„Das Leben ist trotz der Schmerzen schön“
Da hat die Corona-Pandemie einmal etwas Gutes bewirkt. Weil alle Konzerte abgesagt wurden, konnte sich die amerikanische Rockband „Evanescence“ darauf konzentrieren, ein neues Album zu produzieren. Es ist das erste seit zehn Jahren, trägt den Titel „The Bitter Truth“ und ist seit Freitag auf dem Markt. Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth sprach mit der Frontfrau Amy Lee, 39, die seit ihrer Hochzeit mit einem Psychiater im Jahr 2007 offiziell Amy Hartzler heißt.
Die bislang letzte Album-Veröffent-lichung von „Evanescence“ gab es vor zehn Jahren. Ist das nicht eine ziemlich lange Zeit, Frau Hartzler?
Wir haben die Arbeit nicht gerade überstürzt, das stimmt. Und das Verrückte ist: Ohne Pandemie wäre die Platte wahrscheinlich noch immer nicht fertig, denn wir wären im Jahr 2020 auf großer Tournee gewesen. Aber so waren wir zu Hause und fast schon gezwungen, unsere ganze Energie in „The Bitter Truth“ zu stecken. Wir hatten einfach keine Ausreden mehr, um noch länger an dem Album herumzuwerkeln.
Warum dauert es bei Ihnen so lange?
Ich lasse mich von meiner Inspiration treiben, doch manchmal ist dieser Antrieb einfach nicht vorhanden oder nur schwach. Ich habe nicht ständig Millionen von Ideen. Wenn ich Musik mache, dann geht das auch nicht so nebenbei. Kreativ zu sein beansprucht und fordert mich zu einhundert Prozent. Und zwischendurch ist auch viel passiert. Schöne Dinge wie die Geburt meines Sohnes Jack, der jetzt sechs Jahre alt ist, und furchtbare Ereignisse wie der Tod meines Bruders vor drei Jahren. Robbie starb an einer schweren Form von Epilepsie, an der er die längste Zeit seines Lebens litt.
„Evanescence“-Lieder gehen tief. Setzen Tragödien und Dramen in Ihnen eine besondere Energie frei?
Ich denke, so ist das. Alle meine Texte basieren auf persönlichen Erfahrungen, sonst würde es sich für mich falsch anfühlen, diese Lieder zu singen. Ich habe in meinem Leben viel durchgemacht und einige einschneidende Verlusterfahrungen durchlitten. Der Tod meines Bruders hat mich auf vielfältige Weise unheimlich getroffen, aber er hat mich auch aufgerüttelt. Ich habe neue Nahrung für meine Haltung bekommen, dass unsere Zeit kostbar ist. Du kannst entweder schreien und am Boden liegen, oder du besinnst dich darauf, dass das Leben trotz aller Schmerzen, die du unweigerlich irgendwann erleiden musst, unheimlich schön ist.
Versteht Ihr Sohn schon, was Sie machen?
Ja, sicher. Jack war in den vergangenen Jahren fast immer auf den Tourneen mit dabei. Für ihn gab es kaum ein größeres Abenteuer, als im Bett eines fahrenden Busses zu schlafen. Er würde am liebsten im Tourbus leben, und am Ende eines Konzertes rennt er zur Verbeugung mit hinaus auf die Bühne. Er denkt, der ganze Applaus sei für ihn (lacht). Wenn er jetzt in die Schule kommt, ändert sich das natürlich.