Humorige Erfahrungen mit Corona
So ernst die Situation aufgrund des Corona-Virus derzeit auch ist. Der bayerische Kabarettist Michael Mittermeier, 54, kämpft auf seine bewährte Art dagegen an. Er setzt auf Humor. In seinem neuen Buch „Ich glaube, ich hatte es schon: Die Corona Chroniken“, führt er den Leser mit vielen Pointen durch seinen Alltag. Und er wundert sich über die Grußform, die Corona hervorgebracht hat.
Ich habe die Menschen schon wie Zombies gemieden, noch bevor sie Zombies waren, doch jetzt, wo alle Zombies sind, vermisse ich die Menschen irgendwie.“ So schreibt der bayerische Kabarettist Michael Mittermeier in seinem neuen Buch „Ich glaube, ich hatte es schon: Die Corona Chroniken“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch). Darin nimmt er auf humorige, zuweilen sarkastische Art die Corona-Krise unter die Lupe und erzählt, wie es ihm im Alltag mit seiner Frau Gudrun, 50, die als Sängerin unter dem Namen Somersault auftritt, und mit der Tochter Lilly, 12, ergeht.

„Servus“, begrüßt er seine Leser. Und ist sich nicht sicher, ob das derzeit noch die richtige Begrüßung ist oder bereits gegen die Abstandsregel verstößt. „Ist Siezen vielleicht eine Art Mundschutz im Schriftlichen und verabschieden wir uns in Briefen bald ,mit virenlosen Grüßen‘?“, fragt der Bayer, der den festen Händedruck oder eine Umarmung vermisst. „Wer hat eigentlich diese neue Grußform mit dem Ellenbogen erfunden. Ein Menschenfreund kann es nicht gewesen sein“, meint der am 3. April 1966 in der Kleinstadt Dorfen, nordöstlich von München geborene und aufgewachsene Künstler.

„Ich hatte eine schöne Jugend und habe dort viel erlebt, was mich geprägt hat. Es war damals natürlich eine – in Anführungszeichen – kleinere Welt. Aber auch heute, wo ich mehr über Grenzen gehe, schaue ich mit den Wurzeln meiner Heimat, was gut ist. Ich brauche die Mischung.“

Sie hat wohl mit dazu beigetragen, seinen zuweilen bissigen Humor auszuformen, mit dem er seit Ende der 80er Jahre das Publikum unterhält. Der Durchbruch gelang ihm im Jahr 1996 mit seinem Soloprogramm „Zapped“, in dem er die Fernsehlandschaft unter die Lupe nahm. Mehrere hochkarätige Programme folgten und machten Mittermeier zu einem der besten und beliebtesten Kabarettisten im deutschsprachigen Raum. Seinen Jugendtraum, Old Shatterhand, der Held aus den Karl-May-Filmen, zu werden, hat er verworfen. „Ach, ich habe einmal von meiner Mama eine braune Lederjacke mit Fransen bekommen, das war meine Old-Shatterhand-Jacke. Er hat mich, als ich angefangen habe, Karl May zu lesen, auf Reisen mitgenommen, er hat mich in diese Welten getragen, und ich habe darin gelebt.“

In der Kirche gelacht
Ähnlich ist es heute mit seinen Programmen. Er nimmt das Publikum stets mit auf eine Reise. In der es immer wieder hart zur Sache geht und er ordentlich Seitenhiebe verteilt. Auch gegen seine Kanzlerin Angela Merkel. Unter anderem, wenn er deren Führungsstil kritisiert oder sich über deren Aussehen mokiert. „Deshalb wundert es mich, dass ich in Deutschland von den Rechten beschimpft werde.“ Doch für ihn ist die Spielwiese groß. „Es gibt nichts, worüber ich keine Witze machen würde. Denn das wäre ja wohl eine kulturelle Zensur. Wenn früher in der Kirche gesagt wurde, du darfst nicht lachen, haben wir uns erst recht gegenseitig zum Lachen gebracht. Es gibt für mich daher nur die Frage, wie und was ich daraus mache, das andere hat niemand zu entscheiden.“ Selbst festgelegt hat Mittermeier während der ersten Ausgangsbeschränkung im Frühjahr auch, die körperliche Reinigung hintanzustellen. In seinem Buch berichtet er darüber. „Ich muss zugeben, ich fand es in den ersten Wochen schon auch schön, einmal so richtig zu verlottern. Gott, habe ich gern gestunken! Aufgefallen ist es mir erst, als der Paketbote sich weigerte, zur Tür zu kommen, und das Paket in Sicherheitsabstand vor dem Haus ablegte. ,Herr Mittermeier, das weht jetzt aber wirklich zu weit.‘ Ich rieche nix.“

