Ein bisschen Schlamperei schadet nicht
„Das Bessere ist der Feind des Guten.“ Das wusste schon der französische Philosoph Voltaire im 18. Jahrhundert. An sich spricht nichts dagegen, sich anzustrengen, um das Beste aus sich herauszuholen. In kleiner Dosis kann das Streben nach Vollkommenheit ein Ansporn sein. In zu hoher Dosis ist dies allerdings Gift. Perfektionisten sterben früher, haben Wissenschaftler herausgefunden. Ein Grund mehr, sich hin und wieder die eine oder andere kleine Schlamperei zu erlauben.
Ein Mann sitzt in einem noblen Salon und wartet darauf, dass ihn der Hausherr empfängt. Da erblickt er ein Bild, das etwas schief an der Wand hängt. Er steht auf und rückt es gerade. Dabei verschiebt er das Sofa, das gegen den Tisch stößt, der mitsamt der Lampe umkippt. Als der Mann versucht, alles wieder aufzurichten, verfängt er sich im Teppich und stößt ein Regal mit Porzellangeschirr um. So geht es immer weiter, bis das ursprünglich ordentliche Zimmer in einem heillosen Chaos versinkt. Das Bild an der Wand hängt jedoch immer noch schief.

Der von Loriot gespielte Sketch heißt „Zimmerverwüstung“ und er führt vor, wohin übermäßiger Perfektionismus führen kann. „Perfektionismus dient dazu, den Mangel an Selbstwert auszugleichen“, sagt Wolfgang Schmidbauer. Der Psychoanalytiker und Autor des Buches „Dranbleiben – gelassene Art, Ziele zu erreichen“ (Herder Verlag) weiß aus seiner Praxis, dass viele Menschen im Angstkreis des Perfektionismus stecken.

Der Rasen im Vorgarten muss auf exakt fünf Zentimeter gestutzt werden. Die Schreibstifte liegen säuberlich gespitzt, stets sortiert von hell bis dunkel auf dem Büro-Tisch. Die Pölster müssen immer in einer bestimmten Reihenfolge das Sofa zieren. Ohne Lippenstift, Wimperntusche und akkurat frisiertem Haar wird das Haus nicht verlassen. Und wenn der Chef die mit Ehrgeiz und Fleiß erledigte Arbeit nicht lobt, ist der ganze Tag im Eimer. Sollte Ihnen davon etwas bekannt vorkommen, sind Sie vielleicht auch ein Perfektionist.

„Wenn es in der Entwicklung der Menscheit nicht immer wieder Perfektionisten gegeben hätte, würden wir unsere Wäsche vermutlich noch heute mit der Hand waschen. Viele Höchstleistungen lassen sich darauf zurückführen, dass Menschen extreme Ansprüche an sich selbst stellen. Wer möchte schon von einem Arzt, der schlampig arbeitet, operiert werden. Und niemand lässt ein Flugzeug von einem Ingenieur, der Schwachstellen übersieht, bauen“, sagt Dr. Christine Altstötter-Gleich.

Die 56jährige ist eine der wenigen Dozenten im deutschsprachigen Raum, die das Thema „Perfektionismus“ erforschen. Vorsicht sei ihres Erachtens dann geboten, wenn sich ungesunde Ausprägungen bemerkbar machen. „Dazu gehören Verhaltensweisen wie übersteigertes Kontrollieren, also der Zwang, alles doppelt und dreifach zu prüfen. Oder auch der Drang, jede Einzelheit planen zu müssen und für alles, was Sie tun, Listen zu erstellen“, sagt die Expertin.

Ständig danach zu streben, Vollkommenes zu leisten, kann nicht nur einsam und krank machen, sondern sogar die Lebenserwartung verkürzen. Laut einer Studie der kanadischen Trinity Western Universität haben Perfektionisten eine 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, früher zu sterben. Demnach können eine gesunde Portion Gelassenheit und die eine oder andere kleine Schlamperei das Leben verlängern.

„Perfektion“ existiere, so die Psychologin Anett Enderlein, ohnehin nur in unserer Vorstellung. „Für jeden bedeutet ,perfekt zu sein‘ etwas anderes. Folglich ist es unmöglich, es jedem – inklusive einem selbst – recht zu machen“, sagt sie. Da Perfektionismus zu einem gewissen Teil angeboren ist, sei es allerdings nicht einfach, ihn gänzlich zu überwinden. Mit etwas Geduld ließe er sich jedoch auf ein gesundes Maß verringern.

„Gehen Sie doch einmal mit einer nicht perfekt gebügelten Bluse aus dem Haus, oder kommen Sie absichtlich zehn Minuten zu spät zu einem Termin. Lassen Sie für einen Tag lang die Küche unaufgeräumt, ignorieren Sie den Wäscheberg und lesen Sie stattdessen gemütlich die Zeitung oder ein Buch. Sie werden erkennen, dass überhaupt nichts Schlimmes passiert, wenn einmal nicht alles perfekt ist“, empfiehlt die Psychologin.

