"Der Tod gewinnt immer"
Sie fühlt sich auf der Theaterbühne ebenso wohl wie im Film und im Fernsehen. Die deutsche Schauspielerin Caroline Peters ist die „Buhlschaft“ im „Jedermann“ bei den 100. Salzburger Festspielen. Die 48jährige spricht über die wohl berühmteste Mini-Rolle der Welt. Sie verrät, wie sie in Corona-Zeiten den „Jedermann“ küsst, und erklärt, warum es ihr wichtig ist, die Postkarte vor dem Verschwinden zu retten.
Frau Peters, fiebern Sie schon der Premiere des „Jedermann“ am Samstag entgegen? Sie spielen darin ja die „Buhlschaft“ …
Ich freue mich schon sehr darauf, allein deshalb, weil ich den Salzburger Domplatz als Kulisse faszinierend finde und bislang noch nie auf einer Freiluftbühne gespielt habe. Es ist also in vielerlei Hinsicht eine Premiere für mich.

„Jedermann“ fühlt sich von seiner „Buhlschaft“ angezogen. Er will ihr einen Lustgarten schenken. Was verbinden Sie mit dem Begriff?
Mit dem Lustgarten verbinde ich den Blick auf eine völlig andere Zeit. Eine Zeit, in der sich ein reicher Mann den Luxus leisten konnte, der Liebsten einen Garten für die geheimen Treffen zu schenken.

Würden Sie sich über einen Lustgarten freuen?
Nein, mein Partner und ich würden uns in keinem Lustgarten verstecken wollen. Aber einen Garten hätte ich schon gern …

Nur 50 Verszeilen hat die „Buhlschaft“ zu sprechen. Fühlen Sie sich von dieser Mini-Rolle nicht unter-fordert?
Die „Buhlschaft“ ist ein Auftritt, keine Rolle. So wie alle anderen Figuren im „Jedermann“ auch. Da wir uns im Corona-Jahr befinden, bin ich seit März konstant unterfordert. Ich bin ja nicht mehr aufgetreten. Insofern bin ich gerade äußerst zufrieden damit, einfach überhaupt aufzutreten – und das mit Leichtigkeit und festlicher Stimmung.

Darum, wer die „Buhlschaft“ verkörpert, herrscht mehr Getöse als um den „Jedermann“. Müssten Sie
da nicht mehr Gage als der Kollege bekommen?
(lacht) Diese Rechnung habe ich noch nicht angestellt. Aber, umgerechnet in den Preis pro gesprochenes Wort, finde ich, dass ich besser als der „Jedermann“ aussteige.

Was passiert, wenn der Tod uns ereilt, ist die Kernaussage des zeitlosen Schauspiels von Hugo von Hofmannsthal. Wie gehen Sie mit dem Tod um?
Das Leben macht natürlich mehr Spaß, wenn es einem gelingt, den Tod zu verdrängen und nicht darüber nachdenkt, dass alles hier nur ausgeliehen ist. Aber jetzt durch Corona werden wir praktisch täglich daran erinnert, wie fragil alles ist. Allen Situationen können wir uns mit irgendetwas entgegenstellen, nur dem Tod nicht – der gewinnt immer.

Wie werden Sie die intime Szene, in der sich „Jedermann“ und „Buhlschaft“ küssen, in Zeiten des Abstandhaltens über die Bühne bringen?
Gemäß der gegenwärtigen Lage, wobei sich diesbezüglich jeden Tag etwas ändern kann, ist es so geregelt, dass es die Künstler selbst zu verantworten haben, wie nah sie einander kommen möchten und womit sie sich gut fühlen. Sie dürfen selber entscheiden, was ein sicherer Abstand ist. Also, auf der Bühne ist es ähnlich wie im privaten Leben. Entweder du umarmst deine Bekannten, oder lässt es bleiben, je nach persönlichem Sicherheitsempfinden. Genauso halten wir es auf der Bühne. Und natürlich werden wir häufig und regelmäßig getestet.

Im Zuge der Corona-Krise entstand der Eindruck, dass es den Künstlern reichen muss, von Luft und Liebe zu leben. Sie wurden lange Zeit im Regen stehen gelassen. Wie haben Sie das empfunden?
Das war für mich heftig, vor allem deshalb, weil ich Österreich immer als starke Kultur-Nation betrachtet habe und deswegen auch gerne hier lebe und arbeite. Als es plötzlich hieß, die Kunst und Kultur gäbe es ja nur, damit die Touristen kommen, war ich schon sehr irritiert. Wenn es die Wiener Kultur-Bürger nicht gäbe, würde es nicht die vielen Theater, Museen und Konzerthäuser geben. Und plötzlich soll das alles nur Folklore für Touristen gewesen sein? Künstlern wird gern nachgesagt, dass sie ihren Beruf nur aus Lust am Applaus und aus Liebe zum Publikum ausüben. Aber wir zahlen Miete, kaufen ein, haben Kinder, die studieren, wie jeder andere auch.

Traditionell gibt‘s nach der Premiere den Bierfass-Anstich. Haben Sie ein Dirndl mit im Gepäck?
Heuer müssen wir uns überraschen lassen, ob dieser Fass-Anstich überhaupt stattfinden wird. Wie auch immer, einen Pfiff nach der Premiere werde ich mir gönnen, wenn auch nicht im Original-Dirndl, dafür in einer hübschen Version eines Dirndl-Kleides.

Sie gelten als selbstkritisch, auch was Ihr Äußeres betrifft. Was tun Sie für Ihr Aussehen?
Das Selbstoptimieren gelingt mir nicht , weil ich viel zu gern genieße. Ich bin kein „Ich-trinke-nur-Wasser“- oder „Ich-esse-nur-Rohkost“-Typ. Was kleinere oder größere Schönheitseingriffe betrifft, das soll jeder handhaben, wie er möchte. Ich wundere mich nur, wenn sehr junge Frauen so etwas machen, weil die dann meistens älter als vorher aussehen.

Präsentieren Sie sich in den sozialen Medien?
Erst während Corona habe ich mit Instagram begonnen. Facebook war mir immer unangenehm, und ganz schrecklich finde ich Twitter. Allein dafür, was Donald Trump dort alles vom Stapel lässt, müsste Twitter eigentlich geschlossen werden.

Ganz und gar nicht digital, sondern beinahe nostalgisch mutet Ihr Kunst-Postkarten-Geschäft in Wien an. Wie kam es dazu?
Die Rettung der Postkarte war die Idee. Ich bin zwar dankbar für die technischen Möglichkeiten, finde es aber schade, dass für den neuen Stand der Technik etwas schönes Altes verschwinden muss. Postkarten sind ja fast nicht mehr zu kriegen. Kaum dass ich schreiben konnte, habe ich schon Postkarten verschickt und gesammelt. Mein Bruder und ich wetteiferten, wer von uns die schönsten oder scheußlichsten Karten für den anderen findet. Und ich wollte endlich etwas Schönes an meinen Kühlschrank heften können, wie zum Beispiel die Fotografie von meinem Partner bei art postal, Frank Dehner, und den anderen Foto-Künstlern aus unserer kleinen Galerie.

Wird es eine „Buhlschaft“-Postkarte geben?
Einstweilen noch nicht, aber eine „Buhlschaft“-Autogrammkarte haben wir bereits gestaltet, als Erinnerung an eine denkwürdige Salzburger Festspiel-Saison, in der vieles anders ist, als es einmal war.