Raser in Haft
Schon vor Corona sind die Zahlen der Verkehrstoten auf die niedrigsten Werte seit Jahrzehnten gefallen. Die Regierung will trotzdem die Strafen für Raser verschärfen. In der Schweiz drohen ihnen ein bis vier Jahre Haft.
Die Zahl der Verkehrstoten hat sich in den vergangenen Jahren rund um 410 eingependelt. 2020 brachte mit „Lockdowns“ und Reisebeschränkungen noch ein Rekordtief. 338 Verkehrstote zählte das Innenministerium.
Aber auch in „normalen“ Jahren gibt es trotz immer mehr Fahrzeugen und gefahrenen Kilometern immer weniger Unfälle. Mit Assistenzsystemen, die ab nächstem Jahr in der EU Pflicht sind, wird die Zahl weiter sinken.

Ab 2022 schreibt EU Assistenzsystem vor
Unter anderem muss ein automatischer Notbremsassistent eingebaut sein. Ebenso sind ein automatisches Eingreifen beim Spurverlassen sowie ein Geschwindigkeitsassistent vorgesehen. Durch Kameras oder Navigationssysteme wird das jeweilige Tempolimit erfasst und der Lenker alarmiert.
Ab Juli 2022 gilt das für alle in der EU typgenehmigten Autos, ab Juli 2024 müssen alle Neuwagen über diese Systeme verfügen. Teilweise sind sie aber schon jetzt verfügbar.

Trotzdem will die Regierung die Strafen für „Raser“ erhöhen. Temposünder, die um mehr als 30 Stundenkilometer zu schnell sind, sollen künftig 150 bis 5.000 Euro zahlen. Gut das Doppelte der bisherigen Höchststrafe.
Die Schweiz hingegen setzt auf Gefängnisstrafen. Beim Tritt aufs Gaspedal kennen die Eidgenossen kein Pardon. Ab
40 Stundenkilometern zuviel in einer 30er-Zone riskieren Autofahrer eine Freiheitsstrafe. Mindestens ein bis vier Jahre Haft drohen derzeit bei „Raser-Delikten“.
Als Raser gilt etwa auch, wer auf einer Freilandstraße, auf der Tempo 80 gilt, um 60 Stundenkilometer zu schnell ist. Außerdem ist der Führerschein für mindestens zwei Jahre weg, im Wiederholungsfall für immer.

Das tut auch Wohlhabenden mit schnelleren Autos weh. Eine Geldstrafe von 500 oder auch 5.000 Euro spielt für sie keine Rolle, wenn sie erwischt werden. Eine mögliche Haftstrafe hingegen wirkt abschreckend.
Die Schweizer müssen generell langsamer fahren. Auf der Autobahn gilt ein Tempolimit von 120 statt 130, außerhalb der Ortsgebiete sind es 80 Stundenkilometer. Auf Autostraßen darf 100 gefahren werden.
Seit dem Jahr 2013 gelten zudem die drakonischen Verkehrsstrafen. Sie haben Erfolg. Ein weltweiter Vergleich zeigte, dass im Jahr 2018 3,4 Verkehrstote auf eine Milliarde gefahrene Kilometer kamen. Bei uns waren es 4,9 Todesopfer.
Hierzulande will die grüne Verkehrsministerin Leonore Gewessler die „Mindestentzugs-Dauer“ des Führerscheines von derzeit zwei Wochen auf ein Monat verlängern. Den „Lappen“ verliert, wer im Ortsgebiet mehr als 40 Stundenkilometer zu schnell ist oder im Freiland um mehr als 50.

