Alte und Kranke zuerst
Mit dem „Zusperren“ des Landes und Massentests will die Regierung die Infektionszahlen drücken. Entwarnung gibt es aber wohl erst mit einer Impfung. Die Meldung zweier Firmen, dass ihr Impfstoff zu mehr als 90 Prozent wirksam sei, macht Hoffnung. Doch noch muss er zugelassen werden.
Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) ist optimistisch. Schon in den ersten drei Monaten des neuen Jahres könnte es Impfungen für Menschen ab 70 Jahren, jene mit Vorerkrankungen und Gesundheitsmitarbeiter geben. Denn zuerst sollen jene geimpft werden, „bei denen das größte persönliche und systemische Risiko besteht“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Für die anderen soll es im Frühjahr und Sommer so weit sein. „Ich gehe davon aus, dass die weitere interessierte Bevölkerung dann ab dem zweiten Quartal schrittweise geimpft werden kann.“ Kosten soll die Impfung nichts.

Den Grund für die Impf-Hoffnung haben die deutsche Firma Biontech und ihr amerikanischer Partner Pfizer geliefert. Ihr Impfstoff mit dem Namen „BNT162b2“ bietet laut Unternehmen einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor Covid-19-Erkrankungen. Das wäre mehr als bei der jährlichen Grippe-Impfung. Dort gibt es laut deutschem Robert-Koch-Institut „bei jungen Erwachsenen eine Schutzwirkung von bis zu 80 Prozent“, bei Älteren sind es zwischen 40 bis 60 Prozent.

Der amerikanische Konzern Moderna hat zuletzt ebenfalls Zahlen veröffentlicht. Demnach erreicht diese Impfung sogar eine Wirksamkeit von 94,5 Prozent.

Die Hälfte bekam in der Studie einen "Schein-Piks"
Die jetzige klinische Testphase zur Wirksamkeit der „Biontech-Spritze“ läuft mit rund 44.000 Teilnehmern seit Ende Juli. Die Hälfte erhielt den Impfstoff, die andere Hälfte einen „Schein-Piks“ ohne Wirkstoff. 94 Covid-19-Fälle traten bis zum Zwischenbericht auf. Die Verteilung „zwischen Impfgruppe und Placebo-Gruppe wies sieben Tage nach der zweiten Dosis auf eine Impfstoff-Wirksamkeitsrate von mehr als 90 Prozent hin“, heißt es von Pfizer und Biontech. Genaue Fallzahlen nannten die Unternehmen nicht. Aber angesichts der Wirksamkeit dürften es laut Beobachtern in der Impfstoffgruppe neun oder weniger Erkrankte gewesen sein.

Für die Impfung sind zwei Dosen notwendig, die im Abstand von drei Wochen verabreicht werden. Der Impfschutz wird laut Herstellern eine Woche nach der zweiten Spritze erreicht. Bisher gab es keine schwerwiegenden Sicherheitsbedenken, die „Erfinder“ wollen aber die Studienteilnehmer zwei Jahre nach der zweiten Impfung überwachen. Wie lange der Schutz anhält und welche Langzeitnebenwirkungen auftreten könnten, diese Beurteilung braucht laut Virologen noch mehr Zeit.

Noch im November soll voraussichtlich eine Notfallzulassung bei der amerikanischen Arzneimittelbehörde beantragt werden. In der EU gibt es ein beschleunigtes Zulassungsverfahren bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA. Dabei werden die Daten fortlaufend schon während der Phase der klinischen Studien eingereicht. Erste Zulassungen könnte es noch dieses Jahr oder Anfang 2021 geben.

Doch die Impfstoffe von Biontech oder Moderna wären die ersten mit sogenannter mRNA-Technologie. Während klassische Impfstoffe meist abgeschwächte Viren oder Teilstücke davon enthalten, basieren sie auf einem neuen Mechanismus. Genbasierte Impfungen funktionieren über einen Botenstoff für Erbinformation etwa für ein Eiweiß, das sogenannte Spike-Protein, die stachelige Hülle des Corona-Virus. Dieses Eiweiß stellt der Körper dann selbst her. Das Immunsystem bildet als Reaktion Abwehrstoffe und soll danach vor einer Erkrankung schützen.

Die EU kauft bis zu 300 Millionen Dosen Impfstoff von Biontech und Pfizer. Zwei Prozent, also sechs Millionen Dosen, sind für unser Land reserviert. Damit könnten drei Millionen Menschen geimpft werden. Hierzulande sind allein schon 1,2 Millionen Menschen älter als 70 Jahre und gehören zur Risikogruppe, die zuerst geimpft werden soll.

Über die Kosten wurde nichts bekannt. Die USA haben allerdings schon vor Längerem einen Vertrag über hundert Millionen Dosen für rund 1,65 Milliarden Euro abgeschlossen. Das sind knapp 17 Euro pro „Piks“. Zusätzlich gab es zuletzt bereits Vorkaufverträge mit anderen Firmen und zudem weitere Verhandlungen.

Wie die Impfstoffe an den Mann und an die Frau gebracht werden, ist hierzulande noch weitgehend unklar. Der Biontech-Impfstoff braucht etwa beim Transport minus 70 Grad. „Fünf Tage“ kann dann der Impfstoff laut Biontech-Chef Ugur Sahin bei Kühlschrank-Temperaturen gelagert werden, wenn er zur Anwendung kommt.

Bei uns wird noch an der Impfstrategie gearbeitet. „Im Allgemeinen soll die Impfung dorthin kommen, wo die Menschen arbeiten, leben oder sich aufhalten“, wird im Gesundheitsressort erklärt. Rudolf Anschober will jedenfalls eine Impfquote „von 50 Prozent“ erreichen.

Jeder Zweite will sich impfen lassen
Auf die Frage: „Vorausgesetzt, es gibt zukünftig einen Impfstoff gegen Corona, würden Sie sich impfen lassen?“ antworteten mehr als die Hälfte von rund 1.000 Befragten mit ja.
  • auf jeden Fall – 21 Prozent
  • eher ja – 33 Prozent
  • eher nein – 27 Prozent
  • auf keinen Fall – 19 Prozent
Mehr als ein Drittel der Impfwilligen möchten die Spritze sogar im ersten Monat.