Ist der neue Ethik-Unterricht ein Fortschritt?
Freistunde statt Religion, dem hat die Regierung einen Riegel vorgeschoben. Ab kommendem Schuljahr soll es in den Gymnasiums-Oberstufen und berufsbildenden mittleren sowie höheren Schulen „Ethik“ als Ersatzfach geben. Die katholische Kirche begrüßt die Einführung. Doch die Betreiber des Volksbegehrens „Ethik für alle“ wollen einen Ethikunterricht für alle Schüler ab der ersten Klasse. Die Eintragungswoche wurde im Oktober vom 18. bis 25. Jänner festgelegt.
JA:
Andrea Pinz,
Interdiözesanes Amt für Unterricht und Erziehung

„Schülerinnen und Schüler, die keinen Religionsunterricht besuchen, hatten bisher, bis auf den Philosophieunterricht in den Gymnasien, keine ausdrückliche ethische Erziehung. Es ist nur zu begrüßen, wenn auch sie durch die Einführung eines verpflichtenden Ethikunterrichts nun die Möglichkeit dazu erhalten. Die Fächer Ethik und Religion sind keine Konkurrenten, denn sie haben vieles gemeinsam. Beide möchten jungen Menschen Orientierungshilfe für ihre Lebensgestaltung geben, sie über unterschiedliche Positionen aufklären und in ihrer moralischen Urteilsfähigkeit anleiten. Der Religionsunterricht knüpft an die Lebenswelt der Schüler an, bietet Raum für existentielle Fragen, thematisiert soziale Missstände, Umweltfragen und zeigt Wege auf, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Er trägt ethische Themen aus einer ausgewiesenen Position vor, aus seiner eigenen Tradition heraus. Er tut dies jedoch im Bezugsrahmen vielfältiger Haltungen, mit denen er sich vernunftgeleitet auseinandersetzt. Es ist ein Irrtum, dass Ethik völlig wertfrei vermittelt werden könnte. Es ist aber ein Zeichen eines demokratischen Staates, dass er in der schulischen Wertevermittlung unterschiedliche Zugänge zulässt.“

NEIN:
Niko Alm,
Unterstützer des Volksbegehrens „Ethik für ALLE“

„In der kürzlich beschlossenen Form entspricht der Ethikunterricht vor allem dem Wunsch der Religionsgemeinschaften, insbesondere der katholischen Kirche. Damit soll die Zahl der Abmeldungen vom Religionsunterricht gebremst werden. Das ist eine grundlegend falsche Motivation für die Einführung von Ethik als verpflichtendes Schulfach. Ethik ist kein Ersatz für Religion.
Es ist auch keine ,staatliche Wertevermittlung‘, wie oft angenommen wird, und kein Verhaltenskatalog, sondern ein Werkzeug, das eine kritische Auseinandersetzung mit Fragen des Zusammenlebens ermöglicht. Deswegen wäre auch ein gemeinsamer
Ethikunterricht für alle Schüler wichtig, damit nicht jene, die weiter Religion besuchen, von diesem Fach
ausgeschlossen sind. In einer vielfältigen Gesellschaft wirken Unterrichtsformen, die den Klassenverband gerade bei den Themen zerreißen, die ideologische Unterschiede hervorbringen, gegen Integration.
In diesem Sinn ist auch der verpflichtende
Religionsunterricht überholt und sollte einem verpflichtenden Ethikunterricht für alle Kinder weichen.“