„Sie ähneln uns mehr, als wir ahnen“
Jahrhundertelang hatten Wissenschaftler bestritten, dass Mensch und Tier ähnlich empfinden. Doch für den niederländischen Primatologen und Verhaltensforscher Frans de Waal ist mittlerweile klar, dass sich unsere emotionalen Reaktionen nur wenig von jenen der Tiere unterscheiden.
Ihre Zeit war gekommen. Mit fast 59 Jahren lag die Zoo-Schimpansin „Mama“ im Sterben, hatte sich in ihr Schlaflager zurückgezogen und wollte niemanden sehen. Ihr Betreuer, der sich seit 44 Jahren um sie kümmerte, besuchte die alte Dame, um sich von ihr zu verabschieden. Ganz langsam näherte sich der Mann der Ruhestätte, setzte sich neben die Schimpansin und begann, sie zu streicheln. Erst geschah nichts, dann erkannte „Mama“ ihren menschlichen Freund plötzlich. Das Tier richtete sich ein wenig auf und verzog die Lippen zu einem breiten Lächeln. Schließlich hob sie ihren Arm und tätschelte den Mann am Kopf wie eine Mutter ihren Sohn. Eng umschlungen verharrten die beiden eine ganze Weile.
Diesen berührenden Moment beschreibt der niederländische Primatenforscher Frans de Waal in seinem neuen Buch „Mamas letzte Umarmung“ (Klett-Cotta, 430 S., 26 Euro).

Für den Autor gibt es keinen Zweifel, dass hier zwei Freunde tief bewegt voneinander Abschied genommen haben. Und gleichzeitig scheint dieser Moment auch ein Beleg für die These zu sein, dass Tiere nicht nur instinktgesteuerte Reiz-Reaktions-Maschinen sind. Sie können trauern, lieben, hassen, eifersüchtig sein – davon ist der Verhaltensforscher überzeugt.
„90 Prozent der emotionalen Ausdrücke bei Tier und Mensch stimmen überein. Da sich unsere Spezies emotional also nicht groß von anderen Säugetieren unterscheidet, wäre es vermessen, menschliche Emotionen als einzigartig herauszustellen“, sagt Frans de Waal.

Studien haben mittlerweile gezeigt, dass sich die emotionalen Reaktionen von Tieren und Menschen auch deshalb stark ähneln, weil sie durch die gleichen Hormone bestimmt werden. So löst etwa das Stresshormon Cortisol negative Emotionen wie Angst aus, das Bindungshormon Oxytocin angenehme wie Geborgenheit, Sicherheit und Fürsorge.
„Deshalb sind Tiere unter Stress auch nachweislich ruhiger, wenn ihr Bindungspartner bei ihnen ist“, weiß der Experte.

Prärie-Wühlmäuse sind beispielsweise lebenslang treu, unterstützen und berühren einander, wenn sie Stress empfinden. Zudem setzte sich in jüngster Zeit die Überzeugung durch, dass die Natur eben nicht ausschließlich ein egoistischer Kampf ums Überleben ist. „Die meisten Säugetiere überleben nicht, indem sie einander ausstechen, sondern durch Kooperation, Fürsorge und Teilen“, schreibt der Autor. Tiere sind sogar in der Lage, sich zu versöhnen. Bei Schimpansen konnte der Primatologe beobachten, dass sie sich nach einem Streit umarmten und küssten. Negative Emotionen wurden in positive umgewandelt, aus Feinden wurden Freunde. Emotionen sind für Frans de Waal aber überall im Tierreich anzutreffen, bei Fischen ebenso wie bei Vögeln. Sogar bei Insekten und schlauen Mollusken wie dem Tintenfisch.
Allerdings unterscheidet die moderne Wissenschaft ganz deutlich zwischen Emotionen und Gefühlen.
„Wir schmeißen sie gern in einen Topf. Aber Gefühle sind subjektive innere Zustände, die wir im Gegensatz zu den Emotionen, die körperliche Reaktionen verursachen, nicht erkennen können“, berichtet der Verhaltensforscher und führt als Beispiel die Scham bei Hunden an.

Haben die Vierbeiner in unseren Augen etwas „angestellt“, machen sie sich oft klein und vermeiden den Blickkontakt. „Obwohl der Hund also nach außen hin seine Schuld zu erkennen gibt, bleibt unklar, ob er tatsächlich Schuldgefühle im menschlichen Sinn empfindet oder durch seine unterwürfige Haltung nur den drohenden Ärger mindern will“, erklärt der Fachmann. Ob Tiere tatsächlich Gefühle haben, lässt sich somit nur schwer sagen.
„Wir können nur raten, was sie fühlen. Aber wir können nicht ausschließen, dass sie etwas fühlen“, gibt Frans de Waal zu bedenken.