Raus aus der Perfektionismus-Falle
  • Behalten Sie das große Ganze im Auge: Achten Sie darauf, sich nicht in Einzelheiten zu verzetteln. Das Projekt dauert dadurch länger, als es sollte.
  • Seien Sie gnädig mit sich selbst: Hören Sie auf, sich selbst zu zerfleischen, wenn etwas nicht geklappt hat. Selbstzweifel ziehen Sie nur hinunter.
  • Vergleichen Sie sich nicht mit anderen: Talente sind nun einmal ungleich verteilt. Sorgen Sie dafür, das Beste aus Ihren eigenen Begabungen zu machen.
  • Setzen Sie realistische Erwartungen: Kein Mensch wird von Ihnen Wunder erwarten. Es reicht, wenn Sie versuchen, Ihre Sache so gut wie möglich zu machen.
  • Rechnen Sie damit, Fehler zu machen: Aus Fehlern lernen wir oft mehr als aus Erfolgen. Sehen Sie Fehler nicht als Feind, sondern als Chance.
  • Lernen Sie, mit Kritik umzugehen: Es ist ein Irrglaube, dass Perfektion vor Kritik schützt. Wer es allen recht machen will, verliert sein Ziel aus den Augen.
  • Bitten Sie um Hilfe: Keiner kann alles alleine schaffen. Es ist sogar ein Zeichen von Größe, zu seinen eigenen Schwächen zu stehen.
  • Grübeln Sie weniger: Aus Angst, Fehler zu machen, grübeln Sie zu viel. Nichts gegen eine gute Planung, aber betrügen Sie sich dabei nicht selbst.
  • Machen Sie es einfach: Den Satz dürfen Sie wörtlich nehmen: Legen Sie endlich los – und gestalten Sie Ihr Vorhaben nicht unnötig kompliziert.
Nehmen Sie alles zu genau?

Angelika Treffer, 69, Pensionistin
„Einen Ordnungswahn habe ich nicht“

„Sorgfalt und Reinlichkeit sind mir schon wichtig, aber einen Ordnungswahn habe ich sicher nicht. Das heißt, es muss nicht alles genau in Reih und Glied sein. Schon gar nicht, wenn meine beiden Enkelkinder zu Besuch bei mir sind. Da dürfen schon Spielsachen herumliegen. Dann ist es mir wichtiger, dass ich mich mit ihnen beschäftige, statt nach dem Mittagessen sofort die Küche zu putzen. Übergenau bin ich vielleicht bei Terminen. Denn jemanden warten zu lassen, halte ich für respektlos.“

Paul Santner, 28, Marketing-Manager
„Schlamperei gibt es bei mir nicht“

„Als Teamleiter trage ich eine Menge Verantwortung. Ich stehe dazu, perfektionistisch veranlagt zu sein. Schlamperei, die mich zutiefst anwidert, gibt es bei mir nicht. Deshalb erkläre ich jedem Mitarbeiter bis ins kleinste Detail, wie er seine Aufgabe auszuführen hat. Ich lese jedes E-Mail meiner Kollegen durch, verbessere die Grammatik und die Rechtschreibung. Wenn jemand eine fehlerhafte Arbeit leistet, erhält er von mir sofort eine schriftliche Anweisung, was er künftig besser machen soll.“

Gabriele Reiter, 52, Fachsozialbetreuerin
„Ich bin genau, aber mit Humor“

„In meinem Beruf, ich arbeite mit alten Menschen, sind Genauigkeit und Verlässlichkeit Grundvoraussetzungen. Ich nehme meine Verantwortung genau, aber mit einer Prise Humor und ohne dabei pingelig zu sein. Alles auf die Goldwaage zu legen, würde meine Gedanken nur einschränken. Privat habe ich mit Perfektionismus überhaupt nichts am Hut. Ein bisschen Unordnung nehme ich mit Witz und Nachsicht hin. Was dem zwischenmenschlichen Umgang nachweislich besser tut als Kontrolle.“

Helmuth Schulz, 75, Pensionist
„In meinem Bastel-Keller auf alle Fälle“

„Ich habe jahrelang als Ingenieur für Fahrzeug-Technik gearbeitet. Genauigkeit stand für mich an der Tagesordnung. Tüfteln und Konstruieren sind für mich auch im Ruhestand mein Hobby geblieben. Daher verbringe ich viel Zeit in meinem Bastel-Keller. Dort bin ich auf alle Fälle übergenau. Mein Werkzeug ist tipptopp sortiert. Jede noch so kleine Schraube habe ich stets griffbereit. Meine Freunde halten das zwar für übertrieben, aber ich brauche diese für mich perfekte Ordnung, damit ich arbeiten kann.“