Ihr Lachen überschattet die Tragödien
Ein Mal poppig, dann wieder traurig. So klingt das 18 Lieder umfassende neue Album „Oh! Pardon tu dormais …“ (Deutsch: „Oh! Entschuldige, du hast geschlafen …“) der britisch-französischen Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin, 74. Es ist das erste nach zwölf Jahren. Birkin hat darin unter anderem den Tod ihrer ältesten Tochter verarbeitet. Im Gespräch mit der WOCHE-Reporterin Katja Schwemmers berichtet sie davon, ebenso wie sie mit ihrer Leukämie-Erkrankung umgeht und warum sie das Andenken an ihren einstigen Lebenspartner Serge Gainsbourg hochhält.
Hallo, Frau Birkin, wo erwische ich Sie gerade?
Ich bin in Paris (Frankreich) in meiner Wohnung. Aber ab und zu muss ich aus dem Haus, um eine Radiostation aufzusuchen. Ich hatte ja Glück. Mein Album ist trotz der harten Regierungsmaßnahmen fertiggeworden. Die Stimmaufnahmen erfolgten noch im März. Im Juni musste ich zurück ins Spital, weil es mir nicht so gut ging. Und als ich wieder herauskam, war die Orchestrierung des Albums mit den Violinen praktisch fertig.
Warum waren Sie im Spital?
Wegen meiner Leukämie, die ich schon seit einigen Jahren habe. Aber mir geht‘s wieder gut. Es war letztendlich nur eine Routine-Behandlung. Es war sogar ziemlich schön im Spital. Davor war mir langweilig. Als Frankreich zum ersten Mal zugesperrt wurde, war ich allein zuhause. Kluge Freunde nahmen die letzten Züge und fuhren hinaus in die Bretagne, wo ich ein Haus habe. Dort, am westlichsten Zipfel Frankreichs, an der Atlantikküste. Aber ich war so dumm und bin in der Hauptstadt geblieben. Ins Spital zu gehen war eine willkommene Flucht. Ich konnte mich mit den Schwestern unterhalten. Denn das ist es, was ich am meisten vermisst habe: die Unterhaltung.
Sie haben also auch Ihre Töchter Charlotte und Lou gar nicht gesehen?
Nein, niemanden. Das ging auch gar nicht. Charlotte war mit ihren Kindern in New York (USA), sie erkrankte am Virus. Lou war zwar in Paris, blieb aber in ihrer Wohnung. Sie ging gar nicht mehr vor die Tür. Immerhin konnte ich sie jeden Tag auf Instagram sehen. Und jeden Tag wartete ich auf den Anruf von Charlotte, unsere Gespräche waren wundervoll. Aber du vermisst, Menschen anzufassen. Lou wurde regelrecht depressiv, weil ihr die Berührungen fehlten.
Warum gibt es kein Duett mit Ihren Töchtern auf dem neuen Album „Oh! Pardon tu dormais …?
Es hat ja auch nichts mit ihnen zu tun. Dieses Album nimmt Bezug auf das gleichnamige Bühnenstück, das ich vor 20 Jahren geschrieben habe, sowie den späteren Film. Es handelt von einer Trennung zwischen einem Mann und einer Frau. Étienne Daho (französischer Sänger und Komponist, Anm. d. Red.) wollte damals schon meine Texte in Musik kleiden.
Aber es brauchte noch ein paar Jahre, bis Sie sich ihm anvertrauten?
Ja, meine Tochter Kate starb im Jahr 2013, ich schrieb vier Lieder darüber. Ich habe sieben Jahre kein Wort über ihren Tod verloren. Wenn ich mich nun künstlerisch ausdrücke, muss ich es zunächst über sie tun.
Als eine Art Therapie?
Nein, nichts kann mich von dem Schmerz befreien. Du lebst einfach weiter. Mein Bruder verlor seinen Sohn, als dieser 20 war. Annos Tod bei einem Autounfall war grausam. Ich habe noch nie jemanden so am Boden zerstört gesehen wie meinen Bruder. Ich hatte immerhin das Glück, Kate 47 Jahre in meinem Leben zu haben.
Wie ist sie gestorben?
Das weiß ich nicht, ihr Tod ist ein Mysterium. Es kann sein, dass sie das Fenster nur für eine Zigarette geöffnet hat, daher auch das Lied auf meiner Platte. Sie kann sich aber auch gewollt hinuntergestürzt haben. Alles ist möglich.
Sie halten nicht nur das Andenken an Ihre Tochter hoch, sondern auch jenes an Ihren früheren Partner, den Sänger Serge Gainsbourg. Sie haben ihn erst kürzlich verteidigt …
Ja, weil ihn die Sängerin Lio als „Harvey Weinstein des Chansons“ bezeichnet hatte. Serge schrieb Lieder, die skandalös waren, ihm gefiel es zu provozieren, er konnte grausam, sarkastisch und schwierig sein, aber er hatte ein Herz aus Gold. Und er schlich keinen Teenagern hinterher und drohte ihnen später, ja nichts auszuplaudern.
Werden die Anschuldigungen seinen Ruf beschädigen?
Nein. Serge ist auch 30 Jahre nach seinem Tod der größte Dichter, den die Franzosen aus der jüngsten Vergangenheit haben.