„Ich bin schrecklich abergläubisch“
Sie hatte mit ihrer Mutter stets ein inniges Verhältnis. Und auch wenn die Schauspielerin Rosemarie Fendel im Jahr 2013 im Alter von 86 Jahren gestorben ist, fühlt sich ihre Tochter, die beliebte deutsche Schauspielerin Suzanne von Borsody, 63, nach wie vor tief mit ihr verbunden. Nicht zuletzt durch eine Parkbank und drei Birken.
Schauspieler werden gern als Vorbilder angesehen. Sind Sie sich dessen bewusst, dass Sie die Gesellschaft beeinflussen?
Ich kann vor der eigenen Tür kehren, das kann jeder Mensch tun. Es gibt den wunderbaren Ausspruch: „Wir sind viele.“ Ich finde es gut, die Norm wieder eine andere werden zu lassen, als sie jetzt ist …
… verbunden mit einem Wunsch?
Ich wünsche mir etwas mehr Einfühlungsvermögen unter den Menschen. Ich wünsche mir auch etwas mehr Moral, etwas mehr Anstand und Bewusstsein, worum es im Leben wirklich geht. Es geht um ein Miteinander und um unser aller Leben auf dieser Erde und da sollten wir alle etwas mehr Achtsamkeit zeigen.
Hören wir einander nicht mehr zu?
Es scheint so, ich stelle immer wieder fest, dass viele Menschen nicht zuhören wollen. Sie verbreiten wie bei „stille Post“ Hörensagen und gängige, populistische Meinungen, ohne sich wirklich zu informieren. Auch ich bin nicht ganz frei davon. Weil Halbwissen aber äußerst gefährlich ist, würde ich mir wünschen, dass die Menschen mehr zuhören.
Das könnte bereits im Kleinen, etwa in der Ehe, beginnen. Was machen Sie, um in Ihrer Ehe keine Vernachlässigung aufkommen zu lassen?
Es ist wichtig, neugierig auf den anderen Menschen zu bleiben. Auf keinen Fall sollte das Prinzip von Bertolt Brecht verfolgt werden: „Ich sehe, dass das Gegenüber meinem Bild vom Gegenüber ähnlich wird und bin enttäuscht, wenn es das nicht schafft.“
Sondern, was schlagen Sie vor?
Es ist wichtig, wach zu bleiben, die Partner müssen Respekt haben und stets neugierig sein. Die schwerste Übung in jedem Bereich ist, nicht schon zu wissen, wie der Satz endet. Und nicht zu wissen, dass, wenn ein Vogel von links hinter einen Baum fliegt, er gleich unbedingt rechts wieder erscheinen muss. Dann brauche ich doch gar nicht mehr hinzusehen. Wir sind irritiert, wenn er tatsächlich nicht wieder auftaucht, aber genau das ist doch spannend. Aufmerksamkeit finde ich unglaublich wichtig.
Gehören auch Geheimnisse dazu?
Natürlich, ich möchte den anderen immer wieder neugierig machen.
Sie haben zu rauchen aufgehört, ist Ihnen das schwergefallen?
Ich habe mir zwei Jahre lange gesagt: Mit 60 werde ich mit dem Rauchen aufgehört haben. Ich werde Nichtraucherin sein. Mit der Hilfe meines Kollegen Dr. Ralph Schicha habe ich es geschafft. Er macht eine „Nicht mehr rauchen“-Hypnose – das war sein Geburtstagsgeschenk an mich und es hat bis heute funktioniert, weil ich nicht mehr rauchen will.
Sie sind eine vielbeschäftigte Darstellerin und machen nebenbei auch Lesungen. Wie nützen Sie Ihre Freizeit?
Zum Spazierengehen, Schwimmen, Kochen, Freunde treffen, aufs Meer schauen, zum Malen, zum Streicheln von Tieren, um Lesungen vorzubereiten und zum Gärtnern. Ich mache nichts Besonderes. Ich bin gerne zuhause, aber es gibt immer genug zu tun für mich. Sei es auch nur, mir den Luxus zu gönnen, früh aufzustehen, um dann mittags einen Mittagsschlaf zu halten – das finde ich auch äußerst angenehm.
Langeweile ist Ihnen fremd?
Ja. Außerdem ist Langeweile auch eine Form von Luxus, weil ich es genieße, eine längere Zeit verweilen zu können. Es ist doch schön, zum Beispiel mit dem Blick übers offene Meer lange verweilen zu können.
Verweilen Sie auch manchmal etwa in Frankfurt (D), wo Ihre Mutter gelebt hat und wo es eine spezielle Bank und einen speziellen Baum gibt?
Im Stadtteil Frankfurt-Höchst stehen drei Birken und eine Parkbank mit dem Wahlspruch unserer Familie: „Hauptsache ist, dass die Hauptsache immer die Hauptsache bleibt.“
Gehen Sie manchmal zur Bank und schauen sich den Baum an, wenn Sie in Frankfurt sind?
Äußerst selten. Meine Mutter hat immer gesagt: „Du musst wegen mir nicht auf den Friedhof kommen. Ich liege da nicht mehr, das wäre ja ansonsten ganz furchtbar. Da wurde nur mein Körper begraben.“
Halten Sie Zwiesprache mit Ihrer Mutter?
Absolut ja. Meine Mutter ist heute mehr mit mir unterwegs als vorher. Ich meine damit nicht, dass wir uns näher sind, wir waren uns immer nahe. Die Gedanken sind frei und die Seele ungebunden. Das hat ihren Tod für mich zum Guten verändert.
Sind Sie eher pessimistisch, damit Sie positiv überrascht werden können?
Nein, ich bin ein optimistischer Mensch, nur abergläubisch wie viele Schauspieler. Aber schlimm ist es, wenn mir jemand mit noch mehr Aberglauben begegnet – das ist fatal. Dann sage ich: Ich habe doch schon so viel. Bitte nicht noch mehr. Das kann ich mir nicht alles merken (lacht).
Was zum Beispiel?
Du darfst keine Schuhe verschenken, sonst läuft der andere weg. Du darfst nichts Spitzes oder Scharfes verschenken, sonst zerschneidest oder zerstichst du die Freundschaft. Kein Salz verschütten, das bedeutet Streit. Das sind grundsätzliche Aberglauben. Keine Nelken an Schauspieler verschenken und nicht essen. Nicht pfeifen außerhalb des Stückes auf der Bühne. Na ja, das reicht mir schon, also mehr Aberglaube ist ziemlich anstrengend …