Der berühmteste Stolperer der Welt
Der Kurzfilm „Dinner for One“ hat Jahreswechseltradition. Auch heuer ist die am häufigsten wiederholte Sendung der Welt am Silvesterabend ab 23.20 Uhr auf ORF1 zu sehen. Der Nachlass des Hauptdarstellers Freddie Frinton († 1968) soll im deutschen Bremerhaven gezeigt werden. Doch wegen Corona liegt das Projekt auf Eis.
Der gleiche Ablauf wie in jedem Jahr, James.“ Es gibt kein Silvester, an dem Freddie Frinton nicht als beschwipster Diener über unsere Bildschirme stolpert. Das Stück „Dinner for One“ gehört zum Jahreswechsel wie Sekt, Böller und Raketen.

Die Handlung des Kurzfilmes ist bekannt. Weil Frau Sophie (May Warden, † 1978) ihren 90. Geburtstag feiert und alle geladenen Gäste bereits verstorben sind, nimmt ihr Diener James deren Rollen ein. Selbstverständlich nicht, ohne für sie anzustoßen. Zunehmend betrunken serviert er sich durch das Vier-Gänge-Menü, stolpert dabei über das Tigerfell und strapaziert so unsere Lachmuskeln.

Über Freddie Frinton, der im deutschen Bremerhaven eine Ausstellung bekommen soll, ist jedoch nur wenig bekannt. Sein komödiantisches Talent entdeckte der im Jahr 1909 im englischen Grimsby als Freddie Coo geborene Schauspieler schon früh. Als 14jähriger verließ er die Schule und arbeitete in einer Fischfabrik. Seine Kollegen lenkte er mit Blödeleien von der Arbeit ab. Sehr zum Ärger seines Chefs, der ihn feuerte.

"Den Tiger schnallte er aufs Autodach"
Freddie Coo begann danach, als Sänger und Künstler aufzutreten. Seinen Künstlernamen entlieh er sich angeblich der Stadt „Frinton on the Sea“. „Dinner for One“ hatte er bereits in den 40er Jahren in kleinen englischen Theatern gespielt.
„Es war Freddies Lieblingssketch“, erzählt Frintons Witwe Nora Harding. „Das Tigerfell dafür hatte er in einem kleinen Kolonialwarengeschäft gekauft. Manchmal schnallte er es aufs Autodach und fuhr so zu Vorstellungen.“ Das Stück stammte aber nicht aus Frintons Feder, sondern vom britischen Autor Lauri Wylie († 1951), dem er 1950 alle Rechte dafür abkaufte. Gemeinsam mit May Warden führte er das Stück in Großbritannien auf.

Im Jahr 1961 traten sie mit „Dinner for One“ in der deutschen Fernsehsendung „Bitte lassen Sie sich unterhalten“ mit Evelyne Künneke († 2001) auf. Zwei Jahre später stolperte der deutsche Fernsehmoderator Peter Frankenfeld († 1979) erneut über den Sketch. Er war auf der Suche nach Talenten für seine „Guten Abend“-Show. Eigentlich spielte Frinton nicht gerne in Deutschland, zumal er seit dem Krieg schlecht über das Land dachte. Dennoch stimmte er einem Auftritt zu.

Dafür hatte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) bereits ein Eisbärfell parat, über das der Komiker stolpern sollte. Doch Frinton bestand auf sein Tigerfell. Denn die Einlage mit dem 30 Zentimeter hohen Tigerkopf war genau einstudiert.
Das Publikum jubelte über den beschwipsten Diener,
weswegen der NDR „Dinner for One“ 1963 in Hamburg verfilmte. Und auch diesmal setzte sich der englische Komiker mit der großen Zahnlücke durch. Er bestand darauf, dass der Film nicht in Farbe gedreht wird, sondern in Schwarz-Weiß. Erst für Ende der 60er Jahre war eine Neuverfilmung in Farbe geplant. Doch dazu kam es nicht mehr. Der zwei Mal verheiratete, sechsfache Vater starb im Jahr 1968 unerwartet nach einer Vorstellung infolge eines Herzinfarktes.

