„Die einzige Aufgabe im Alter ist, glücklich zu sein“
Begehrt und angezweifelt, so ging Amanda Lear, 81, durchs Leben. Als Modell auf den Laufstegen dieser Welt, als Malerin, Sängerin und stets von der Skepsis anderer verfolgt, nicht eine Frau, sondern ein Mann zu sein. Im Gespräch mit dem WOCHE-Reporter Torsten J. Schuster nimmt sie dazu Stellung, plaudert über jüngere Liebhaber und sagt, worauf es ihrer Meinung nach im Alter ankommt – vor allem für Frauen.
Sie führten ein bewegtes Leben als Modell, Sängerin, Malerin, Moderatorin und Schauspielerin. Wird es im fortgeschrittenen Alter langweilig und frustrierend?
Das Entscheidende ist, immer optimistisch zu bleiben. Ich habe viele Freunde in England, alle so ungefähr in meinem Alter. Wenn wir uns unterhalten, beginnt bei ihnen fast jeder Satz mit den Worten: „Ach ja, in meinem Alter …“ Ich sage ihnen jedes Mal: „Hört doch einfach auf, dauernd über euer Alter zu reden. Ihr macht euch ja älter, als ihr seid. Ihr macht euch lächerlich.“ Und dann kommen Sätze wie: „Ach, in meinem Alter darf ich doch keine kurzen Röcke mehr tragen. In meinem Alter kann ich doch nicht mehr auf lustige Partys gehen.“ Und so weiter und so fort. Ich kann solchen Frauen nur sagen: Die einzige Aufgabe, die du im fortgeschrittenen Alter hast, ist glücklich zu sein. So einfach ist das.
Die Einsamkeit spielt auch eine Rolle …
Es gibt verblüffend viele junge Männer, die auf ältere Frauen stehen. Das ist doch wunderbar – du darfst dich wieder begehrt fühlen. Aber was machen die Frauen stattdessen? Sitzen zu Hause und sagen: „Ach, ich fühle mich so einsam.“ Ich sage eines: Einsamkeit ist eine Entscheidung. Niemand muss einsam sein, außer er will das. Keine Frau, die das nicht will, muss einsam sein.
Haben Sie einen festen Partner?
Nein, ich liebe es, solo zu sein. Ich liebe es, allein zu sein. Ich kann mir im Fernsehen anschauen, was ich will, ich kann essen, wann und was ich will, kann schlafen gehen, wann und mit wem ich will. Wenn du allein bist, kannst du machen, was du willst. Wenn du verheiratet bist, ist das genau das Gegenteil. Ich war 20 Jahre verheiratet und kann sagen: Das ist eine verdammt harte Arbeit. Ich war dauernd nur herausgefordert, meinen Mann glücklich zu machen. Ich musste ihm kochen, was ihm schmeckt; ich musste seine Wäsche machen – der hat mich ganz schön auf Trab gehalten. Umso schöner finde ich es heute, Single zu sein. Ich bin glücklich darüber.
Sie sind heute 81 Jahre alt und es ist noch gar nicht so lange her, da hatten sie einen 25 Jahre jüngeren Liebhaber …
Stimmt, das war vor acht oder neun Jahren. Ein feuriger Italiener. Ein Topmodell. Wir hatten ein paar unglaublich glückliche Jahre. Bis er sich auf einmal ein junges Mädel angelacht hat, das im Fernsehen das Wetter ansagt. Für mich war unsere Beziehung damit beendet. Kurze Zeit später kam er reumütig angewackelt, flehte mich regelrecht an, ich solle ihm doch verzeihen, er liebe doch nur mich. Doch für mich war die Sache aus und vorbei.
Wer im Archiv alte Zeitschriftenbeiträge über Sie liest …
… oh je, da gab es so viele. Und so viel Unsinn, der über mich geschrieben wurde. Ich könne nicht singen, ich sei in Wirklichkeit ein Mann … Nichts davon ist wahr.
Immerhin, das Gerücht, Sie hätten sich umoperieren lassen, hält sich beinahe Ihre gesamte Karriere lang.
Ach, das langweilt mich. Es ist so ermüdend. Es wurde viel Blödsinn über mich geschrieben. Ich würde 60 Zigaretten am Tag rauchen. Stimmt nicht – ich rauche gar nicht. Es wurde behauptet, ich hätte Königin Elizabeth getroffen – das stimmt auch nicht. Es wurde erzählt, meine Mutter sei Chinesin gewesen und mein Vater ein Marineoffizier. Nichts davon ist wahr. Meine Mutter war keine Chinesin und mein Vater war ein einfacher Matrose. Und genauso stimmt absolut nicht, dass ich als Bub auf die Welt gekommen bin. Ich habe niemals mein Geschlecht geändert. Ich habe nie einen Grund dafür gesehen.
Wie kam es dann, dass fortwährend behauptet wurde, Sie seien ein Mann?
Das kam durch meine tiefe Gesangsstimme. Aber wenn das bedeutet, ich sei in Wirklichkeit ein Mann, dann müssten Hildegard Knef und Zarah Leander auch Männer gewesen sein. Also das ist alles vollkommen albern. Aber solche dummen Schlagzeilen verkaufen sich offenbar ganz gut. Wer meine „Playboy“-Fotos gesehen hat und immer noch behauptet, ich sei in Wirklichkeit ein Mann, ist ganz offensichtlich ein Idiot.
Hat es Sie geschmerzt, ewig für einen Mann gehalten zu werden?
Nein. Ich weiß ja, was die Wahrheit ist. Und ich ruhe da unerschütterlich in mir selbst. Mir kann so ein Unfug nichts anhaben. Es ist immer eine gute Idee, über den Dingen zu stehen. Ich konnte über all das immer nur lachen. Weil diese idiotischen Schlagzeilen mir geholfen haben, Millionen Platten zu verkaufen. Dieses angebliche Mysterium um mein Geschlecht fanden die Menschen so interessant, dass sie auch meine Musik haben wollten.
Ihre Beziehung zum Maler Salvador Dalí war auch immer wieder Thema öffentlicher Diskussion …
Es wurde behauptet, ich sei seine Geliebte gewesen. Das ist nicht wahr. Er war mein spiritueller Vater. Ab einem bestimmten Punkt hatte ich keine Familie mehr. Meine Eltern waren tot. Und dann traf ich Salvador Dalí und habe für ihn posiert. Denn bevor ich mit dem Singen anfing, war ich ein Modell. Der langweiligste Beruf der Welt. Du bist nichts weiter als ein wandelnder Kleiderständer.
Warum wurden Sie dann Modell?
Weil ich so klapperdürr war, wie das damals von Modellen verlangt wurde. Mutter Natur war sehr gut zu mir. Ich habe damals 75 Dollar pro Stunde verdient. Wenn es später wurde als fünf Uhr nachmittags, bekam ich 150 Dollar.
Und was machen Sie heute?
Heute genieße ich mein Leben mit zehn Katzen. Ihnen habe ich testamentarisch mein Vermögen vermacht. Aber ich gebe viel Geld aus. Es kann gut sein, dass bei meinem Ableben nicht mehr viel übrig ist.