„Die Krise hat die Menschen empfindlicher gemacht“
In ihren Filmen ist sie fürsorglich, dann wieder streng und unnahbar. Die Schauspielerei hat Gaby Dohm, 77, berühmt gemacht. Dabei wäre sie gerne Kinderbuch-Illustratorin geworden, wie sie der WOCHE-Reporterin Anke Sieker erzählt hat.
Frau Dohm, stimmt es, dass Sie gern Kinderbücher gestaltet hätten, statt Schauspielerin zu werden?
Ja, weil ich schon früher gerne gelesen habe und es damals kaum schöne Bilderbücher gab. Es ist auch vieles im Krieg verbrannt worden, deshalb waren Kinderbücher auch schwer zu bekommen. Als kleines Mädchen habe ich das äußerst bedauert. Was die Kinder heute zu viel haben, hatten wir damals zu wenig. Umso blühender war dafür unsere Fantasie.
Welche waren Ihre Lieblings-Märchen?
Ich habe besonders orientalische Märchen geliebt.
Wie haben Sie früher die Zeit mit Ihrem Sohn verbracht?
Als Julian noch klein und ich noch am Theater war, sind häufig Freunde von ihm zu uns gekommen, und ich habe es geliebt, sie zu bekochen.
Heute ist Ihr Sohn erwachsen und arbeitet als Regisseur und Produzent. Planen Sie womöglich einen gemeinsamen Film mit ihm?
Nein, Julian wohnt auch nicht mehr in Berlin (D), sondern inzwischen mit seiner Familie am Bodensee.
Sie sind schon dreifache Großmutter. Dürfen die Kinder Oma zu Ihnen sagen? Einige Kolleginnen von Ihnen mögen das ja weniger …
Natürlich sagen sie „Omi“ zu mir. Ich bin nicht diejenige, die von ihren Enkelkindern mit dem Vornamen angesprochen werden will.
Was machen Tomke, Quinn und Nelly mit der Omi?
Ich spiele am liebsten Fantasiespiele mit ihnen, verstecken oder baue mit ihnen gerne aus Decken Höhlen und Burgen. Wir singen auch viel zusammen, und sie lieben es, wenn ich Kaiserschmarren und Vanillekipferl für sie mache.
Bedauern Sie, kein zweites Kind bekommen zu haben?
Nein, mit meinem Sohn war und bin ich vollauf glücklich. Es war für mich und die Art meines Lebens auch die richtige Entscheidung, keine weiteren Kinder zu bekommen. Mein Sohn wollte auch gar keine Geschwister. Und, wie gesagt, hatten wir trotzdem immer volles Haus, weil seine Freunde häufig bei uns waren.
Wie waren Sie als Kind?
Als ich ein Mädchen war, galten ein rosa Lippenstift und ein hellblauer Lidschatten als schick. Also haben sich meine Freundinnen und ich in der Früh heimlich vor der Schule geschminkt – meine Mutter war natürlich schockiert. Ebenso, wenn ich später von einer Rock-‘n‘-Roll-Party nachts nach Hause gekommen bin. Die waren in meiner Jugendzeit in Berlin typisch. Manchmal sogar in einem Schrebergarten.
Stimmt es, dass Sie als Kind öfters ausgerissen sind?
Ja, ich wollte immer weg und war schon als kleines Mädchen ziemlich abenteuerlustig. Mit fünf Jahren bin ich an einem Abend ausgerissen, und meine Eltern haben mich lange gesucht. Ich fand auch Abenteuergeschichten wie die von „Pünktchen und Anton“, die ihre Strümpfe zerschnitten haben und wilde Erlebnisse hatten, super. Meine Mutter hat immer darauf geachtet, dass ich gut angezogen war – was ich in der Schule peinlich fand. Ich wollte lieber wild sein und war in einem Alter, in dem ich so sein wollte wie Pippi Langstrumpf. Deshalb sind deren Geschichten auch bis heute so erfolgreich.
Sie spielen häufig resolute und eigenwillige Frauen-Rollen. Gibt es Situationen, in denen Sie sich wiedererkennen? Sie strahlen ja auch tatsächlich eine gewisse Autorität aus …
Das ist immer gut – aber sonst habe ich mit diesen Rollen überhaupt nichts gemeinsam. Aber es ist ja auch gerade das Reizvolle, eine unsympathische Frau zu spielen.
Was macht Sie persönlich wütend?
Die Unachtsamkeit von Menschen. Anrempeln, nicht aufpassen auf seine Nächsten, diese totale Ich-Bezogenheit, die sich immer mehr breitmacht – all das macht mich wütend. Es zeigt sich leider viel Unangenehmes in dieser Zeit und ist allgemein zwischenmenschlich schwierig geworden. Ich beobachte auch, dass die Menschen empfindlicher geworden sind, weil sie derzeit wenig Ausgleich finden und auch den guten Freund nicht mehr spontan in den Arm nehmen dürfen. Dadurch, dass wir uns selber so reduzieren und körperlich zurücknehmen, habe ich den Eindruck, dass wir auch ein bisschen verstummen, die Dinge nicht mehr ausreden wie bisher. Die Menschen fühlen sich schneller zurückgesetzt.
Wie hat sich Ihr Leben durch die Pandemie verändert?
Für mich hat sich nicht viel geändert. Da ich inzwischen Rente beziehe und in einem Alter bin, in dem ich nicht mehr so viel arbeite wie früher, lebe ich eigentlich wie bisher. Ich habe mich immer gerne zurückgezogen, gelesen, Musik gehört und bin gerne in der Natur. Beim ersten Zusperren hatte ich nicht den Eindruck, etwas zu versäumen, weil es ja allen gleich ging. Die meisten Menschen, die ich kenne, haben es auch als positiv empfunden, einmal wieder zu sich zu kommen und in ihren eigenen Bücherschrank zu schauen, statt sich das nächste Buch zu kaufen. Danach habe ich bis zum Sommer gedreht und bin froh, in der Zeit auch meine Enkerln gesehen zu haben.
Sehen Sie die Situation noch immer so entspannt?
Die Situation ist zermürbend, vor allem auch, weil in jeglicher Zeitung und Fernsehsendung Corona thematisiert wird. Das finde ich nicht förderlich. Ich fände es besser, die Menschen aufzumuntern und zu zeigen, wie Künstler, die es gerade besonders schwer haben, die Situation bewältigen – zum Beispiel Musiker weiterhin spielen oder Tänzer nach wie vor trainieren. Es muss furchtbar sein, wenn jemand regelmäßig trainiert und nicht auftreten kann. Umso mehr bewundere ich, wenn Tänzer bei Laune bleiben, während sie sich weiterhin quälen.