Rückkehr der Dreifachmutter
Zuletzt trainierte die vierfache Grand-Slam-Siegerin Kim Clijsters, 37, sieben Jahre lang vorrangig das Windelwechseln und Vorlesen von Märchen. Bei den vom Corona-Virus und vielen Absagen gebeutelten Tennis-US-Open will die dreifache Mutter ab kommender Woche nun alle Gesetze des Sports auf den Kopf stellen.
Es ist nicht möglich, dass sie Erfolg hat“, bringt es Top-Spielerin Petra Kvitova auf den Punkt, „einfach unvorstellbar“ fügt Caroline Wozniacki hinzu und „ihr Körper kann das kaum schaffen“, kommentiert als Draufgabe die ehemalige Paris-Siegerin Ana Ivanovic.

Sieben Jahre Pause vom Spitzensport und danach eine Rückkehr an die Tennis-Weltspitze – das hat vor Kim Clijsters, 37, in einem vergleichbaren Alter noch niemand geschafft. Doch die Spannung wächst, ob die Belgierin bei den US Open in New York (31.8.–13.9.) nicht doch überraschen wird. Verlor sie doch ihre ersten beiden Spiele bei der Rückkehr gegen Garbine Muguruza und Johanna Konta nach guter Leistung nur knapp, bevor sie bei Einladungsturnieren die US-Open-Siegerin 2017, Sloane Stephens, danach die Australian-Open-Siegerin 2020, Sofia Kenin, und mit Danielle Collins auch die Melbourne-Halbfinalistin 2019 besiegte. „Ich liebe den Sport immer noch und fühle, dass ich das Zeug für große Erfolge in mir habe. Sogar einen Spagat auf dem Tennisplatz, früher mein Markenzeichen, kann ich noch“, schmunzelt die Belgierin. Kritik an ihrem rundlichen, nicht austrainiert wirkenden Körper lässt sie nicht gelten. „Ich war jahrelang leidenschaftliche Mutter. Jetzt spiele ich wieder Tennis und arbeite daran, mein Gewicht zu reduzieren.“

Deshalb will sie selbst ihre Erwartungen auch nicht allzu hoch schrauben, auch wenn die ganze Familie wegen des Tennis-Neustarts ihren Wohnsitz von Belgien in die USA verlegte. „Ich muss keine Grand-Slam-Turniere mehr gewinnen, aber ein paar schöne Teilerfolge wären das Ziel.“

Clijsters, die gleich in der ersten Runde bei den US Open gegen die starke US-Spielerin Jennifer Brady antreten muss, sieht ihre Rückkehr zum Schauplatz eines Grand-Slam-Turniers stark vom Corona-Virus überschattet. Während das Männerturnier, in dem Dominic Thiem als Nummer zwei gesetzt ist, noch relativ hochkarätig besetzt ist, fehlen bei den Damen sechs Spielerinnen der besten Zehn, allen voran die Weltranglisten-Erste Ashleigh Barty. Aus Sicherheitsgründen wurden alle Junioren- und Mixed-
bewerbe gestrichen, es wird auch keine Zuschauer geben und die Spieler dürfen nur ihr Hotel und die Tennisanlage betreten. „Das alles nehme ich gern in Kauf“, verrät Clijsters, die erzählt, dass ihr Mann, der Ex-Basketballer Brian Lynch und beider Kinder Jada, 11, Blake Richard, 3, und Jack Leon, 7, sie zur Rückkehr überredeten. „Meine Tochter Jada sagte zu mir, ‚Du musst einfach wieder spielen, Mama.‘ Ich werde dabei jedoch Rücksicht auf meine Gesundheit nehmen“, erklärt die 41-fache Turnier- und vierfache Grand-Slam-Siegerin. Denn erst im Frühjahr musste die verletzungsanfällige Belgierin wegen Knieproblemen eine Trainingspause einlegen.

Eine erfolgreiche Rückkehr nach so langer Pause mit 37 Jahren gab es im Tennis noch nie. Björn Borg etwa handelte sich Anfang der Neunziger nach fünfjähriger Pause zwölf Niederlagen hintereinander ein, bevor er das Handtuch warf. Allerdings gelang es einigen Spielerinnen nach langer Abwesenheit, wieder im Doppel Fuß zu fassen. So gewann Martina Hingis nach sechs Jahren Pause die US Open, Martina Navratilova nach ebenso langer Abstinenz sogar mehrere Doppeltitel.

Für Clijsters ist es bereits die zweite Rückkehr, ihre erste 2009 nach zwei Jahren Pause und der Geburt ihres ersten Kindes verlief erfolgreich, sie gewann drei Grand-Slam-Turniere. Heute trifft sie auf den Tennisplätzen mehr Tennismütter denn je, zuletzt auch Serena Williams, 38, und Viktoria Asarenka, 31. Auch die Weißrussin spielt mittlerweile wieder, kehrte aber nur mit Mühe unter die besten 40 der Welt zurück. „Mancherorts sind wir bereits sieben oder acht Mütter in der Umkleidekabine“, erzählt Clijsters. „Die Zahl wird immer größer und sollte auch von der Dachorganisation WTA beachtet werden. Wir brauchen dafür bessere Regeln.“