"Geschenktes Geld" gegen Corona-Krise
Was macht ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle, egal ob Arm oder Reich, mit unserer Gesellschaft. Das wollen Forscher und Aktivisten ab dem Frühjahr testen. In der Corona-Krise hat das „Basis-Gehalt“ wieder Aufwind.
Der Tiroler „Glitzerkonzern“ Swarovski will tausend Mitarbeiter kündigen. Die Voest plant bis zu 550 Kündigungen in der Steiermark. Der Vorarlberger Wäschehersteller Wolford streicht mehr als 50 Stellen. Und in Niederösterreich kämpfen die Rübenbauern um den Weiterbestand der Zuckerfabrik Leopoldsdorf mit 150 Arbeitsplätzen.

Zu den mehr als 400.000 Arbeitslosen werden bis zum Ende der Corona-Krise wohl noch etliche dazukommen. Experten fürchten eine zweite Kündigungswelle im Herbst, auch wenn die Kurzarbeit bis 31. März verlängert wurde. Rund 450.000 Menschen „werken“ in der größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten weniger.

Sie hat auch der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens neues Leben eingehaucht. In Deutschland soll eine Studie zeigen, ob und wie das Grundeinkommen funktioniert. Mindestens 120 Teilnehmer bekommen drei Jahre lang 1.200 Euro im Monat „geschenkt“.
"Niemand wird faul", erklären die Befürworter
„Wir wollen wissen, was das Grundeinkommen mit Verhalten und Einstellungen macht und ob es helfen kann, mit den gegenwärtigen Herausforderungen unserer Gesellschaft umzugehen“, sagte Michael Bohmeyer bei der Vorstellung des Projektes. Der 35jährige hat vor sechs Jahren den Verein „Mein Grundeinkommen“ gegründet. Seither haben er und seine Mitstreiter mehr als 650 Mal ein „Basis-Gehalt“ von tausend Euro pro Monat für ein Jahr verlost. Finanziert wird das durch Spenden. Von mehr Selbstvertrauen, weniger Stress und einem Ende der Existenzangst berichteten die Gewinner unter anderem. „Niemand wird faul“, heißt es beim Verein. Jetzt soll die Studie in Zusammenarbeit mit Forschern tiefergehende Erkenntnisse bringen. Dafür müssen möglichst repräsentativ viele Bevölkerungsgruppen beim Experiment vertreten sein. Zudem gibt es eine Vergleichsgruppe, die kein Geld bekommt. An Bewerbern mangelt es nicht. Mehr als 1,8 Millionen Deutsche haben sich dafür angemeldet. Die jetzt geplanten, spendenfinanzierten 1.200 Euro im Monat liegen knapp über der Armutsschwelle.

„41 Prozent der Deutschen haben kein Vermögen“, erklärt Michael Bohmeyer. „Wer von ihnen freiberuflich arbeitet, steht durch die Corona-Krise binnen weniger Wochen vor Hartz IV (Anmerkung: die ,Grundsicherung für Arbeitssuchende‘). Wer in Kurzarbeit geschickt wird oder zur Kinderbetreuung unbezahlten Urlaub nehmen muss, wird sich verschulden.“

Beides führt neben der persönlichen Demütigung auch unweigerlich zu sinkender Kaufkraft und zerstörter Produktivität. „Hätten wir alle in diesem Moment ein bedingungsloses Grundeinkommen, könnten wir vermutlich die zwangsweise freie Zeit nicht nur als Bedrohung sehen, sondern auch als unglaubliche Chance: etwas Neues zu lernen, Kraft zu tanken, uns neu zu orientieren. Oder anderen Menschen zu helfen, besser durch die Krise zu kommen.“

Bei uns sind es zwar nur 23 Prozent, die nichts oder kaum etwas auf der hohen Kante haben, doch auch hierzulande geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf. Das Grundeinkommen würde diese Kluft verringern, ist der Berliner überzeugt. Das Geld dafür sei vorhanden. „Es würde mit einem Grundeinkommen nur anders verteilt. Dafür gibt es viele Rechenbeispiele. Die meisten sehen eine Finanzierung des Grundeinkommens durch Steuern vor, etwa Robotersteuern, eine höhere Besteuerung von Spitzen-Einkommen, Erbschaften und Kapitalerträgen.“

Der deutsche SPD-Finanzminister erteilte dem Modell jedoch schon eine Absage. „Wenn man fair und richtig rechnet, ist das unbezahlbar.“

Auch ob das „Gehalt für alle“ zum Nichtstun verführt, wird wohl auch erforscht werden. Das sei die Chance zu überprüfen, ob der Mensch nur handle, „wenn er dafür Anreize und Belohnungen erhält“, meint ein beteiligter Wirtschaftsforscher.

Bleibt die Frage, wer bei einem „Basis-Lohn“ für alle die schmutzige und schwere Arbeit machen würde? Mit einem Grundeinkommen seien Arbeitnehmer in einer besseren Verhandlungsposition, ist Michael Bohmeyer sicher. Unattraktive Arbeit müsste etwa automatisiert oder attraktiver werden. „Zum Beispiel durch höhere Bezahlung, flexiblere Arbeitszeiten oder mehr Urlaub.“
Jeder 50. würde sicher nicht mehr arbeiten
Vor vier Jahren stimmten die Schweizer über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens von 2.250 Euro pro Monat ab. Drei Viertel der Eidgenossen waren dagegen. Eine Umfrage anlässlich der Volksabstimmung zeigte die möglichen Auswirkungen des Grundeinkommens:
  • 2 Prozent würden bestimmt aufhören zu arbeiten, weitere 8 Prozent könnten sich das vorstellen.
  • 53 Prozent nähmen sich mehr Zeit für die Familie.
  • 54 Prozent würden sich weiterbilden.
  • 22 Prozent würden sich selbstständig machen.