Es ist "Schürzenjäger" Zeit
Der „Schürzenjäger“ Alfred Eberharter und sein Sohn haben ihr erstes gemeinsames Lied veröffentlicht. Es wurde daheim in ihrem eigenen Tonstudio im tirolerischen Finkenberg produziert. Dort sitzen die Alpenrocker derzeit aufgrund der Corona-Krise fest, denn Konzerte sind abgesagt. Aber auf diesem herrlichen Flecken Erde lässt es sich aushalten. Und es bleibt Zeit, um zu malen. Wir haben Vater und Sohn, die unter einem Dach leben, besucht.
Das Zillertal ist eine herrliche Region in Tirol. Es führt von der Inntal-Autobahn nach Süden und macht einen leichten Bogen. Saftiges Grün, wohin das Auge schaut. Weit hinten im Tal, wo es dann schon hinauf Richtung Hintertuxer Gletscher geht, lebt eine Familie, die wesentlich zum Bekanntheitsgrad des Zillertales beigetragen hat. Auf einer Anhöhe in Finkenstein, im Haus Schürzenjägerstraße 54, sind wir zu Gast bei Familie Eberharter. Der Name der Straße verrät es bereits. Hier leben jene Musiker, die den Alpenrock in die Welt hinausgetragen haben.

Alfred Eberharter, 68, war als Gründungsmitglied der „Zillertaler Schürzenjäger“ im Jahr 1973 neben Peter Steinlechner und Willi Kröll für den Erfolg der Band verantwortlich, die mit Hits wie „Sierra Madre“, „Zillertaler Hochzeitsmarsch“ und „Schürzenjägerzeit“ zu den erfolgreichsten Musikern unseres Landes aufstiegen. Am 21. Juli 2007 gaben sie ihr Abschiedskonzert, doch als „Schürzenjäger“ ist Eberharter noch immer musikalisch unterwegs. Gemeinsam mit seinem Sohn Alfred junior, 41. Die beiden leben auch gemeinsam unter einem Dach.

Alfred junior mit Frau und Tochter im Erdgeschoß, Mama und Papa darüber. Im Sommer wird der Tisch vor dem Gartenhaus, das sie gemeinsam vor 13 Jahren gebaut haben, zum Familientreffpunkt. Dort wird musiziert und diskutiert wie derzeit über den fünften Teil der Piefke-
Saga, jener satirischen und tragikomischen Filmreihe aus den 90er Jahren, in der das zwiespältige Verhältnis zwischen deutschen Touristen und Tiroler Bewohnern aufgearbeitet wurde. Nach dem Drehbuch des Erfolgsautors Felix Mitterer. Der gab im Mai bekannt, an einem fünften Teil zu arbeiten, dieses Mal steht Ischgl im Mittelpunkt mit den durch das Corona-Virus infizierten Party-Gästen.

Bei den Eberharters wird dies mit gemischten Gefühlen gesehen. „Unglaublich, dass auf den Massentourismus so draufgehaut wird. Das sind nicht nur grölende Menschen, die durch die Gegend ziehen und alles verwüsten. Es wird immer welche geben, die einen über den Durst trinken, das ist aber nicht die Mehrheit“, sagt der Junior. Für seinen Vater steht fest: „Mir sind Touristen im Tal lieber als ein Atomkraftwerk oder ein Stahlwerk.“ Er erinnert daran, dass im Zillertal in den 1960er Jahren die schönsten Flecken für eine Staumauer geopfert wurden. „Für sauberen Strom, von dem jetzt alle profitieren.“ Damals mussten seine Eltern ihr Gasthaus in Ginzling aber schließen, „weil niemand mehr kam“. Heute gilt die Staumauer als gefragtes Fotomotiv, das in die Welt
hinausgetragen wird.

