Der Letzte, der noch lebt ...
Der Boss ist wieder da. Mit neuem Album („Letter To You“, seit Freitag im Handel), das Bruce Springsteen, 71, geschrieben hat, weil die Vergangenheit plötzlich wieder zur Gegenwart wurde. Ein lieber Freund und Kollege ist von ihm gegangen. Springsteen saß an seinem Sterbebett, dann brachte er seine Gefühle aufs Notenblatt. Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth hat mit dem Boss darüber gesprochen …
Wie geht es Ihnen?
Es geht mir großartig. Ich sitze gerade in meinem Studio in New Jersey (US-Staat). Einer von uns ist eigentlich immer hier drin, entweder ich oder meine Frau Patti Scialfa, die gerade an ihrem eigenen, wirklich wundervollen Album arbeitet.

Was hat Sie bewogen, wieder ein Album zu machen?
Ich dachte mir, „Hey, ich will endlich wieder rausgehen und spielen.“ Ich wusste, dafür brauche ich die einmaligen Damen und Herren der „E Street Band“. Und ich hatte im Hinterkopf, dass ich wohl ein neues Album machen sollte. Bloß fehlten mir zu dem Zeitpunkt noch sämtliche Lieder. Ich hatte seit sechs oder sieben Jahren keine Rocklieder mehr geschrieben, und die kommen ja nicht aus heiterem Himmel angeflogen. Was mir fehlte, war die Inspiration.

Und dann starb im Jahr 2018 Ihr Freund George Theiss, mit dem Sie in den späten Sechzigern in Ihrer ersten Band „The Castiles“ zusammen gespielt haben …
Ich verbrachte einige Tage an seinem Sterbebett, und als er tot war, fiel mir auf, dass ich jetzt der Letzte bin, der von den „Castiles“ noch lebt. Das ist ein seltsames Gefühl. Ich kam nach Hause und schrieb „Last Man Standing“. Ich spürte, jetzt habe ich mein Thema: Die Musik als solche, das Gefühl, Teil einer Band zu sein und Rock ‘n‘ Roll. In weniger als zehn Tagen habe ich dann so gut wie alle Songs, die jetzt auf dem Album sind, geschrieben. Das ging gut.

Sie haben dabei wieder die Vergänglichkeit und Schönheit des Lebens aufgegriffen …
Oh ja. Die Freuden und die Hoffnungen, die damit einhergehen, dass wir leben, dass wir da sind, die inspirieren mich. Ich denke, ich bin ein spiritueller Texter. Ich spreche die Füße an, die Herzen, und ganz besonders spreche ich zu den Seelen der Menschen.

„Letter To You“ ist das erste Album seit „Born In The U.S.A.“, das Sie mit Ihrer Band live und ohne nennenswerte Nachbearbeitung eingespielt haben.
Ja. Ich wollte noch einmal dieses einzigartige Können aus der Band herauskitzeln. Wir machten einen Termin aus, gingen hier ins Studio und legten voller Freude einfach los. Wir hatten fünf Tage für die Aufnahmen eingeplant, doch nach vier waren wir bereits fertig. Es gibt nichts Schöneres, als mit alten Freunden im Studio zu sein und zusammen einmalige musikalische Momente zu teilen.

Stimmt es, dass alle vorher einen Tequila getrunken haben?
(lacht) Wir alle haben unsere Gläser auf unsere verstorbenen Freunde Clarence Clemons und Danny Federici erhoben. Die beiden werden immer ein Teil der Band sein. Jake Clemons, der Neffe von Clarence, spielt jetzt bei uns Saxophon. Und auf den Rock ‘n‘ Roll haben wir natürlich auch angestoßen.

Entdecken Sie an sich persönlich eigentlich noch neue Facetten?
Immer. Jeder Tag bringt etwas Neues zum Vorschein. An jedem einzelnen Tag, den du lebendig bist, baust du an dir weiter. Ich weiß nicht, wer ich nächstes Jahr sein werde. Ich weiß nur, dass ich meine bisherigen Identitäten nicht zurücklasse, sie bleiben bei mir. Das ganze Leben ist ein Auto, das immer voller wird.

„Letter To You“ beinhaltet auch drei alte Lieder aus den frühen Siebzigern, die Sie noch vor Ihrem Durchbruch geschrieben haben …
… ja, in meinen Kisten schlummern noch sehr, sehr, sehr viele Lieder. Ich war neugierig, wie sich „Janey Needs A Shooter“, „Song For Orphans“ und „If I Was A Priest“ anhören würden, wenn ich sie mit der Band einspiele. Nun, es gefiel mir gut.

Glauben Sie, dass Sie auch mit 71 Jahren noch neue Zuhörer für sich gewinnen können?
Ja, und das freut mich sehr. Meine Themen sind universell und zeitlos. Familie, Liebe, das Leben, Fragen der Seele und des Geistes – wenn jemand an diesen Themen interessiert ist, dann ist meine Musik der passende Ort für ihn. Egal, wie alt oder jung jemand ist. Ich lerne sogar Teenager kennen, die sich für diese Aspekte des menschlichen Daseins interessieren.

Sie sehen jugendlich und gesund aus und wollten ursprünglich ab Frühjahr 2021 auf Welttournee gehen. Freuen Sie sich auf Konzerte mit der „E Street Band“, sobald das wieder möglich sein wird?
Verdammt, ja. Und wie. Ich fühle mich lebendiger als je zuvor im Leben. Die Band ist in Topform, wir alle sind auf dem absoluten Höhepunkt unseres Schaffens. Es ist frustrierend für uns, aktuell nicht machen zu können, worin wir am besten sind. Aber ich kann versprechen: Wenn wir wieder rauskommen, wird es auf der Bühne eine Explosion geben.