Der sanfte Rebell
Der ehemalige „Beatle“ John Lennon war gerade 40 Jahre alt, als ihn ein wahnsinniger Anhänger im Jahr 1980 in New York erschoss. Die Welt trauerte um einen genialen Musiker, hinter dessen rebellischer Auflehnung sich ein sensibler Künstler und verletzlicher Mensch verbarg. Am 9. Oktober wäre der Sänger 80 Jahre alt geworden.
Hinein ins Leben und im Stich gelassen. Die Eltern ließen sich scheiden. Der Vater verschwand, die Mutter schob ihren Sohn John zu ihrer Schwester Mimi ab, weil sie von einem anderen Mann schwanger war und mit ihm ein neues Leben samt neuer Familie beginnen wollte.

Als das geschah, war der am 9. Oktober 1940 im englischen Liverpool geborene John Winston Lennon gerade einmal fünf Jahre alt. Mutter und Sohn sahen sich anfangs nur sporadisch, entwickelten im Lauf der Jahre jedoch eine innige Zuneigung zueinander. Im Jahr 1958 starb Mutter Julia bei einem Verkehrsunfall. „Julia“, eines der zartesten und herzergreifendsten Lieder, die er jemals schrieb, hat John Lennon später seiner Mutter gewidmet. Es erzählt von großer Liebe und großer, nie ganz bewältigter Trauer.

Raus aus dem Grau Liverpools
Für den sensiblen, künstlerisch und musikalisch begabten Burschen hatte das rückständige und provinzielle Liverpool der 1950er Jahre kaum etwas zu bieten, also ergriff er selbst die Initiative. Mit Schulkameraden gründete er 1955 seine erste Band, die „Quarrymen“. Bei einem Auftritt auf einem Sommerfest im Juli 1957 lernte er einen gewissen Paul McCartney kennen. Der war zwei Jahre jünger und spielte für sein Alter bereits recht passabel Gitarre. Lennon und McCartney waren begeistert von Elvis Presley und der neuen Musik, die aus Amerika nach England herüberschwappte. Die künstlerische Freundschaft der beiden Teenager und deren Leidenschaft für den Rock ‘n‘ Roll waren später die Keimzelle der „Beatles“. Zusammen mit Ringo Starr und George Harrison sollten sie nicht einmal zehn Jahre später den Olymp der Popmusik erobern.

Dass die Musik der „Beatles“ einerseits nie zu altern scheint, andererseits immer auch ein Spiegel der Zeit war, in der sie entstand, ist dem Einfluss John Lennons zu verdanken. Sein künstlerischer Genius funktionierte wie ein Durchlauferhitzer für die großen Dramen der sechziger Jahre: Vietnamkrieg, Studentenbewegung, Rassenunruhen, Generationskonflikt, Attentate. John Lennon und Paul McCartney schrieben keine Politlieder, doch Lennons geistvolle, witzige, zynische und originelle Art sowie beider Einbindung als kreative Vorkämpfer in Kunst, Literatur und Film führten dazu, dass der Zeitgeist Einzug in die Popmusik hielt. John Lennon gilt heute als einer der besten und erfolgreichsten Liedschreiber des 20. Jahrhunderts. Mit seinen oft persönlich gefärbten Texten und Liedern trug er entscheidend dazu bei, dass sich Popmusik und Tiefgang nicht ausschlossen. Der Komponist Leonard Bernstein ließ sich gar zu folgender Huldigung hinreißen: „Lennons Musik wird bestimmt so lange bestehen wie die Werke von Brahms, Beethoven und Bach.“

Im Jahr 1962 waren die „Beatles“ bereits auf dem Weg zu einer erfolgreichen Band, als John Lennon im August seine schwangere Freundin Cynthia Powell heiratete – heimlich, um die weiblichen Anhänger nicht zu enttäuschen. Ein Jahr später wurde Sohn Julian geboren, er ist heute Musiker und Fotograf. Nach fünf Jahren Ehe begegnete Lennon in der Londoner Galerie Indica zum ersten Mal der in Tokio geborenen Konzeptkünstlerin Yoko Ono, 87, ohne zu ahnen, dass diese Frau sein Leben verändern würde. Die sieben Jahre ältere Ono gehörte zu einer vornehmen japanischen Familie, die in New York (USA) lebte und war bereits eine bekannte Künstlerin, die keine Tabus scheute und deshalb von ihrer konservativen Familie enterbt sowie verleugnet wurde.

Lennon war von der intellektuellen Kraft und dem eigenwilligen Humor Yoko Onos begeistert, doch es war Ono, die hartnäckig und mit ungewöhnlichen Methoden um den jungen Familienvater warb. Sie stellte Lennon mit Anrufen und Briefen nach, quetschte sich zwischen ihn und seine Frau auf den Rücksitz seines Rolls Royce und mischte sich in die Traube weiblicher Anhänger vor seinem Haus in London (England). Im Jahr 1968 wurden die beiden schließlich ein Liebespaar. Begeistert berichtete der Musiker nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht einem Freund: „Das ist es. Darauf habe ich mein Leben lang gewartet.“ Ab diesem Zeitpunkt war sein Leben eine gemeinsame „Ballade von John und Yoko“, im Jahr 1969 veröffentlichte er einen „Beatles“-Song mit diesem Titel.

