt der Verkehr als größtes Problem beim Erreichen unserer angestrebten Klimaziele bis ins Jahr 2030. Einer aktuellen Studie des Wirtschaftsforschungs Institutes (WIFO) zufolge lagen die schädlichen Emissionen sogar im Coronajahr 2020 um 55 Prozent über jenem Wert aus dem Jahr 1990. Im Jahr 2019 verursachte der Verkehrssektor um 10,2 Millionen Tonnen mehr Kohlendioxid (CO2) als 1990.

Fahrzeuge mit Elektro-Motoren sollen die Zukunft sein. In unserem Land sind derzeit etwa fünf Millionen Pkw zugelassen. Ein Rekord. Davon werden knapp 53.000 von einem E-Motor angetrieben, von Anfang des Jahres bis April gab es 9.000 diesbezügliche Neuanmeldungen. Das reicht nicht, doch ich muss sagen, dass sich die Preise dieser Wagen in Kategorien bewegen, die es einer Durchschnittsfamilie schwer machen, sie zu kaufen. Trotz staatlicher Förderung. Doch was geschieht mit jenen Verbrennungsmotoren, die nicht mehr benötigt werden? Verlagern wir das CO2-Problem nach Afrika, weil wir unsere ausrangierten fahrbaren Untersätze dorthin verkaufen?

Außerdem bleiben viele Benzin- und Diesel-Motoren ohnedies weiter in Betrieb, wie der Sprecher der gemeinnützigen Organisation Mobilität mit Zukunft – Verkehrsclub Österreich (VCÖ), Christian Gratzer, meint. „Es ist aber zu erwarten“, erklärt er, „dass die Zahl der neugekauften Benziner und Diesel-Pkw in den kommenden Jahren deutlich sinken wird. In Norwegen waren bereits im Vorjahr 51 Prozent der Neuwagen E-Pkw (im Jahr 2013 waren es erst rund sechs Prozent). Die Norweger sind dahingehend Vorreiter, schon ab 2025 soll kein Auto mit Verbrennungsmotor mehr verkauft werden.“