"Mein Name ist Attersee. Ich wäre fast ertrunken."
Er wandert zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Christian Ludwig Attersee, der „Feuergeist“ der heimischen Kunst, vermischt Natur, Landschaft und Erotik auf schrille Weise. Bei Attersee scheint alles zu fließen. Sein Werk ist geprägt vom Wetter und – vom Wasser. Das hat ihn schon als Bub geprägt. Und es hätte ihn beinahe das Leben gekostet.
Splitternackt und aufreizend posiert die Frau im Schnee. Ihre Beine sind gespreizt und angewinkelt, an ihren Fußsohlen klebt ein Paar Schi.

Mit diesem Plakat, das Christian Ludwig Attersee vor zwei Jahren für das Schi-Weltcuprennen der Damen am Semmering (NÖ) gemalt hatte, löste der Künstler einen Wirbel aus. Er wurde von allen Seiten wüst beschimpft. Attersee sei ein „alter Macho“ und mit seinem sexistischen Frauenbild völlig aus der Zeit gefallen. Die Kritik prallte an dem Maler ab. „Ich musste mich erst einmal informieren, was ein Sexist sein soll, weil ich das Wort gar nicht kannte“, entgegnete er gelassen. Zumal er seit
Jahrzehnten Sportplakate für Bewerbe im Fechten oder Segeln male. Und das stets mit nackten Frauen und Männern. „Im Kunsthistorischen Museum sind auf jedem zweiten Bild nackte Brüste zu sehen“, meinte er und konnte nichts „Skandalöses“ an seinem Plakat entdecken.

Ein „Feuergeist“ war Attersee schon immer. Geboren am 28. August 1940 in der slowakischen Hauptstadt Bratislava (Pressburg), war er der erstgeborene der beiden Söhne der erfolgreichen Architekten Christian Ludwig und seiner Frau Susanne.

„Christi“, wie er gerufen wurde, war kein gesundes Kind. Trotzdem lächelte er als Einjähriger tapfer in die Fotokamera. Mit dick eingebundenem Köpfchen, damit seine Ohren mit den von Zwiebelhälften ausgebeulten Wattepaketen verdeckt wurden. Mehrmals musste der Bub ins Spital. Seine Gehörgänge waren schwer entzündet und nicht behandelbar, da es in Kriegszeiten an Medikamenten fehlte. Zu allem Übel waren „Christis“ Atemwege hartnäckig erkrankt. „Ich habe erst mit drei Jahren zu sprechen begonnen, mein linkes Ohr ist taub geblieben und mein Rücken durch das Liegen gekrümmt“, erzählt er.

Die einzige Therapie, die es damals gab, um die kindliche Wirbelsäule zurechtzubiegen, war ziemlich grausam. Auf dem Weg zur Schule wurde dem kränkelnden Buben ein Stock hinter dem Rücken in die Armbeugen geklemmt. Den gnadenlosen Hänseleien der Mitschüler entgegnete der Bub entwaffnend, dass er den Brustkorb eben am Rücken habe. Mit dem „Buckel“ sei er jedenfalls besser zurechtgekommen als mit seinem tauben Ohr.

Für die Familie, Bruder Horst kam zwei Jahre nach Christian zur Welt, wurde es als „Deutsche“ in Bratislava immer schwieriger. Nach und nach schaffte Vater Christian das ganze Hab und Gut sowohl auf dem Landweg als auch per Motor- und Segelboot nach Aschach in Oberösterreich. Über Wien reiste Mutter Susanne mit den beiden Söhnen im Jahr 1944 hinterher. Ein Bombenangriff auf die Stadt, bei dem den dreien der Zutritt in einen Luftschutzkeller nahe dem Schwarzenbergplatz verwehrt wurde, gehört zu Attersees eindrücklichsten Kindheitserinnerungen.

Ebenso wie ein Erlebnis, das im Leben und Denken des Buben einen tiefen Eindruck hinterlasssen hat. „Als mein Vater nach dem blonden Knabenschopf einen Meter tief in die Donaufluten griff, zog er nicht nur seinen ins Stromwasser gefallenen sechsjährigen Sohn Christian Ludwig aus dem Flusssog, es war gleichsam auch die Geburtsstunde der Liebe und des Vertrauens des Buben zu Wasser und zur Farbe Blau“, hält der Künstler in seinen Erinnerungen „Attersee – Die Biografie“ fest. Der Vater hatte seinem Sohn das Leben gerettet und ihm gleichzeitig die Furcht vor dem Wasser genommen.

