Tausendsassa Arik Brauer starb wenige Tage nach seinem 92. Geburtstag
Er fuhr mit dem Rad nach Nordafrika, tanzte in Israel, malte in Paris und sang in Wien. Do sitz i im Himmel, schau owa auf Wean. Bin zwoa scho gsturbn, oba schaun dua i gern. Do siacht ma, wias growln und zobeln die Leid. Ois a Toter do hot ma im Lebn erst sei Freid“, lauten die ersten Lied-
zeilen von „Im Himmel“. Der Text stammt von Arik Brauer, der nun selbst von „oben“ herunterschaut. Der Künstler starb am vergangenen Sonntag im Beisein seiner Familie im Alter von 92 Jahren.
Brauer war ein Maler, Sänger, Grafiker und Tänzer. Er wurde als Erich Brauer am 4. Jänner 1929 in Wien in eine russisch-jüdische Handwerkerfamilie hineingeboren. Schon früh wusste er, wo seine Berufung lag. „Nach der Schule erledigte ich meine Hausaufgaben schnell und schlampig, um mich meiner Lieblingsbeschäftigung zu widmen – dem Zeichnen am Fensterbrett“, schrieb Brauer in seiner Autobiografie „Die Farben meines Lebens: Erinnerungen“.
Gemeinsam mit seiner um zwei Jahre älteren Schwester Lena und seinen Eltern lebte er in einer kleinen Wohnung im 16. Wiener Gemeindebezirk. Der Zweite Weltkrieg beendete seine glückliche Kindheit. „Die Rassegesetze in den Jahren 1938 bis 1945 waren für meine Familie eine Katastrophe. Mein Vater, ein jüdischer Schuhmacher, wurde aus dem Haus gewiesen. Er flüchtete nach Lettland und starb dort 1944 in einem Konzentrationslager. In seinem letzten Brief, den ein Soldat nach Wien schmuggelte, fragte er, ob ich noch male“, erzählte Brauer.

Brauers Mutter und Schwester überlebten wie der Künstler selbst den Krieg. „Es gelang mir unterzutauchen.“ Brauer versteckte sich im Schrebergarten eines Freundes. Als der Krieg vorbei war, genoss Brauer seine neu gewonnene Freiheit.

Er studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien und unternahm im Sommer Reisen mit seinem Drahtesel. „Ich fuhr mit dem Fahrrad nach Frankreich, Italien und Nordafrika. Ich war mittellos und diese Unternehmungen hatten immer einen abenteuerlichen Charakter“, sagte Brauer.

Sein gutes Verhältnis zu seiner Schwester zog ihn sogar noch weiter in die Ferne. „Lena brachte mir das Ballett-Tanzen bei. Wir traten 1953 und 1954 als ,Geschwister Brauer‘ in Israel auf“, erzählte der Künstler. Dort lernte Brauer auch seine spätere Frau Naomi Dahabani kennen. „Naomi wurde von einer Freundin zu einer dreitägigen Reise nach Galiläa eingeladen. Lena und ich waren mit von der Partie. Naomi war anfangs nicht begeistert, mit zwei wildfremden Tänzern im Auto zu sitzen“, schrieb Brauer.
Der Wiener wusste aber, wie er das Herz der schönen Israelin erobern konnte. „Sie hat mir hebräische Lieder vorgesungen. Ich habe sie nachgesungen und auf der Gitarre begleitet. Die hebräische Sprache erlernte ich rasch.“ Die beiden heirateten 1957 und wurden Eltern der Töchter Timna, Talja und Ruth. „Meine Frau nannte mich Arik, weil der Name Erich für Hebräer nicht gut auszusprechen ist“, erklärte Brauer seinen Namenswechsel.

Das Paar lebte sieben Jahre in Paris und trat als Gesangsduo auf. In der französischen Hauptstadt hatte der Wiener auch erste Erfolge mit seiner Malerei. „In Paris gelang mir der entscheidende Durchbruch. Malerei war für mich ein Mittel, Ängste zu überwinden. In meinen Kriegsbildern ist das Grauen stets so in Farben verpackt, dass es, von Weitem betrachtet, wie ein Blumenstrauß aussieht.“ Im Jahr 1964 ging es für ihn und seine Familie zurück nach Wien. „Wir lebten abwechselnd in Wien und im israelischen Künstlerdorf Ein-Hod, wo ich nach eigenen Plänen ein Haus für uns baute.“

In den folgenden Jahren erreichte Brauers Gesangskarriere ihren Höhepunkt. Mit Dialektliedern wie „Köpferl im Sand“, „Sie hab‘n a Haus baut“ oder „Geburn für die Gruabn“ war er in den siebziger Jahren einer der Vorreiter des „Austropop“. „Ich habe mich aber nie als Austropopper gesehen, obwohl ich am Anfang dabei war. Ich wollte mit meinen Liedern schwerfällige Themen auf leicht verdauliche Weise verarbeiten“.

Seine Kreativität lebte Brauer auch als Bühnen- und Kostümbildner aus. Er beschäftigte sich zudem mit
Architektur. Er gestaltete die Fassade einer katholischen Kirche in Wien Leopoldstadt und auf der Wiener Gumpendorfer Straße entstand das „Arik-Brauer-Haus“. Brauer hinterlässt seine Frau und seine Töchter. Seine Schwester ist bereits vor ihm verstorben.