"Ich kann nicht alleine sein"
Er will einfach nicht aufhören. Cliff Richard feiert seinen 80. Geburtstag mit einem neuen Album und einer Konzerttournee, die Corona-bedingt aber warten muss. Privat ist der Musiker, der ein eigenes Weingut in Portugal besaß, ein „glücklicher Single“, jedoch braucht er immer Menschen um sich.
Als ich in meinen Zwanzigern war, hätte ich nie gedacht, dass meine Karriere bis zum Fünfziger dauern würde“, erzählt Cliff Richard. „Und hier bin ich nun mit 80.“
Sein Jubiläum feiert der einstige „britische Elvis“, der heute mit strahlendem Lächeln und sonnengebrannter Haut eher seichtere Musik trällert, mit einer neuen CD. „Music … The Air That I Breathe“ heißt das gute Stück, das ab 30. Oktober erhältlich ist und zwölf, teils neue Lieder enthält. Der Ausnahmekünstler ist seit sechs Jahrzehnten im Musikgeschäft. Bis heute hat Richard mehr als 100 Alben aufgenommen und 300 Millionen Tonträger verkauft.

Bis zum gefeierten Popbarden war es aber ein langer Weg. Der Sänger, der eigentlich Harry Roger Webb heißt, erblickte das Licht der Welt am 14. Oktober 1940 in Lucknow (Indien), wo sein Vater für die britische Eisenbahn arbeitete. Die ersten acht Lebensjahre verbrachte der Bursche daher im damals britischen Teil des Landes.

„Uns ging es ganz gut“, erzählt der Sänger. „Wir mussten jedoch alles verkaufen, um mit dem Geld die Fahrkarten nach England zu bezahlen. Als wir dort ankamen, hatten wir noch fünf Pfund, um ein neues Leben zu beginnen.“ In London wohnte die Familie zu sechst in einem kleinen Zimmer bei der Großmutter. „Wir schliefen auf dem Boden. Aber das war das Beste, was uns passieren konnte, denn diese skandalösen Zustände wurden der Regierung gemeldet und wir bekamen eine Sozialwohnung.“

Schon als junger Bursche liebte er die Musik. „Ich sang gerne die Lieder von Dean Martin († 1995) nach“, erinnert er sich. Doch im Alter von 15 Jahren fand eine Zäsur in seinem Leben statt. Mit einem Freund stand er neben einem Auto, aus dessen offenen Fenstern die Klänge von „Heartbreak Hotel“ ertönten. Es war Musik wie von einem anderen Stern. Doch das Auto fuhr weg, bevor das Lied zu Ende war. „Ein paar Tage später kam der Freund zu mir und sagte, ‚Ich weiß, wer das war – Elvis Presley († 1977).‘“

Von da an war es um ihn geschehen. Der Teenager schmierte sich Gel in die Haare und trainierte den Elvis-Hüftschwung. Sein Vater, der Banjospieler war, kaufte ihm eine Gitarre auf Raten. „Sie hat 30 Euro gekostet. Jede Woche hat er einen Euro abbezahlt.“

Mit seiner ersten Band, den „Quintones“, ging Richard ins Studio und nahm „für fünf Euro die erste Single auf“. Ein Mitarbeiter der Plattenfirma EMI wurde auf den jungen Sänger aufmerksam. Der absolvierte noch seine Lehre in einer Fabrik für Fernsehapparate und nannte sich von da an Cliff Richard. „Ich war extrem ehrgeizig, mehr als alles andere wollte ich den Erfolg“, gesteht er. Mit Liedern wie „Travellin‘ Light“
und „Living Doll“ (beide 1959) landete er seine ersten Hits. Später sang Richard auch in anderen Sprachen als Englisch. Seinen deutschen Bewunderern riet er erfolgreich „Rote Lippen soll man küssen“ (1963).

Privat entdeckte er die Religion für sich und bekannte sich im Jahr 1966 zum Christentum. „Religion ist die einzige Krücke, die nicht bricht“, sagt er. Richard predigte in Kirchen und Schulen und spendete einen Großteil seines Vermögens, das immer noch auf 180 Millionen Euro geschätzt wird, für gute Zwecke.