Ähnlich sollte es beim Eintritt in die Schule sein. Christian war der einzige evangelische Schüler in der ländlichen, katholischen Lehranstalt. Das bekam er gleich zu Beginn zu spüren, da er nicht am Religionsunterricht teilnehmen durfte. Immerhin wurde das zeichnerische Talent des ruhigen, durch die Hörprobleme schüchternen Kindes erkannt. Er durfte für den Lehrer alles an der Tafel malen, was an Illustrationen gebraucht wurde.

Nach der Volksschule musste er, aus dem Buben sollte schließlich etwas werden, aufs Gymnasium nach Linz. An der Kunstuniversität bekam er privaten Zeichenunterricht bei Alfons Ortner. Da die Lehrer wenig Rücksicht darauf nahmen, dass er einseitig taub war, zeigte er wenig Interesse am Unterricht. Lieber verfasste er kleine Theaterstücke.

So bitter das Schuljahr auch war, im Sommer, am Attersee, war der Bursche in seinem Element. Obwohl die Brüder nicht viel gemeinsam hatten, seine Freude am Segeln teilte Christian mit Bruder Horst. „Richtig wasserfeste Kleidung gab es damals nicht. Horst und ich saßen immer im Nassen. Wenn wir dann vollkommen durchfroren heimgekommen sind, gab es von der Mutter zuallererst heißen Tee mit Rum“, erzählt der ehemalige Segelsporter, der mit zwölf Jahren Jugendstaatsmeister, später drei Mal Staatsmeister und Dritter bei der Europameisterschaft wurde. Und drei Mal hintereinander die Regatta im italienischen Triest zu gewinnen, sei überhaupt seine „größte Segeltat“ gewesen. „Nach der Regatta wurden immer der Name des Siegers und das Revier genannt. Also: Christian Ludwig, Revier Attersee“, erklärt er. Überdies habe seine Mutter auf seine Rettungswesten immer „Attersee“ geschrieben. Alles gute Gründe für ihn, sich seit 1996 „Christian Ludwig Attersee“ zu nennen. „Attersee“ war schon „eingehört“.

Wenn er nicht über See oder Meer „schwebte“, studierte der Hochbegabte Bühnenarchitektur (ab 1957) und Malerei (ab 1959) an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Sechs Jahre später hatte Attersee mit dem Zyklus „Segelsport“ seine erste Ausstellung in Berlin (D). Einfallsreich und ironisch wies er in seinen Frühwerken auf den blinden Konsumwahn hin. Mit schrillen „Speisewürfeln“, „Speisekugeln“ und giftgrünen Flüssigkeiten, die aus einem Suppenschöpfer in den Teller fließen, verarbeitete er die Werbe-Mechanismen der Ernährungsindustrie. In den 1970er Jahren wurden Attersees Werke dynamischer, ab den 1990ern expressiver.

Ab dem Jahr 2000 haben seine Bildkompositionen die Hauptthemen Schönheit und Erotik. Auf sinnliche Weise lässt Attersee Menschen, Tiere und Gegenstände miteinander verschmelzen. Wie bei dem blauen Fisch im Bild „Brautschatten“ (1992/93), an dessen Schwanzflosse an einem spitzen Metallhaken ein Kuvert hängt.

„Ich bin von der Untersuchung der naheliegenden Dinge ausgegangen, und zwar Essen, Trinken, Sexualität, Schönheit, Kleidung, Wetter und Wasser. Farben rühren, in der Suppe rühren. Das Weiche und das Harte. Zweck und Zierde, das alles gehört zusammen“, erklärt der Künstler seine bühnenhaft inszenierten Bilderrätsel.

Der 80jährige, der mit mehr als 500 Einzelausstellungen zu den bedeutendsten Vertretern der gegenständlichen Malerei Europas gehört, lebt und arbeitet in Wien und in der einstigen Pension „Villa Alber“ am Semmering (NÖ). Das im Jugendstil erbaute Haus hat Attersee zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin im Jahr 1990 erworben. Die Kunsthistorikerin war seine erste „feste“ Beziehung. „Ich war nie ein Frauenjäger, sondern wurde ausgewählt. Die Damen haben mich umarmt, geliebt, aber auch benutzt“, sagt er.

Sein Glück fand er mit Ingried Brugger, die das Bank Austria Kunstforum in Wien leitet. Mit der 60jährigen ist Attersee verheiratet. „Kinder haben wir keine, aber mit ,Yuni Einstein‘ bereichert ein quirliges Hündchen unseren privaten und beruflichen Alltag“, freut sich das Paar über den süßen Familienzuwachs.