Sketch war anfangs nur Pausenfüller
Zu Frintons Lebzeiten war „Dinner for One“ im Fernsehen lediglich ein Pausenfüller. Seit 1972 wird die Sendung, die eigentlich nichts mit Silvester zu tun hat, in Deutschland im Silvesterprogramm gezeigt. Bei uns seit 1981. Zur Wahl als Silvestersketch soll der Spruch „Ein schönes neues Jahr, Frau Sophie“ beigetragen haben. Ihn sprach Frinton als imaginärer Gast Herr Pommeroy aus, meinte aber eigentlich ein gutes neues Lebensjahr.

Vom späten Erfolg von „Dinner for One“ hätte Frinton wohl nicht zu träumen gewagt. Gerade einmal 2.000 Euro hatten er und May Warden für den Kurzfilm erhalten, der später zu der am meisten wiederholten Sendung der Welt wurde. „Anders ist das in Frintons Heimat England, wo ‚Dinner for One‘ nicht so populär ist“, erklärt die Kulturamtsleiterin von Bremerhaven (D), Dorothee Starke. Sie setzt sich dafür ein, dass der Nachlass Frintons in der Hafenstadt an der Nordseeküste eine neue Heimat bekommt.
Die Familie von Frinton bot Bremerhaven bereits 2018 dessen Kostüme, Plakate, Perücken sowie das berühmte Tigerfell an. „Es geht uns um eine Gesamtwürdigung unseres Vaters und einen Ort, an dem sein Leben als Schauspieler geschätzt wird“, erklärt sein Sohn Mike Frinton.

Doch wegen der Corona-Krise liegt das Projekt auf Eis. „Die Suche nach einer geeigneten Immobilie für unser Konzept mussten wir im März einstellen“, sagt Starke.
Frintons Nachlass lagert daher noch in Pappkartons im Wintergarten seiner Familie in London. Das berühmte Tigerfell war zuletzt bei einer Ausstellung in Leipzig (D) zu Gast. „Wir hoffen, dass es bald bei uns ist“, sagt Starke.

In Schweden war die Sendung verboten
  • Im Jahr 1948 fand die offizielle Uraufführung von „Dinner for One“ oder „Der 90. Geburtstag“ im Londoner (England) Theater Duke of Yorks statt.
  • Verfilmt wurde der Sketch im Jahr 1963 in Hamburg (D) vom NDR (Norddeutscher Rundfunk).
  • Seit 1972 gehört der rund 18 Minuten lange Film in Deutschland zum Silvesterprogramm. Bei uns seit 1981. Auch Länder wie die Schweiz, Dänemark, Estland, Australien, Luxemburg und Belgien zeigen „Dinner for One“.
  • In England, der Heimat von Freddie Frinton, ist der Film eher unpopulär. Erst 2018 war er dort erstmals im Fernsehen zu sehen.
  • In Schweden war die Ausstrahlung des Filmes bis 1969 verboten, weil er „zum Trinken animiert“. In Norwegen wird „Dinner for One“ nicht zu Silvester, sondern in der Weihnachtszeit gezeigt.
  • Elf Mal stolperte Frinton über den Tigerkopf, während er für vier imaginäre Gäste anstieß und ein Vier-Gänge-Menü servierte.
  • Hierzulande lockt der Klassiker im Schnitt 415.000 Zuseher vor die Bildschirme.
  • Mittlerweile steht „Dinner for One“ sogar im Guinness-Buch der Rekorde, als „weltweit am häufigsten wiederholte Fernsehproduktion“.
  • Angestoßen hätte Frinton auf den Erfolg jedoch nicht. Er war strenger Anti-Alkoholiker.
Hier stolpert Freddie Frinton am 31.12. über die Bildschirme:
  • ORF1: 23.20 Uhr
  • NDR: 12 Uhr, 19.40 Uhr, 23.35 Uhr
  • MDR: 19 Uhr
  • BR: 18.45 Uhr, 0.05 Uhr
  • WDR: 17.35 Uhr
  • SWR: 16.45 Uhr, 19.25 Uhr
  • Das Erste: 15.50 Uhr, 5.10 Uhr