Indianerinnen im Dirndl singen unsere Lieder
Dorthin wollten die „Schürzenjäger“ auch. Im Herbst hätten die sechs Musiker in Milwaukee in den USA spielen sollen. Virus-bedingt bleibt derzeit nur das Reisen im Kopf, zum Beispiel nach Brasilien, wo die „Schürzenjäger“ schon einmal gespielt haben. „Dort pflegen Nachkommen der Donauschwaben die deutsch-österreichische Kultur“, erzählt der Junior. „Indianerinnen im Dirndlg‘wand haben uns mitten in der Nacht empfangen“, erinnert sich der Vater. „Sie sprechen zwar kein Wort Deutsch, singen aber unsere Lieder.“

Der Rhythmus liegt den „Schürzenjägern“ im Blut. Alfred junior wirft sein langes Haar über die Schulter und trommelt mit den Fingern auf den Tisch. Der Vater setzt im richtigen Moment ein. Taktgefühl eben. „Ich spür‘ aber schon, wie die Finger steif werden. Ich musste nie üben, weil wir immer gespielt haben. Plötzlich zwickt es da und dort, schade ist das.“ Dagegen half nur Ablenkung, weshalb Vater und Sohn während der Corona-Krise ihr erstes gemeinsames Lied veröffentlicht haben. „Das Tal ist so still jetzt“ heißt es und kann wohl als zeitgeschichtliches Dokument bezeichnet werden. „Es wirkt so friedlich und leer, eigentlich wunderschön, wenn‘s nicht so traurig wär‘“ lautet es in einer Zeile. Produziert wurde im eigenen Tonstudio im Haus der Familie Eberharter. Es steht am Ende einer ruhigen, versteckten Straße, Anhänger finden aber immer wieder ihren Weg dorthin, weiß der Ältere der beiden Alfreds.

„Wenn ich im Atelier male, sehe ich sie kommen. Dann gehe ich hinaus und stelle mich für Fotos zur Verfügung.“ Das Panorama, das dabei als Kulisse dient, sieht aus wie im Heimatfilm. Eberharter, ein leidenschaftlicher Maler, hat es schon oft in Aquarell verewigt. „Landschaften und traditionelle Motive sind mir am liebsten.“ Junge Frauen in Tracht ebenso wie knorrige Alte, deren Gesichter vom harten Leben in den Bergen erzählen. Diese Härte kennt Eberharter aus der Kindheit, als er, aufgewachsen in Ginzling, nahe Finkenberg, wegen der Lawinengefahr das Haus nicht verlassen durfte. „Dann hat die Mutter mit mir gemalt.“ Von ihr habe er das Talent, ist der 68jährige überzeugt.

Jetzt, im Sommer, zeigt sich das Tal von seiner schönsten Seite. Jeden Tag in der Früh macht sich Eberharter seinen Kaffee und raucht die erste Zigarette. Dabei schaut er auf sattgrüne Weiden, Wiesenblumen tanzen im Wind und im Tal ragen Kirchtürme stolz in den Himmel. „Wir leben im Paradies.“
In diese Idylle haben Eberharter und der frühere „Schürzenjäger“-Frontmann Steinlechner im Jahr 1988 ein Doppelhaus gebaut. „Wir mussten einen Felsen sprengen. Nach vier Monaten ist uns das Geld ausgegangen.“ Dem Erfolg der Band ist es zu verdanken, dass ihr Haus heute fertig ist, blitzblank obendrein. „Ich putze seit einiger Zeit und weiß jetzt, was meine Frau das ganze Leben geleistet hat. Inzwischen mache ich es gern.“ Steinlechner, 67, ist nach dem Band-Ende im Jahr 2007 weggezogen. Er lebt in Kanada, kommt aber immer wieder nach Finkenberg zurück.
„Nach unserem letzten Freiluft-Konzert habe ich eine große Leere verspürt“, erinnert sich Alfred Eberharter senior. „Deshalb habe ich am nächsten Tag zu meinem Sohn gesagt: Es muss weitergehen.“ Der Junior war damals schon Mitglied der Gruppe und spielt nach wie vor Schlagzeug, der Papa steht mit der Ziehharmonika an vorderster Front und unterstützt ihn, damit er als Verantwortlicher die Band in eine erfolgreiche Zukunft führt.

Was durch die Corona-Pandemie so schwierig wie noch nie ist, weiß der 68jährige. „Wenn du ein Jahr nicht spielen kannst, fehlt dir das – auch in der Geldtasche. Schließlich haben wir eine Firma und Fixkosten. Es ist nicht so, dass wir mit drei Millionen Euro nach einem Konzert nach Hause gehen.“ Was ihr berufliches Leben gewöhnlich prägt, zeigen Plakate in der Umgebung. Sie weisen auf das traditionelle „Schürzenjäger“-Konzert am 1. August in Finkenberg hin. Niemand hat sie entfernt. Doch über allen Bühnen liegt Ruh‘.