„Mein Optimismus ist nicht Gott gegeben“
60. Geburtstag, 30. Hochzeitstag, ein „Muschel-Krimi“ und 25 Kilo weniger Körpergewicht. Der
deutsche Kabarettist Bernd Stelter ist überzeugt, dass es zum Älterwerden Spaß braucht. Er selber arbeitet ständig daran, optimistisch zu bleiben.
Herr Stelter, Ihr neuer, mittlerweile dritter Camping-Krimi, heißt „Mieses Spiel mit schwarzen Muscheln“. Mögen Sie Muscheln?
Ich bin einer der größten Muschel-Liebhaber, wobei das früher überhaupt nicht so war. Bei meinen Eltern galten Muscheln als klebriges, glitschiges Etwas, das nicht gegessen wird. Erst Jahre später, bei einer Buchmesse in Frankfurt (D), aß ich zum ersten Mal Muscheln, und zwar frittierte Miesmuscheln in getrüffeltem Rahmspinat. Ich war hin und weg, nie im Leben hätte ich geglaubt, dass das Zeug so köstlich schmecken kann.
Sie haben aber kein Kochbuch, sondern einen Krimi geschrieben …
Nachdem ich meine kulinarische Vorliebe für Muscheln entdeckt hatte, begann ich, mich genauer für sie zu interessieren. Ein Freund nahm mich auf seinem Kutter mit. Da konnte ich sehen, wie tonnenweise Muscheln am Hafen angeliefert wurden. Mir wurde klar, was für ein gigantisches Geschäft der Handel mit Muscheln ist, ein Geschäft, bei dem auch viel Betrug im Spiel ist. Daraufhin begann ich, meinen Muschel-Krimi wie ein Puzzle-Spiel zu konstruieren.
Wie lange haben Sie getüftelt?
Seit März 2020 hatte ich unerwartet viel Zeit. Von den geplanten 107 Kabarett-Auftritten sind acht geblieben. Also habe ich mich meinem Buch gewidmet.
Waren Sie in Ihrer zweiten Heimat in den Niederlanden?
Ja, zum Glück, meine Frau Anke und ich waren acht Wochen auf dem Campingplatz in der südwestlichen Provinz Zeeland. Dort ist seit 25 Jahren unser zweites Zuhause. Inzwischen sind wir zum „Senioren-Camping“ übergegangen. Wir haben keinen Wohnwagen mehr, sondern ein Mobilheim. Vormittags habe ich die Region rund
um das Muscheldorf Yerseke mit dem Fahrrad erkundet. Nachmittags habe ich geschrieben und abends habe ich – bei einem großen Glas Wein – weitergeschrieben.
Haben Sie mit der Pandemie nicht gehadert?
Neun Monate überhaupt nicht, seit Anfang dieses Jahres hadere ich allerdings schon mit der Situation. Ich bin ja eine Rampensau, liebe die Bühne und möchte mit meinem Programm „Hurra, ab Montag ist wieder Wochenende!“ vor dem Publikum spielen.
Worum geht es darin?
Ich saß im Auto, als ich den Radiomoderator sagen hörte, „Hey, Leute, Montag ist nicht unser Tag, aber nur noch fünf Tage, dann ist Wochenende.“ Da fragte ich mich, ob der nicht alle Tassen im Schrank hat. Ist doch ein Blödsinn, jeder Tag will gelebt werden. Ich bin zwar hoffnungsvoll, aber mein Optimismus ist nicht Gott gegeben. Ich arbeite ständig daran. Wenn ich in der Früh aufstehe, bin ich nicht automatisch fröhlich, das werde ich erst nach und nach.
Haben Sie dafür ein Rezept?
Vor dem Einschlafen führe ich mir die schönen Erlebnisse vor Augen, nette Gespräche mit sympathischen Menschen oder lustige Begebenheiten. Dann schlafe ich gut ein und wache zufrieden auf.
