"In mein Schlafzimmer kommt nur noch meine Putzfrau"
Er ist ein Berliner Original, ein Typ mit Herz und Schnauze. Bekannt wurde Walter Plathe als Fernseh-Landarzt Dr. Ulrich Teschner, den er von 1992 bis 2008 verkörperte. Im echten Leben hat der Mime nichts ausgelassen, wie er in seiner Biografie gestand. Seine Frau wandte sich wegen seiner Bisexualität von ihm ab. Sein Publikum blieb ihm aber treu.
Zu Hause sitzen und Däumchen drehen gibt‘s nicht. Ich gehe so lange zur Arbeit, wie ich Spaß dran habe“, sagt Walter Plathe lachend. Sein Arbeitsplatz ist unter anderem seine Wohnung im Ostberliner (D) Scheunenviertel. Inmitten von dekorativen Theater-Requisiten, ehrwürdigen Möbeln und Zeichnungen aus dem alten Berlin lernt Plathe in Ruhe seine Texte.

Zwar ist der ehemalige Fernseh-Landarzt heute seltener auf den Bildschirmen zu sehen, Theaterluft schnuppert er aber auch mit 70 Jahren noch. Der Mime, der gerne einmal die Berliner Schnauze raushängen lässt, gehört zu den beliebtesten deutschen Darstellern.

Plathe erblickte das Licht der Welt am 5. November 1950. Er wuchs im Ostberliner Stadtteil Mitte auf. „Mein Zuhause war die Ackerstraße, damals eine Armeleute-Gegend“, erzählt er. Dort hatte seine Familie eine kleine Wohnung mit Außenklo im Parterre. „Wenn ich spielen wollte, musste ich nur aus dem Fenster steigen.“ Später funktionierte das nicht mehr. „Meine Mutter bekam eine Portiersstelle und wir zogen ins Vorderhaus in eine größere Wohnung im ersten Stock. Ich hatte ein Zimmerchen für mich und es gab ein Innenklo – was für ein Aufstieg.“ Zurückblickend sagt er, „wir hatten zwar nicht viel, aber ich fühlte mich geborgen.“

Der tierliebende Bursche absolvierte eine Ausbildung als Fachverkäufer für Zoobedarf, doch sein Traum war die Schauspielerei. Dies, obwohl ihn sein Großvater, der in den zwanziger Jahren ein privates Theater hatte, vor der „brotlosen Kunst“ gewarnt hatte. Dennoch entschied sich Plathe für eine Schauspielausbildung im damaligen Ostberlin, der ein Engagement am Mecklenburgischen Staatstheater folgte. „Ich verdiente nur einen
Bruchteil dessen, was der Zoohandel gebracht hätte, aber für ein erfülltes Theaterleben mit einer Kantine, in der ich anschreiben konnte, reichte es allemal.“

Nach dem Wehrdienst verschlug es ihn zurück in seine Berliner Heimat, wo er seine erste Frau Constanze Schulze kennenlernte. „Sie studierte Gastronomie, das fand ich schon sehr interessant“, scherzt er. Die beiden zogen zusammen, heirateten und bekamen Sohn Janek, der ebenfalls im Filmgeschäft tätig ist.

Doch Plathe machte die für ihn „schöne Erfahrung“, dass er „mehr lieben darf als andere, Frauen und Männer.“ Als er seiner Frau eine Affäre zu dem jungen Regisseur Rainer gestand, reichte sie die Scheidung ein. „Sie hat es einfach nicht verstanden, was ich wiederum gut verstehen konnte. Alle Träume, alle Pläne, alle Hoffnungen waren zerplatzt.“
Doch auch seine Beziehung zu Rainer hielt nicht ewig. „Ich war völlig unerfahren, was diese Art der Begegnung zwischen gleichen Geschlechtern betraf“, schildert er.

