Soll das „Heimbüro“ zur Pflicht werden?
In der Schweiz gilt seit Mitte Jänner eine Pflicht zum „Homeoffice“. Arbeitgeber müssen es überall dort anordnen, wo es möglich und „mit verhältnismäßigem Aufwand umsetzbar ist“. Auch in Deutschland muss das „Heimbüro“ angeboten werden, wenn es machbar ist. Bei uns setzt die Regierung auf Freiwilligkeit bei der Heimarbeit. Auch im Osten des Landes, wo über Ostern strengere Ausgangsbeschränkungen gelten und nur die Grundversorger offen halten dürfen.
JA:
Gerald Gartlehner,
Epidemiologe

„Es wird eine Pflicht brauchen, weil der Appell ziemlich ungehört verhallt ist. ,Home-Office‘ ist eine Maßnahme, deren Potenzial wir seit dem ersten ,Lockdown‘ viel zu wenig genutzt haben. Es reduziert Kontakte im Büro und natürlich auch in öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Bewegungsdaten, die wir bei den letzten ,Lockdowns‘ gesehen haben, zeigten, dass nicht mehr sehr viel von zuhause aus gearbeitet wird. Aber wir müssen der Realität ins Auge sehen. Wenn wir nicht bereit sind, diese Art von Maßnahmen umzusetzen, auch wenn sie natürlich mühsam sind und es nicht bei allen möglich ist, dann gehen wir ganz sicher in den nächsten harten ,Lockdown‘ im ganzen Land. In der Schweiz wird die verpflichtende ,Heimarbeit‘ ja derzeit auch schon eingesetzt. Ein anderer Baustein wäre, die Gültigkeit der Ergebnisse von Antigentests auf 24 Stunden statt 48 Stunden zu reduzieren. Das wäre wichtig, weil die Antigentests keine 48 Stunden hergeben, da ist die Treffsicherheit einfach zu ungenau. Beim PCR-Test ist das anders. Natürlich brauchen wir dann mehr Kapazitäten, aber 48 Stunden bei einem Antigentest sind ein Luxus, den wir uns wahrscheinlich nicht mehr leisten dürfen.“

NEIN:
Rolf Gleißner,
Wirtschaftskammer

„Die Einigung der Sozialpartner zum ,Homeoffice‘ wird mit 1. April Gesetz. Aus gutem Grund mit Freiwilligkeit als Eckpunkt. Eine Pflicht würde Unternehmen und/oder Mitarbeiter überfordern und die Infektionslage kaum verbessern. Natürlich ist ,Homeoffice‘ Gebot der Stunde und meist im Interesse von Unternehmen und Mitarbeitern. Daher arbeiten derzeit etwa 40 Prozent ganz oder teilweise von zu Hause aus. Ein hoher Wert, können doch die meisten Leistungen in Bereichen wie Industrie, Handel, Handwerk nicht daheim erbracht werden. Büroarbeit findet bereits oft zu Hause statt. Doch das erfordert geeignete Ausstattung und Wohnverhältnisse, Eltern kleiner Kinder wissen ein Lied davon zu singen. Die Arbeit muss also oft im Betrieb geleis-
tet werden. Das ist gesundheitlich vertretbar, gelten doch für den Arbeitsplatz weit strengere Regeln – Abstände, Test- und Maskenpflicht – als zu Hause. Nur 5,5 Prozent der Infektionen sind der Arbeit zuzuordnen, Tendenz fallend. Aber mehr als 70 Prozent dem Haushalt, Tendenz steigend. Auch der Weg in die Arbeit mit ‚Öffis‘ oder Auto verursacht Studien zufolge kaum Infektionen. Daher: ,Homeoffice‘ ja, ,Homeoffice‘-Pflicht nein.“