Am 19. April feierten Sie den 60er, bald steht ein weiteres Jubiläum ins Haus, und zwar die „Perlenhochzeit“ am 1. Juni …
Eines meiner Kabarett-Programme heißt „Wer heiratet, teilt sich die Sorgen, die er vorher nicht hatte“. Von daher betrachtet, haben Anke und ich alles gut hinbekommen. 30 Jahre verheiratet zu sein, ist schon gut und nicht selbstverständlich, schon gar nicht in unserer Branche.
Feiern Sie Ihre Hochzeitstage?
(lacht) Nein, Anke und ich vergessen meistens darauf. Als meine Mutter noch lebte, hat sie mich immer an unseren Hochzeitstag erinnert. Einmal haben Anke und ich gefeiert, in einem Restaurant mit Blick aufs Meer, das war schon romantisch.
Wie erleben Sie als Paar die Ausnahmezeit?
Normalerweise bin ich mehr als 100 Tage im Jahr auf Tournee. Wenn es begann, dass meine Frau und ich uns auf die Nerven gingen, war ich schon wieder unterwegs. Nur daheim zu sein, ist völlig neu für mich. Am Anfang gingen meine Frau und ich jeden Tag gemeinsam spazieren, mittlerweile nur noch ein Mal pro Woche. Sonst geht jeder seine Runde allein. Freiraum ist wichtig, Reden ist noch wichtiger. Angeblich reden Paare, die mehr als zehn Jahre verheiratet sind, nicht einmal zehn Minuten am Tag miteinander. Ich rede mit Anke schon in der Früh vor dem Zähneputzen zehn Minuten lang.
Sehen Sie Ihre Kinder regelmäßig?
Ja, beide, Sohn und Tocher, das ist uns wichtig. Manchmal passe ich auf den Hund meiner Tochter auf. Aufgrund der Tierhaar-Allergie meiner Frau dürfen wir leider keinen Hund haben. Umso mehr freue ich mich, mit „Loki“, passend benannt nach dem Wikinger-Gott des Schabernacks, Gassi zu gehen. „Loki“ ist der Vorbote für mein erstes Enkelkind, ich habe die Vorahnung, dass ich bald Opa werde. Deswegen sage ich, „Loki“ ist mein Enkelhund.
Werden Sie es künftig langsamer angehen?
Wenn wir diese seltsame Zeit hinter uns haben, werde ich nicht mehr in den „Workaholic“-Status zurückfallen. Ich arbeite schon am nächsten Buch. Es wird kein Krimi, sondern ein Sachbuch mit dem Titel „Wer älter wird, braucht Spaß am Leben“. Ich beschäftige mich doch ein bisschen mit dem Älterwerden. Als ich 30 wurde, fand ich mich uralt. Der 40er war okay, ich hatte eine Frau, zwei Kinder, ein Reihenhaus und fühlte mich gut. Der 50er war wieder eine Katastrophe für mich und machte mich nachdenklich. Mit 60, sage ich, das ist in Ordnung so. Die Kinder sind selbstständig und ich fange mein drittes Drittel an, werde noch viel Neues lernen und aufpassen, dass ich geistig und körperlich fit bleibe.
Damit haben Sie schon angefangen. Sie wiegen um 25 Kilo weniger als vor einem Jahr …
Als alle davon redeten, dass wir täglich 10.000 Schritte machen sollen, dachte ich mir, was für ein Blödsinn. Zum 59. Geburtstag haben mir meine Kinder ein Fitness-Armband geschenkt. Da brachte ich noch 133 Kilo auf die Waage. Meinen Kindern zuliebe trage ich seither das Armband und mache tatsächlich täglich 10.000 Schritte. Meine Blutwerte haben sich seither deutlich verbessert, ich habe nun 108 Kilo. Weniger als 100 Kilo zu haben, ist mein Ziel.
Möchten Sie das Rad der Zeit zurückdrehen?
Um Gottes Willen, nein, ich kann mit dem 60er gut umgehen und trauere dem Jungsein nicht nach. Ich bin froh, dass ich nicht mehr Moped fahre oder versuchen muss, im Tanzkurs Mädels aufzureißen.