Der Bio-Botschafter
In Corona-Zeiten finden Bio-Lebensmittel reißenden Absatz. Als Vorreiter der Öko-Bewegung gilt der deutsche Geschäftsmann Götz Rehn. Er gründete vor fast 40 Jahren die Biomarke „Alnatura“, die auch in heimischen Regalen steht. Rehn wünscht sich noch viel mehr Bio.
Gewinnmaximierung ist nicht mein Ziel“, sagt Götz Rehn. Vielmehr beteuert der deutsche Geschäftsmann, der 1984 die Biomarke „Alnatura“ ins Leben rief, edle Absichten. „Ich wollte ein Unternehmen gründen, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt, sinnvolle Produkte erzeugt und Rücksicht auf die Umwelt nimmt.“ Ganz gemäß seinem Leitsatz „Sinn statt Gewinn“.
Der Appetit auf naturbelassene Lebensmittel steigt seit Jahren, besonders in der Pandemie. Im Jahr 2020 wurden damit im heimischen Einzelhandel 713 Millionen Euro umgesetzt. Um 23 Prozent mehr als 2019. Wegen Corona-Maßnahmen und Heimarbeit essen mehr Menschen daheim und immer mehr wollen gesünderes Essen auf ihren Tellern genießen.

Götz Rehn ist ein Vorreiter der Bio-Bewegung. Obwohl ihm viele ein Scheitern prophezeiten. Sogar sein Vater. Er wollte, dass sein am 2. März 1956 im deutschen Bundesland Baden-Württemberg geborener Sohn der Familientradition nach Arzt wird. Doch Rehn schwenkte um und studierte Volkswirtschaftslehre.
Um studieren zu dürfen, musste er die Matura schaffen. „Ich war äußerst schlecht. Weil ich die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium nicht schaffte, kam ich auf die Waldorfschule.“ Das freie Lernen abseits der Lehrpläne, weitgehend auch ohne Noten, sieht er heute als wegweisend.
Während seiner Jugend im Ruhrgebiet (D) wurde Rehn klar, dass er etwas verändern wollte. „Ein Bergwerk nach dem anderen machte dicht, die Kumpels hatten das Nachsehen. Ich fragte mich, ob die Welt wirklich so aussehen müsse.“
Rehn begegnete dem Unternehmer Alfred Rexroth († 1978), der in der Metallverarbeitung tätig war. „Seine Art, mit Mitarbeitern umzugehen, hat mich angeregt, im Wirtschaftsleben etwas Sinnvolles aufzubauen.“ Rehn wollte ebenfalls eine Firma gründen. Davor nahm er noch eine Stelle beim Lebensmittelriesen Nestlé an. Dort arbeitete er sich zum Produktmanager beziehungsweise -gruppenleiter der Schokoladenabteilung empor.

Skandal um Löhne bei "Alnatura"
Doch statt Schokolade hatten es Rehn, der als Kind bei seiner Großmutter Obst und Gemüse anpflanzte, unbelastete, naturbelassene Lebensmittel angetan. „Bio war damals noch eine belächelte Schiene. Doch ich war nie besonders ängstlich. Als Unternehmer sehe ich immer die Chancen“, erzählt Rehn, den die Lehre der „Anthroposophie“ prägte. Die „Weisheit vom Menschen“ vertritt den Standpunkt, „dass das Kapital den Menschen dienen muss, und nicht umgekehrt.“
Umso lauter waren die Meldungen, als vor Jahren bekannt wurde, dass Rehn seine Mitarbeiter teils unter der Lohngrenze zahlte. Rehn passte die Löhne an. Im vergangenen Jahr wurde der interne Mindestlohn dann noch einmal erhöht, von zwölf auf 13 Euro. „Damit zahlt Alnatura einen um fast 40 Prozent höheren Stundensatz als die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen 9,35 Euro.“
Über den Unternehmensgewinn schweigt Rehn. Es gibt inzwischen mehr als 110 Alnatura-Filialen in Deutschland. Auch andere Märkte vertreiben seine Produkte. 2020 machte die 2.760 Mitarbeiter starke Firma eine Milliarde Euro Umsatz.

"Junge Menschen können mehr, als sie denken"
Zu Beginn wurde Rehn von Götz Werner, 77, dem Gründer und ehemaligen Chef der Drogeriekette DM, unterstützt. Rehn durfte seine Produkte seit den 80er Jahren in DM-Filialen vertreiben. Mit Erfolg. 1987 eröffnete er in Mannheim (D) den ersten eigenen Alnatura-Markt.
Zum Bruch mit dem einstigen DM-Chef, der Rehns Schwester geheiratet hatte, kam es erst 2015, als DM eine eigene Bio-Linie einführte und Alnatura auslistete. Rehn kündigte daraufhin den gemeinsamen Vertrag, bot seine Bio-Produkte bei der Konkurrenz an und verlangte die alleinigen Markenrechte. Auch der DM-Gründer bestand darauf, da aus seiner Sicht Alnatura durch DM groß geworden sei. 2017 wurde der Streit um die Markenrechte aber außergerichtlich beigelegt, da der DM-Gründer eine entsprechende Klage zurückzog.

Hierzulande soll Alnatura bei Billa und Billa Plus, vormals Merkur, aus den Regalen verschwinden. Ebenfalls wegen hauseigenen Bio-Marken. Eigene Alnatura-Filialen sind bei uns aber nicht geplant. Produkte wie Haferflocken, Kokos-Milch und der Traube-Himbeer-Früchteriegel erfreuen sich aber bei Müller und Bipa größter Beliebtheit.
Gekennzeichnet sind Alnatura-Lebensmittel mit dem EU-Biosiegel, das regelmäßige Kontrollen bei der Verarbeitung und den Öko-Importen vorsieht. Bei Tests schneidet Alnatura aber nicht immer gut ab. Erst 2020 wurden in einem Pesto und in einer Schokolade Schadstoffe wie Mineralöl gefunden.

Von Rückschlägen lässt sich Rehn, der zu einer Art Bio-Botschafter geworden ist, aber nicht beirren. Er wünscht sich, dass noch mehr Landwirte auf Bio umsatteln. Dafür fordert er mehr Geld für die Ökoforschung. Zudem muss es den Bauern leichter gemacht werden, auf Bio umzustellen, weil sie ihr Handwerk anders erlernen und investieren müssen. Den Bedarf sieht er gegeben. „Wir haben noch gut Platz auf dem Bio-Markt.“
Von seinen Waren ist er überzeugt. „Wann immer ich es in der Hand habe, esse ich nur Bio-Produkte. Schon weil sie besser schmecken.“ Dass Bio in der Regel teurer ist, ist ihm ein Dorn im Auge. „Bio darf kein Luxus sein. Wir sind daher stets um günstige Preise bemüht.“ Alnatura ist nicht selten günstiger als andere Bio-Marken.
Mit 71 Jahren bereitet er seinen Abschied aus der Firma vor, in der auch sein Sohn Lukas arbeitet. Als Nachfolger ernennt er ihn aber nicht. „In Familienunternehmen kommt es häufig zu Streitereien“, sagt er. Deswegen will er die Firma in zwei Stiftungen umwandeln.

Derzeit hält Rehn das Zepter noch fest in der Hand. Und er hat sich etwas Besonderes für die Lehrlinge in seiner Firma ausgedacht. Sie müssen in ihrer Ausbildung eine Woche lang Theater spielen. „Das löst nicht immer Begeisterungsstürme aus“, schmunzelt er. „Jedoch erfahren die jungen Menschen dabei, dass sie viel mehr können, als sie denken.“