Abheben zum Flug ins Nirgendwo
Eine Flugreise ist meist das Mittel zum Zweck, um ans Ziel zu gelangen. Seit Neuestem ist sie aber selbst das Erlebnis. Aufgrund der Corona-Pandemie mussten Flugzeuge monatelang am Boden bleiben. Um die Umsatzeinbußen aufzubessern, werden Fluglinien erfinderisch. Sie bieten Flüge ins Nirgendwo oder Rundflüge an. In Taiwan steigen Passagiere in ein Flugzeug, ohne abzuheben und in Kanada wird das Essen aus dem Flieger nach Hause geliefert.
Not macht bekanntlich erfinderisch. Da aufgrund der Corona-Pandemie Fluglinien ihren Betrieb für einige Wochen einstellen mussten und auch jetzt nicht voll ausgelastet sind, haben sich einige davon etwas einfallen lassen. Sie bieten Flüge ins Nirgendwo, Rundflüge oder Erlebnisse am Flughafen an.

Nach 10 Minuten ausgebucht: Im Tiefflug über Australien
Größte Aufmerksamkeit erregte die australische Fluglinie „Qantas“. In Australien gibt es bis Ende des Jahres keine internationalen Flüge mehr. Die Bewohner können ihren Kontinent nicht verlassen. Deshalb bietet „Qantas“ am 10. Oktober einen siebenstündigen Rundflug über Australien an. Die 134 Karten dafür waren in zehn Minuten ausverkauft.

Der große Zuspruch hat selbst die Fluglinie überrascht. „Das ist wahrscheinlich der am schnellsten ausverkaufte Flug in der Geschichte von Qantas. Die Menschen vermissen offenbar das Reisen und Fliegen. Wir überlegen, weitere Rundflüge anzubieten, bis die Inlandsgrenzen wieder geöffnet werden“, sagt Richard Goyder, Vorsitzender der Fluglinie „Qantas“.

Das Flugzeug startet am Flughafen in Sydney und steuert bekannte Attraktionen wie das Great Barrier Reef oder den heiligen Felsen Uluru an. Der Spaß kostet 480 Euro in der billigsten Klasse und 2.300 Euro in der teuersten Kategorie. Im Preis inkludiert ist ein Qantas-Schlafanzug mit Känguru-Motiv zum Mitnehmen.Den Pyjama gibt es normalerweise nur kostenlos für Reisende der „Business Class“. Jetzt können auch Daheimgebliebene ein Reisepaket für 15 Euro kaufen, das neben dem Schlafanzug auch Schokolade, Tee und eine Schlafmaske beinhaltet.

„Wir haben einen Vorrat von 10.000 Schlafanzügen bestellt und bekommen diese aufgrund der fehlenden Langstreckenflüge nicht los“, erklärt Phil Capps von „Qantas“. Innerhalb einer Woche wurden bereits die Hälfte der Reisepakete verkauft.

Das war aber nicht der letzte Streich von Qantas. „Wir werden in Zukunft auch Flüge über die Antarktis anbieten. Der Flug wird zwölf Stunden dauern und wir werden vier Stunden lang über dem Südpol kreisen. Wir haben bereits sieben Rundflüge zwischen November und Februar geplant“, sagt Goyder.

Rundflüge und Essen vom Haubenkoch
Reißenden Absatz fand auch ein Angebot zweier Fluglinien, die einen Flug ins Nirgendwo anboten. Die taiwanesische Fluglinie „Starlux“ flog drei Stunden lang über die Küste des Inselstaates Taiwan und drehte einige Runden über den Philippinen. Die Preise für eine der 188 Karten beliefen sich zwischen 123 Euro und 600 Euro und waren binnen Minuten ausverkauft. An Bord wurde ein Menü eines mit Michelin-Sternen ausgezeichneten Kochs kredenzt. Im Cockpit saß Kuo-wei Chang, der Gründer der Fluglinie selbst. Er ist auch ein erfahrener Pilot. „Aufgrund des Erfolges bieten wir die Rundflüge auch weiterhin an. Wir möchten in Zukunft auch eine Übernachtung im Hotel anbieten“, sagt der Vorsitzende.

Die Japaner taten es den Taiwanesen gleich und boten ihrerseits einen Rundflug an. Die Passagiere nahmen im Airbus A380 der japanischen Fluglinie „ANA“ Platz. Dabei handelt es sich um das größte Passagierflugzeug der Welt, das normalerweise von der japanischen Hauptstadt Tokio nach Honolulu auf Hawaii fliegt.

Doch so weit kamen die Reisenden nicht. Sie kreisten 90 Minuten lang über Tokio. Damit ein wenig Urlaubsstimmung aufkam, trugen die Mitarbeiter Hawaii-Hemden und servierten Cocktails.

Die Spaßflüge sorgten auch für Kritik, weil die Umwelt dabei belastet wird. Eine umweltschonende Alternative bietet der Flughafen Songshan in Taiwan an, der dieses Jahr sein 70. Jubiläum feiern wollte. Daraus wurde nichts, weshalb der Flughafen sein Bestehen mit einer Scheinreise feiert.

Ins Flugzeug einsteigen, aber nicht abheben
Beim Betreten des Flughafens läuft alles wie gewohnt. „Die Passagiere erhalten ihre ,Bordkarte‘, gehen durch die Sicherheitskontrolle und steigen schlussendlich ins Flugzeug ein“, sagt der stellvertretende Direktor des Flughafens.

Sie nehmen ihren Platz ein und werden in die Sicherheitsvorkehrungen eingewiesen. Auf den Abflug warten die Passagiere aber vergeblich. Nachdem ein Getränk serviert wurde, geht es wieder zurück ins Flughafengebäude, wo die Teilnehmer der Flughafen-Tour in einem Restaurant am Flughafen gemeinsam speisen. „Die Flüge nach Taiwan waren lange Zeit eingestellt. Mit diesem Erlebnis können die Menschen wenigstens so tun, als ob sie verreisen. Außerdem ist das auch eine gute Möglichkeit für Menschen mit Flug-
angst, in eine Maschine zu steigen“, sagt der Vize-Direktor.

Essen aus dem Flieger wird nach Hause geliefert
Apropos Essen. Die kanadische Flugline „Air North“ liefert das Essen, das sie normalerweise im Flugzeug serviert, jetzt nach Hause. Vorausgesetzt, der Besteller wohnt in Yukon, einem Territorium im äußersten Nordwesten Kanadas. Zur Auswahl stehen sieben tiefgefrorene Speisen zu je 5,50 Euro, die in der Mikrowelle aufgewärmt werden.
widlak