Der Lehrer war weg
Wie seine Frau, mit der er seit 1998 verheiratet ist, und seine Tochter darauf reagiert haben, sagt er nicht. Tatsächlich war es für ihn eine ungewohnte Situation, weil er zwölf Wochen und vier Tage lang nicht auftreten konnte. „Das ist mir in 34 Jahren Tour noch nie passiert.“ Dafür blieb ihm Zeit, mit seiner Tochter die „Schule daheim“ zu erleben. „,Homeschooling‘ ist für Hunderttausende Eltern zum Angstwort geworden, für einige sogar ein Anwärter auf die Auszeichnung Unwort des Jahres. Nach dem Schließen der Schulen ging‘s erst einmal zu wie beim Turmbau von Babel. Die babylonische Schulverwirrung. Jeder Lehrer sprach in einer anderen Sprache. Der eine sendete E-Mails mit PDFs zum Ausdrucken. Eine Lehrerin wollte Kopien schicken, hatte aber keinen Kopierer zu Hause. Eine andere sagte: ,Ich glaube ja, das mit Computer, Streaming und so wird sich nicht durchsetzen.‘ Ein anderer startete aus Versehen eine Zoom-Konferenz und musste erklären, warum er ohne Hose dasaß. Wir Eltern waren schon froh, dass niemand Rauchzeichen gegeben hat. Stopp, eine Methode habe ich noch vergessen: Fernwartung. Die hat nur nicht jeder Lehrer richtig verstanden. Bei Freunden von uns zum Beispiel ist der Deutschlehrer einfach verschwunden (wahre Geschichte!). Er war weg. Also weg-weg. Nicht weil er krank war, sondern einfach so. Weg. Er war nicht erreich- und auffindbar.“

Mittermeier ist mit seiner Tochter aber fleißig über Mathematik-Hausübungen gesessen, bis die Köpfe geraucht haben. „Das letzte Mal, als ich eine Abrechnung mit zwei Unbekannten gesehen habe, kam Clint Eastwood, 90, in einen Western-Saloon und hat zwei Männer erschossen. Meine Tochter ist in Mathematik besser als ich. Wobei ich von Lilly oft zu hören bekomme, dass auch meine Frau besser in Mathe sei als ich. Die hat es ja leicht, schließlich hat sie ein Physik-Ingenieurs-Diplom und ich nicht.“ Schulschließungen an sich hätte sich der Bayer in seiner Jugend selbst ungern verschlossen. In seinem Buch berichtet er darüber, wie er versucht hat, zu Hause bleiben zu können. „Ich gab mich in der Früh kränklich und hustete. Ach, ach, ich glaube, ich bin heute krank, ich kann nicht in die Schule‘, sagte ich. Mein Vater meinte daraufhin ungerührt. ,Zieh dich nackt aus, geh zu Fuß in die Schule, die kalte Luft wird dich abhärten!‘ ,Was?‘ Mein Schulweg war drei Kilometer lang. Jeden Tag. Drei Kilometer. Bei jedem Wetter.“

Der Bayer hat es überstanden und steht heute, 40 Jahre später, gesund auf der Bühne. Wenn er denn darf. Allerdings haben die Jahre doch ihre Spuren hinterlassen. Die Haare sind grau geworden. „Ich bekomme dafür viele Komplimente und werde gefragt, ob sie gefärbt sind. Aber sie sind Natur, wie Gott und die Haarwurzel sie mir implantiert haben. Sie waren schon vor der Pandemie auf meinem Kopf.“

Allerdings mache die Krise durstig, fand der 54jährige heraus. Um gut drauf zu sein, zitiert er den unvergessenen Showmaster Harald Juhnke (1929–2005): „Meine Definition von Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen haben.“

Wieder mit einem Augenzwinkern bemerkt Mittermeier dazu über das Eingesperrtsein daheim: „Erst kam die Ratlosigkeit, gefolgt von Verwirrtheit, dann Panik, schließlich die vermeintliche Ruhe nach und vor dem Sturm. Dann der Alkohol. Und plötzlich lagen der Reproduktionswert-Wert (also die Ansteckungsrate) und Promillewert immer stabil bei zwei. Nach ein paar Tagen habe ich gemerkt: Es ist egal, wenn man sich am frühen Nachmittag schon einmal ein Weißweinchen oder zwei, drei oder fünf genehmigt. Es gab ja keine Termine mehr, keine geschäftlichen Telefonate, kein Tagesziel. Es heißt ja, Corona sei ein Brennglas. Die Wahrheit ist, es ist ein Schnapsglas.

Zum Glück hat meine Frau mitgemacht. Wir haben unseren Eheschwur so was von ernst genommen. Man muss zusammenstehen und zusammen trinken. Irgendwann fragte unsere Tochter: ,Papa, Mama, wer hat denn die ganzen leeren Weinflaschen in den Flur gestellt?‘ Wir beide unisono: ,Keine Ahnung! Irgendjemand.‘ ,Aber außer uns dreien war doch niemand hier drin.‘ Wir haben sie angestrengt angesehen: ,… und wer bist du eigentlich?‘“