Nur Yoko Ono durfte ins Studio der "Beatles"
Das Lied handelt von den Problemen mit der Presse und öffentlichen Einrichtungen, mit denen sich John Lennon konfrontiert sah, als er Yoko Ono heiraten wollte. Auch seine Erfahrungen mit den als öffentliches Ereignis („Bed-In“) 1969 in Amsterdam (Niederlande), Wien und Toronto (Kanada) inszenierten Flitterwochen („Give Peace A Chance“) flossen in das Lied mit ein. Für Lennon war die Begegnung mit Yoko Ono der Zündfunke, der seine künstlerische Energie zur Explosion brachte und der ihn aus den eingefahrenen Gleisen der Ehe mit Cynthia und der ihn nicht immer befriedigenden Arbeit mit den „Beatles“ herausholte. Sie feuerte ihn an, sprach ihm Mut zu. Gemeinsam repräsentierten sie die Anfang der 1970er Jahre hippe Dreieinigkeit von „Liebe, Friede und Kunst“. Sie war für ihn Muse, Liebesgöttin und Übermutter zugleich, das Lied „Happiness is a warm Gun“ feiert sie als eine Art „Mutter Oberin“. Lennon setzte es sogar durch, dass Ono bei Studioaufnahmen der „Beatles“ an seiner Seite sitzen durfte – und verletzte damit ein Gesetz der vier, die niemanden, außer sich selbst und die engsten Mitarbeiter im Studio duldeten. Yoko Ono wird bis heute für die Auflösung der „Beatles“ verantwortlich gemacht. Es ist sicher richtig, dass der schon länger mit der Band unzufriedene Lennon in Ono jemanden fand, der ihn im Jahr 1970 zu einer Entscheidung ermutigte.

Mit Yoko Ono veröffentlichte Lennon zunächst die experimentelle Platte „Two Virgins“, auf deren Titelseite das Paar nackt posierte. Deshalb war das Album nur in braunes Packpapier eingewickelt zu erwerben. Dann zogen die beiden nach New York, wo sie sich, von der zentralen Sicherheitsbehörde FBI bespitzelt, weiter politisch engagierten und mit Drogen experimentierten. Lennon wurde mehrfach die Ausweisung angedroht, nach jahrelangem Verhandeln erhielt er jedoch im Jahr 1976 eine „GreenCard“, die ihm einen zeitlich unbeschränkten Aufenthalt in Amerika ermöglichte. „Wir waren die Hofnarren der Jugendbewegung. Wir betrachteten es als unsere Pflicht, so lange Friedensaktivitäten zu entwickeln, bis etwas passieren würde. Wir standen in der Tradition von Gandhi, nur eben mit einem Sinn für Humor“, meinte Lennon über seine Anfangszeit in New York.

Doch auch die große Liebe zwischen John Lennon und Yoko Ono hatte Affären und Krisen zu überstehen. Während einer längeren Trennung von Ono entstanden Lennons Platten „Rock ‘n‘ Roll“ (1975) mit übernommenen Rockklassikern sowie die legendären „Walls And Bridges“ (1974). Nach der Versöhnung kam im Oktober 1975 Sohn Sean zur Welt. Lennon zog sich für fünf Jahre aus dem Musikgeschäft zurück und entdeckte seine Fähigkeiten als Hausmann – inklusive Brotbacken. „Alle diese Jahre, in denen ich mich bemühte, hart zu sein, der Rocker, der Frauenheld, der Säufer – diese Jahre brachten mich fast um. Es ist eine Erleichterung, das nicht mehr machen zu müssen. Also, ich mag es, wenn bekannt wird, dass ich ein Baby pflege. Ich bin stolz darauf.“

Doch auch seinem Sohn blieben nur fünf Jahre mit dem Vater. Kurz nach der Veröffentlichung des erfolgreichen Comeback-Albums „Double Fantasy“ wurde John Lennon am Abend des 8. Dezember 1980 vor seinem Haus in New York ermordet. Er starb durch fünf Kugeln des geistig verwirrten Anhängers Mark David Chapman. Er verbüßt in einem Hochsicherheitsgefängnis in New York eine lebenslange Haftstrafe, doch er ersuchte in den vergangenen 40 Jahren immer wieder um vorzeitige Entlassung. Erst vor Kurzem stellte er wieder einen entsprechenden Antrag – und blitzte ab. Bereits zum elften Mal. „Eine Entlassung Chapmans wäre unvereinbar mit dem Wohlergehen und der Sicherheit der Gesellschaft und würde das ernste Verbrechen so abwerten, dass es den Respekt für das Gesetz untergraben würde“, heißt es in einer Begründung.

Yoko Ono hat den Tod ihres Mannes auf eigene Art verarbeitet. Sie veröffentlichte 1981 die Langspielplatte „Seasons of Glass“. Auf dem Titel war neben einem halbvollen Glas Wasser John Lennons blutbespritzte Brille zu sehen.

„John war ein brillanter Mensch, humorvoll und verständig“, schrieb Yoko Ono Lennon im Vorwort eines neuen Buches, das dem Jubiläumsalbum „Gimme Some Truth. The Ultimate Mixes“ beiliegt, das am 9. Oktober auf den Markt kommt. „Er glaubte an Ehrlichkeit und daran, dass es in der Macht der Menschen liegt, die Welt zu verändern. Und so wird es auch kommen. Wir alle haben die Verantwortung, eine bessere Welt für uns und unsere Kinder zu entwerfen. Die Wahrheit ist letztlich das, was wir selbst erschaffen. Es liegt also in unseren Händen.“
S. Göttel, O. Neumann