Kirchenglocken für das Wolfsrudel
Sie feierten Riesenerfolge trotz Zwergenbörsel. Mit dem nur zehntgrößten Budget der Bundesliga wurde der Wolfsberger AC (K) zuletzt zwei Mal Liga-Dritter und lieferte Europacup-Sensationen. Hinter den Erfolgen stehen Anhänger, Ehefrauen, ein Küchenchef und ein Ortspfarrer …
Gleich hinter den Stehplätzen der Lavanttal-Arena weiden im Sommer ein paar Dutzend Milchkühe, am Horizont ragen die Ausläufer der Koralpe in die Höhe. Im VIP-Areal des Wolfsberger AC, das noch vor wenigen Jahren aus ein paar rohen Brettern zusammengezimmert war, begrüßt Präsidenten-Gattin Waltraud Riegler die Gäste. Pfarrer Christoph Kranitzki hält in der Wolfsberger (K) Markuskirche eine WAC-Kerze am Brennen, er und der Bürgermeister Hans-Peter Schlagholz sind neben vielen anderen Stadtpromis oft gesehene Gäste und fahren sogar zu manchen Auswärtsspielen mit. Normalerweise, wenn nicht gerade wie jetzt das Corona-Virus für ein leeres Stadion und zuletzt auch einige Krankheitsfälle unter den Spielern sorgt.

„Das wird uns nicht sonderlich bremsen können“, ist Kapitän Michael Liendl, 35, überzeugt, der für Top-Leistungen des Bundesligisten sorgt und in der kommenden Woche am Donnerstag im Heimspiel gegen Dinamo Zagreb den Erfolgslauf in der Europa League fortführen will. „Mit mir ist es wie mit altem Wein, ich werde mit jedem Jahr besser“, lacht der „Alpen-Maradona“, der seit Monaten als Torvorlagengeber und Schütze glänzt. Die internationalen Erfolge Wolfsbergs erregen immer wieder Aufsehen, das 4:0 gegen Mönchengladbach und das 4:1 gegen Feyenoord Rotterdam, und das sogar auswärts.

Dabei sind die Wölfe mit einem Armenhäuslerbudget von 4,7 Millionen Euro jährlich und einem Mini-Stadion mit 7.300 Plätzen Zwerge im internationalen Kick. „Wir haben vielleicht einen kleineren Kraftraum und weniger Trainingsplätze als andere, aber dafür ist der Zusammenhalt der Mannschaft einzigartig“, glaubt Liendl.
„Bei uns läuft jeder für den anderen und die Stimmung in der Kabine ist super.“ Der sportliche Höhenflug des WAC fasziniert ihn seit zwei Jahren. „Damals wurde von Trainer Christian Ilzer eine erfolgreiche Richtung eingeschlagen und unser typischer Spielstil mit starkem Pressing entwickelt. Er wurde später von Gerhard Struber und heute Ferdinand Feldhofer fortgeführt.“

Die Stadt Wolfsberg steht allerdings auch wie ein Mann hinter ihrer Elf. Vor der Pandemie kam gefühlt jeder dritte Bewohner zu den Heimspielen, die Beziehung zwischen Anhängern und Spielern ist nirgends sonst derart eng. „Wir gehen wie selbstverständlich nach dem Abpfiff zu den Kickern in die Kabine und sie kennen sogar oft unsere Namen“, erzählt Pierre Fritzl, der als Einpeitscher des Anhängerklubs „Wolfsfront“ mit dem Megafon Stimmung macht. Privat ist er Küchenchef des Thermalbades Weissenbach, neben ihm heizt der junge Maxi Fuchs als Trommler den Anhängern ordentlich ein.

Der Ortspfarrer Kranitzki ist auch fast immer dabei, nach dem 4:0 in Mönchengladbach läutete er spontan die Glocken der Kirche. „Ich glaube, in Wolfsberg geht es gar nicht anders, als ein Anhänger des WAC zu sein“, lacht er. „Der Glaube spielt beim Verein durchaus eine Rolle, Trainer Feldhofer war sogar Ministrant.“ Im vorigen Jahr fuhr Kranitzki zum Auswärtsspiel beim AS Rom mit, dort besuchte er unter anderen mit dem Wolfsberg-Bürgermeister eine Papst-Audienz und las eine Messe im Petersdom. „Abgesehen davon, dass ich sowieso ein Fußball-Anhänger bin, ist es ein Element, das uns Bewohner verbindet und zusammenbringt“, glaubt er.

Am Matchtag sorgt ein Heer von ehrenamtlichen Helfern dafür, dass das Werkl rennt. Auch die Frauen der Funktionäre helfen mit, neben der Präsidenten-Gattin ist auch Sonja Nastl eine wichtige Stütze des Vereines. Sie bewirtet Spieler und prominente Zuseher, ihr Mann war früher Co-Trainer und Nachwuchsleiter der „Wölfe“.

Wie klein und familiär der WAC in Zukunft noch bleiben wird, ist allerdings unklar, denn die Erfolge lassen neue Begehrlichkeiten aufkommen. „Eine neue Lavanttal-Arena soll in zwei bis vier Jahren fertig sein“, kündigte Präsident Dietmar Riegler bereits an. „Sie wird Flutlicht haben, 10.000 Sitzplätze umfassen und für den Europacup zugelassen sein.“