Königin Elisabeth II., 94, schlug ihn deshalb im Jahr 1995 zum Ritter. Richard ist der erste Rock- und Popmusiker, dem diese Ehre zuteil wurde. „Ich bin ein großer Befürworter der Monarchie, da sie gut für unser Land ist und viel Geld in die Kassen bringt.“

Dennoch verbringt er viel Zeit im Ausland. In Portugal an der Algarve hatte er sich den Traum von einem eigenen Weingut erfüllt. Er lebte zeitweise in Guia auf seiner „Quinta do Moinho“, einem bewirtschafteten Hof inklusive Windmühle. Touristen gibt es hier keine, dafür viel Ruhe. Seinen Wein taufte er „Vida Nova“, deutsch „Neues Leben“. „Von meiner Küchenterrasse aus konnte ich den Trauben beim Wachsen zuhören“, schwärmt Richard, der auch noch einen Zweitwohnsitz auf Barbados hat. Über sein Privatleben verrät der Künstler hingegen nichts. Beziehungen gab es in seinem Leben nur wenige. Verliebt war er in die britisch-australische Sängerin Olivia Newton-John, 72, und in die Sportjournalistin und einstigen Tennisspielerin Sue Baker.

Weil er aber nie verheiratet war, wurde in den Medien immer viel über Richards Sexualität spekuliert. Dies wurde noch angeheizt, weil er früher mit dem katholischen Priester John McElynn zusammenlebte. Als homosexuell wollte er sich aber nie bekennen. „Mich nervt es, wie über meine sexuelle Orientierung spekuliert wird. Ich denke, meinen Bewunderern ist das ohnehin egal.“

Keinesfalls egal dürften ihnen jedoch jene Missbrauchsvorwürfe gewesen sein, die 2014 bekannt wurden. Richard geriet als Sexualverbrecher unter Verdacht. Bereits in den achtziger Jahren soll er einen damals noch nicht 16jährigen Burschen missbraucht haben.

Im Jahr 2014 flimmerten daher Live-Bilder um die Welt, die ein BBC-Kamera-Team aus dem Hubschrauber aufnahm. Sie zeigten Kriminalbeamte, die Richards Haus in Sunningdale, westlich von London, durchsuchten. „Als ob ich Einbrechern dabei zuschaute, wie sie meine persönlichen Habseligkeiten durchwühlten“, erinnert sich der schwer mitgenommene Künstler. 2016 wurden die Ermittlungen wegen Mangels an Beweisen aber eingestellt, der Sender musste sich für die Übertragung entschuldigen.
Heute ist Cliff Richard darüber hinweg und guter Dinge. Laut eigenen Angaben geht er alleine durchs Leben. „Ich bin glücklicher Single und genieße das. Ich könnte nicht das gleiche Leben in einer Ehe führen.“

Dass er keine Kinder hat, macht ihn manchmal aber traurig. „Dafür sind die Kinder meiner drei Schwestern ein bisschen wie meine eigenen. Ich liebe es, den guten Onkel zu geben.“ Aber auch das hat Grenzen. „Das Angenehme an den Kindern von Verwandten ist, dass sie am Schluss wieder nach Hause gehen“, sagt er lachend.

Einsam sei er nicht, bekennt der Jubilar. „Ich habe immer Gesellschaft, ob auf Reisen oder zuhause. Deswegen wohnt auch immer jemand bei mir und wenn es nur mein Manager ist. Denn ich kann nicht alleine sein.“

Fit hält er sich mit Sport. Drei Mal in der Woche spielt er Tennis und geht ins Fitnesscenter. „Außerdem trinke ich jeden Tag zwei Gläser Rotwein und nehme einen Cocktail aus Sojabohnen, Fleisch und Eiern zu mir. Das verhindert Fettansatz.“ Zudem glaubt er an die Blutgrupen-Diät. „Ich esse nur, was richtig für meinen Bluttyp ist. Ich bin Blutgruppe A, also verzichte ich auf Weizen- und Milchprodukte. Das alles hält micht fit für die Bühne.“
Auf seine „Great 80 Tour“ durch Großbritannien müssen seine Bewunderer wegen Corona aber bis 2021 warten. Ein kleines Trostpflaster gibt es jedoch. Denn seiner Tradition, jedes Jahr einen Kalender mit Pin-Up-Fotos von sich zu veröffentlichen, bleibt er treu. „Auch für 2021 gibt es schon einen Kalender von mir“, verrät der 80jährige, der sein hohes Alter fröhlich verachtet. „Ich habe gehört, dass 60 das neue 40 ist. Also mache ich 80 einfach zum neuen 50“, sagt er und lacht.
rb