„Weil die Psyche der Kinder leidet, werden sie Corona-krank“
Dr.Dr. Christian Schubert, 59, untersucht den Zusammenhang von Psyche und Immunsystem. Seine Kritik an den Maßnahmen der Regierung blieb nicht folgenlos. Trotzdem lässt er sich seine auf Studien beruhende Meinung nicht nehmen.
Ist die Psyche krank, leidet auch das Immunsystem und Viren haben leichteres Spiel, unseren Körper zu schwächen. Davon ist der studierte Mediziner und Psychologe Univ.-Prof. Dr.Dr. Christian Schubert überzeugt. Der 59jährige Wissenschaftler erforscht seit 25 Jahren die Wechselwirkungen zwischen Psyche, Gehirn (Nervenzellen und Neurotransmitter) und Immunsystem (Immunzellen und Zytokine). Weil er sich immer wieder kritisch über die von der Regierung verhängten „Lockdowns“ äußerte, drohen ihm berufliche Konsequenzen. Das Gespräch führte die WOCHE-Reporterin Barbara Reiter.
Was stört Sie an der Bekämpfung der Corona-Pandemie der Regierung?
Ich hatte von Beginn an den Eindruck der Unverhältnismäßigkeit. Ich glaube, das ist das Wort schlechthin in dieser Krise. Es geht nicht darum, das neuartige Corona-Virus wegzuleugnen und zu sagen, es hat keinen besonderen Stellenwert in Bezug auf Krankheit und den Tod von Menschen. Das stimmt nicht. Ich glaube durchaus, dass wir aufpassen und entsprechende Veränderungen schaffen müssen …
Zum Beispiel?
Den Schutz von Risikogruppen. Aber monatelange soziale Distanz, „Lockdowns“, die zu Einsamkeit und Arbeitslosigkeit führen, und die Schule daheim sind nicht die Lösung. Sie rufen eine enorme psychische Belastung in den unterschiedlichen Altersgruppen hervor. Es kann nicht sein, dass wir, um Opfer zu vermeiden, einerseits das Virus eindämmen wollen, andererseits aber das zur Abwehr von Covid 19 so wichtige Immunsystem massiv schwächen, sodass das Infektionsrisiko erst recht steigt. Das ist für mich das Paradoxe an der Situation und das spreche ich an.
Wer sind die Risikogruppen?
Aus einer Studie der Sigmund-Freud-Privatklinik in Wien, die an 1.000 Österreichern durchgeführt wurde, geht hervor, dass psychische Belastungen besonders Frauen, Städter, Ärmere mit einem Monatseinkommen bis zu 1.500 Euro und Personen unter 50 Jahren trifft. Weiterhin steht einer chinesischen Studie zufolge fest, dass Menschen in der Covid-19-Krise mit verstärkter psychischer Belastung, Angst, Depression und posttraumatischen Belastungssymptomen reagieren, wenn sie psychisch bereits vorbelastet sind.
Mittlerweile erkranken auch immer häufiger junge Menschen und sogar Kinder. Wie ist das für Sie zu erklären?
Es hat bereits Suizidversuche bei den Kleinsten gegeben und die Kinderpsychiatrie in Wien hat schon im Jänner Alarm geschlagen, weil die Stationen voll sind. Die Psyche der Kinder ist derart belastet, dass diese Gruppe jetzt natürlich anfälliger für Covid-19 ist. Es ist davon auszugehen, dass durch gezielte Angst- und Panikmache das Immunsystem der Kinder geschwächt wurde, was dazu führt, dass sie sich leichter infizieren und durchaus auch schwerer an Covid-19 erkranken können. Das gilt natürlich für alle Altersgruppen: Menschen, die durch Angst, Einsamkeit oder Armut psychisch belastet sind, werden öfter und schwerer krank und sterben schneller. Das alles ist evidenzbasiert, stammt also aus der Sammlung und Bearbeitung von Daten und wurde von der Psychoneuroimmunologie über viele Jahrzehnte bewiesen. Die reflexartigen Erklärungen aus der Biomedizin sind zumeist rein auf das Virus bezogen, was für meine Begriffe falsch ist.