Später verliebte sich Plathe erneut in einen Mann, einen jungen Studenten der Zahnmedizin. „Mein künftiger Dentist war nicht nur Liebhaber, er erwies sich als außerordentlich verlässlicher, umsichtiger und häuslicher Partner.“
Seine sexuelle Neigung ist für den Schauspieler sowohl Fluch als auch Segen. „Es ist wunderbar, so viel Liebe geben zu können, aber es zehrt auch an der Substanz.“

Kraft gab ihm stets die Schauspielerei. Bereits in DDR-Zeiten wurde er mehrmals zum Fernsehliebling gewählt, bevor er vor dem Mauerfall nach Hamburg übersiedelte. „Ich hatte natürlich Angst vor diesem beruflichen Wechsel in den Westen, aber es ging erstaunlich gut.“

Im Jahr 1992 schlüpfte Plathe in die Rolle seines Lebens. Bis 2008 verkörperte er in rund 180 Folgen Dr. Ulrich Teschner in der beliebten Fernsehserie „Der Landarzt“. Dazwischen, Ende der neunziger Jahre, heiratete Plathe ein zweites Mal. Diesmal die um 23 Jahre jüngere Schauspielerin Victoria Sturm, 47, die ebenfalls in der „Landarzt“-Serie mitwirkte. „Sie hätte meine Tochter sein können, aber man ist halt so alt, wie man sich liebt“, scherzt er. Die Serie war ein Erfolg, die Ehe weniger. 2008 ließen sie sich scheiden.

Getrennt hat er sich auch von seinem liebsten Laster, dem Rauchen. „Ein Packerl am Tag war es schon“, gesteht er. Seinem Arzt war das aber zuviel. Er riet ihm, „Du kannst meinetwegen noch einen Wodka mehr trinken, aber bitte lass das Rauchen sein.“ Plathe folgte seinem Rat, nahm aber stark zu. Zurückblickend ist der rundliche Mime aber zufrieden mit seinem Leben. „Ich habe nichts ausgelassen. So heißt schließlich auch meine Biografie. Was jetzt kommt, ist nur noch Zugabe.“ Das heißt für den Schauspieler nicht, dass nichts Besonderes mehr kommt, „aber det müsste schon wat janz Dollet sein“, sagt er auf Berlinerisch.

Der Urberliner schwärmt seit jeher vom deutschen Malermeister Heinrich Zille († 1929) und dessen volksnahen und sozialkritischen Berliner Milieuzeichnungen, in denen er auch seine Kindheit wiederfindet. Plathe spielte den „Pinselheinrich“ daher auf der Bühne und hat ihm heuer sogar ein Museum sowie ein Buch gewidmet. In „Habe die Ehre … Zille“ erzählt Plathe über das Leben des Malers, der für ihn mit anderen „die reinste Reinkarnation von Berlin verkörpert“.

Vom heutigen Berlin ist er aber oft genervt. „Wenn ich aus dem Haus trete und ein irrer Radfahrer fährt mir über den Zeh, wechsle ich die Straßenseite. Das ist nicht mehr mein Berlin, wenngleich sich die Stadt ständig verändert und dadurch auch reicher wird.“

In seiner Heimatstadt lebt Plathe heute alleine, zumal vor einigen Jahren sein geliebter, letzter Dackel „Polonius“ gestorben ist. Gesellschaft leistet ihm dafür seine Putzfrau Christel. „Sie ist eine gute Fee und bügelt und kocht für mich.“ Manchmal schiebt er sie aber weg vom Herd. „Dann kommt es zum Zank über dem Kochtopf. Es ist wie in einer guten Ehe. Der Mann kocht, die Frau motzt“, erzählt er lachend. „Sie ist auch die einzige, die noch in mein Schlafzimmer darf“, schmunzelt er. „Sie bügelt neben meinem Bett, mit einer Kanne Kaffee auf dem Bügelbrett. Dann schwatzen wir miteinander. Und das finde ich sehr heimelig, sehr behütend.“