„Damit werden wir besonders rücksichtslose Wiederholungstäter, die zum Teil an illegalen Straßenrennen teilnehmen, deutlich härter bestrafen“, sagte sie bei der Vorstellung des „Raser-Paketes“.
Illegale Straßenrennen sollen künftig mit mindestens einem halben Jahr Führerschein-Entzug bestraft werden. Ein Drittel der Verkehrsunfälle war zuletzt auf überhöhte Geschwindigkeit zurückzuführen.
Fast 8.000 Mal kassierten die Behörden bei uns im Vorjahr den Führerschein wegen massiver Geschwindigkeits-Vergehen. Fünf Millionen Mal zahlten Auto- und Motorradfahrer wegen zu schnellen Fahrens.
„Bis 90 Euro darf ein Organmandat ausgestellt werden“, erklärt ÖAMTC-Chefjurist Martin Hoffer. Das wird in der Regel an Ort und Stelle einkassiert. Bei Anonymverfügungen, bei denen erst Wochen später der Zahlschein ins Haus
flattert, „gibt es eine Grenze von 365 Euro“.
Bis der Strafzettel den „Temposünder“ erreicht, können an die sechs Wochen oder mehr vergehen. Kaum jemand erinnert sich dann noch, wo er was falsch gemacht hat. Für eine „Besserung“ ist das wenig sinnvoll. Im Gegenteil, Autofahrer werden bestätigt, Melkkühe erster Klasse zu sein. Wer in der Schweiz geblitzt wird, bekommt hingegen in der Regel nach zwei bis drei Wochen den Bußgeld-Bescheid.

In der Schweiz gibt es öffentliche Bußgeld-Liste
Was in welcher Höhe bestraft wird, ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Und auch ein vielfach gut gehütetes Geheimnis. Denn einen öffentlich einsehbaren Bußgeld-Katalog wie in der Schweiz gibt es nicht. „Dabei wäre gerade das im Sinne der Vorbeugung wichtig“, kritisiert Martin Hoffer. In der Schweizer „Bußen-Liste“ ist aufgeführt, welche Geldstrafe fällig wird. Wer im Ortsgebiet etwa elf bis 15 Stundenkilometer zu schnell ist, zahlt 226 Euro. Danach gibt es eine Anzeige.
Bei uns wird bei mehr als 30 Stundenkilometern über dem Tempolimit in der Regel ein ordentliches Verwaltungsstrafverfahren eingeleitet, samt Lenkerauskunft und Registrierung. „Wer im behördlichen Verwaltungs-Strafregister bereits zumindest einmal mit dem gleichen Delikt auftaucht, muss im Wiederholungsfall mit höheren Strafen rechnen“, warnt Martin Hoffer. Beim ersten Mal liegt die Geldstrafe üblicherweise am untere Ende der möglichen Sanktionen.

Den jetzigen Gesetzesvorschlag hält der ÖAMTC-Jurist für treffsicher. „Allerdings dürfen dabei kleinere Übertretungen nicht in einen Topf mit ,Rasen‘ geworfen werden. Hier braucht es klare Abgrenzungen.“ Nicht jeder, der einmal zu schnell fährt, ist ein Raser. Andererseits kann jemand auch bei Einhalten der erlaubten Höchstgeschwindigkeit zu schnell sein. „Wenn ich mit 45 Stundenkilometern an einer Fußgängergruppe mit Kindern vorbeifahre, die offensichtlich die Fahrbahn queren will, ist das viel mehr rasen, als wenn ich allein in einer Einfallstraße im Industriegebiet am Sonntag mit Tempo 70 fahre.“

Mehr Autos, weniger Tote
Mehr als sieben Millionen Autos, Lastwagen und Motorräder fahren auf unseren Straßen. Fünf Mal so viel wie vor 60 Jahren. 2019 starben 416 Menschen im Verkehr. 2020 war die Zahl der Todesopfer niedriger, eine Folge der Corona-Pandemie.

Verkehrstote – Kraftfahrzeuge
1961 – 1.640 – 1,4 Millionen
1971 – 2.782 – 2,3 Millionen
1981 – 1.898 – 3,5 Millionen
1991 – 1.551 – 4,3 Millionen
2001 – 958 – 5,7 Millionen
2011 – 523 – 6,2 Millionen
2020 – 338 – 7,1 Millionen