Der Glaube stärkt die Psyche
Für zwei von drei Menschen in unserem Land ist der Glaube wichtig, jeder zweite betet täglich. Ob er vor Krankheit schützt oder schneller genesen lässt, steht im Mittelpunkt zahlreicher Studien. Fest steht, ein mitfühlendes und barmherziges Gottesbild stärkt die Psyche der Gläubigen.
In der modernen westlichen Medizin spielt der Glaube kaum eine Rolle. Selbst gläubige Mediziner halten sich mit ihrer Meinung offiziell zurück und lassen sich in ihrer diagnostischen und therapeutischen Arbeit von ihrer Glaubenslehre kaum beeinflussen. Die Frage, wie sich Spiritualität, Glaube und Religiosität auf die psychische und körperliche Gesundheit auswirken, wird oft belächelt und als irrelevant abgetan.

Doch Ärzte, Forscher und Wissenschaftler, vor allem aus den (deutlich religiöser geprägten) USA bemühen sich seit Jahren, den Nachweis für den Zusammenhang von Glaube und Gesundheit zu erbringen. Die Ergebnisse der bisher erstellten Studien und Umfragen brachten den Befürwortern zwar nicht eindeutige Beweise, aber Hinweise, die ihnen Antwort genug sind. Unter ihnen ist der engagierte Psychiater Professor Harold Koenig, der an der Duke-Universität in Durham das Zentrum für Spiritualität, Theologie und Gesundheit leitet.

„Glaube hilft gegen Angststörungen und verbessert das Immunsystem“
„Seit den 1990er Jahren hat sich das Forschungsgebiet extrem erweitert“, verrät er. Koenig wertete einmal mehr als 1.200 Artikel aus, ein anderes Mal nahm er 444 Studien unter die Lupe, um der Frage nachzugehen, ob der Glaube Depressionen lindern kann. „Fast siebzig Prozent der Studien belegen das, ebenso, dass der Glaube gegen Angststörungen hilft.“ Koenig fand auch positive Auswirkungen für den Körper. Gläubige haben demnach einen niedrigeren Blutdruck, ein besseres Immunsystem, gesündere Herzen und sie leben länger. „Das haben 82 Studien belegt“, fasst er zusammen.

Kritiker werfen Koenig und seinen Forschungskollegen vor, der Kirche nahezustehen und Studien zu untersuchen, die von religiösen Gruppen finanziert wurden. Dazu bemängeln sie Schwächen der Studien, etwa geringe Teilnehmerzahlen und die Schwierigkeit, den Begriff Religion oder Glaube genau zu definieren.
Die Hinweise sind streng wissenschaftlich zwar keine Beweise, doch ganz aus der Luft gegriffen scheinen sie nicht zu sein. Dr. Manfred Stelzig, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie Psychotherapeut und Lehrbeauftragter an der Donau-Universität Krems (NÖ) und der Universität Innsbruck (T) mag die Auswirkungen der Spiritualität nicht unterschätzen. „Eines kann ich mit Sicherheit sagen, Menschen, die glauben, sind abgesicherter, fühlen sich geborgener. Und Menschen mit einer verinnerlichten Spiritualität haben eine bessere Lebensqualität und bessere Heilungsraten.“ Ähnliches berichtet Universitätsprofessor Siegfried Kasper, Professor für Psychiatrie an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien.

Belastungen des Lebens werden von Gläubigen häufiger besser bewältigt
„Ob der Glaube den Menschen insgesamt gesünder hält, kann ich nicht beurteilen. Aus meiner Praxis kann ich berichten, dass Gläubigsein mit Sicherheit die Seele stabilisiert.“ Experten nennen das Resilienz, die seelische Widerstandskraft, die Fähigkeit, Belastungen des Lebens gut zu bewältigen.
Die Vielzahl an Forschungen lasse eine Reihe von Schlussfolgerungen zu, meint die deutsche Religionspädagogin Professor Monika Jakobs, die an den Universitäten Wien und Luzern (Schweiz) lehrte. „Ein weiteres gut untersuchtes Thema ist der Zusammenhang zwischen Religiosität und Drogenmissbrauch. Bei der Behandlung von Sucht hat ein höherer Grad an Religiosität und Spiritualität eine positive Wirkung“, nennt sie als Beispiel. Tatsächlich ist Alkoholismus bei regelmäßigen Kirchgängern sowie Angehörigen bestimmter Religions-Gemeinschaften in den USA statistisch beweisbar niedriger als bei anderen Menschen. Als Gründe gelten die Verhaltensnormen und religiös geprägte Ideale.

Diese positiven Auswirkungen auf die seelische und psychische Gesundheit hängen jedoch, so die Experten, in hohem Maße vom Gottesbild ab. „Ein liebevolles, freundliches und barmherziges Gottesbild kann ein Gesundheitsplus bewirken. Liegt ein unmenschliches Gottesbild vor, von einem Gott, der mich bestraft, mich klein macht und demütigt, kann das eine Krankheit stärken. Sie wird dann als Strafe erfasst“, erklärt der deutsche Psychologe Michael Utsch und verweist darauf, dass eine verinnerlichte Religiosität, die von klein auf aufgebaut wird, eher gesundheitsförderlich wirke als jene, die auf Äußerlichkeiten beruhe.

Die Hinweise, dass der Glaube die Psyche und Seele stärken, mehren sich. Recht dünn bis unbrauchbar sind Studien, die auf den Einfluss des Glaubens auf die körperliche Ebene hinweisen. In Bezug auf Krebs-Erkrankungen etwa konnten bisher keine Auswirkungen religiöser Praktiken auf das Fortschreiten und die Überlebenszeit nachgewiesen werden. Studien mit Tumorpatienten zeigen aber einen Zusammenhang zwischen Spiritualität und Lebensqualität, Angst, Depression, Hoffnungslosigkeit und Suizidrate. Eine vertrauensvolle Gottesbeziehung lässt Patienten die Kankheit besser verarbeiten, es gibt weniger Selbstmorde.

Meditatives Beten senkt den Puls und den Blutdruck
Untersuchungen haben gezeigt, dass hochreligiöse Menschen schmerzunempfindlicher sind. Sie haben andere Weisen der Verarbeitung, können Schmerzen durch ihre religiöse Deutung noch einen Sinn abringen und so mit ihrer Situation besser umgehen. Dass Gebete für die eigene Genesung oder die anderer Menschen helfen können, ist aber nicht belegt. Luciano Bernardi von der Universität Padua in Italien hat dennoch einen Effekt festgestellt. Das Aufsagen des Rosenkranzes oder anderer Gebetsformeln hinterlässt Spuren. Der meditative Charakter beruhigt nachweislich Puls und Blutdruck und ist damit eine gute Therapie bei Herzrhythmusstörungen und chronischen Schmerzen. Eine neue Studie aus den USA bestätigt dazu, Beten verringert nicht nur Stress, die Arbeit, die das Gehirn dabei leistet, fördert unser Erinnerungsvermögen und das Gedächtnis.