Falsch ist ein starkes Wort …
In der Ganzheitsmedizin sehen wir Faktoren wie die psychischen, sozialen und kulturellen Umstände, in denen wir leben, als enorm wirksam an. Sie haben einen starken Einfluss auf biologische und stoffliche Komponenten wie das Immunsystem. Jene Mediziner, die sich vor allem das Virus anschauen, werden die Mutanten dafür verantwortlich machen, dass nun auch Jüngere und sogar Kinder betroffen sind. Biologisch gesehen macht das Sinn, ich bin aber Vertreter einer Ganzheitsmedizin und betrachte weitere Kontextfaktoren wie Schulschließungen und soziale Isolation als ausschlaggebend. Als Psychoneuroimmunologe weiß ich, welch enorme Auswirkungen die Psyche auf das Immunsystem hat. Und da fällt mir sofort auf, dass wir jetzt schon 13 Monate mit Covid-19 zu tun haben und die Bevölkerung ebenso lange ganz schön viel Angst und Panik erlebt hat. Die Menschen sind zunehmend depressiv und verängstigt.
Lässt sich das belegen?
Eine Studie von Mitarbeitern der Donau-Universität in Krems (NÖ) an 1.009 Befragten nach dem ersten „Lockdown“ im März 2020 hat gezeigt, dass im Vergleich zur Zeit vor dem Zusperren depressive Symptome von etwa vier auf mehr als 20 Prozent und Angstsymptome von fünf auf 19 Prozent angestiegen sind. Das ist ein vier- bis fünffacher Anstieg. Zudem litten 16 Prozent unter Schlafstörungen. Neuere Daten zeigen ein weiteres Ansteigen der psychischen Symptome nach dem dritten „Lockdown“ im Winter auf das Fünf- bis Sechsfache im Vergleich zur Zeit vor der Krise. Von rund 1.500 Befragten leiden aktuell rund 26 Prozent der heimischen Bevölkerung an depressiven Symptomen, also jeder Vierte. 23 Prozent haben Angstsymptome und 18 Prozent Schlafstörungen.
Warum ernten Sie immer wieder Kritik?
Die Psychoneuroimmunologie stellt, wie ich sie sehe, salopp gesagt die Schulmedizin auf den Kopf. Das hören die Kolleginnen und Kollegen natürlich nicht gerne, insbesondere nicht in Zeiten von Covid-19. Ich hatte erstmals in dieser Krise den Eindruck, jetzt gehen die Menschen auf einen los. In der Forschung habe ich mich nie angefeindet gefühlt. Nun merke ich, dass die im Prinzip nach wie vor gleiche Haltung, die ich habe: „Schulmedizin, so geht es nicht!“ zum Problem wird. Jetzt muss ich in diese Auseinandersetzung gehen und mich bewähren. Das tue ich gerne, weil ich das in meiner 25jährigen Berufskarriere auf irgendeine Art und Weise immer gemacht habe. Ich bekenne auch jetzt Farbe und kämpfe für das, woran ich glaube.
Sie sind mehrmals bei Corona-kritischen Veranstaltungen aufgetreten. Haben Sie keine Angst vor Konsequenzen?
Es gab nach meinen Auftritten sehr wohl Konsequenzen. Ich bin von der Medizinischen Universität Innsbruck ermahnt worden und ich habe ein laufendes Disziplinarverfahren mit der österreichischen Ärztekammer. Das sind alles Dinge, die unangenehm sind, keine Frage. Ich werde aber nicht aufhören, meine Meinung zu sagen, die auf den Erkenntnissen der Psychoneuroimmunologie beruht. Als lernfähiger Mensch bin ich gerne bereit, an der Art und Weise zu arbeiten, eine Botschaft zu vermitteln, so ich in der Vergangenheit jemanden verletzt habe. Aber ich werde mich inhaltlich in keiner Form zensurieren lassen. Dafür gehe ich bis was weiß ich wohin.