Soll es staatlich geförderte Vier-Tage-Woche geben?
Rund 450.000 Menschen waren zuletzt in Kurzarbeit, 440.000 arbeitslos. Geht es nach der SPÖ, soll eine Vier-Tage-Woche helfen, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise einzudämmen. In dem „roten“ Modell sollen Betriebe die Arbeitszeit um ein Fünftel verringern. Arbeitnehmer müssten dabei auf 6,6 Prozent ihres Brutto-Gehaltes verzichten, die weiteren zwei Drittel der Kosten sollten jeweils der Betrieb und bis zu drei Jahre lang das Arbeitsmarktservice (AMS) übernehmen.
JA:
Pamela Rendi-Wagner,
SPÖ-Vorsitzende

„Die letzte Arbeitszeitverkürzung war vor knapp einem halben Jahrhundert. Auch damals war die Wirtschaftskammer dagegen. Sie wollte nicht, dass die Arbeitnehmer 40 statt 45 Stunden pro Woche arbeiten. Hat die 40-Stunden-Woche der Wirtschaft geschadet? Nein, ganz im Gegenteil. Seither hat die Digitalisierung Gesellschaft und Arbeitswelt stark verändert. Gerade in Zeiten von Rekordarbeitslosigkeit müssen wir darüber nachdenken, Arbeit gerecht zu verteilen. Mein Vorschlag für die Vier-Tage-Woche ist keine generelle Arbeitszeitverkürzung, sondern freiwillig, soll auf Ebene der Sozialpartner verhandelt werden und sieht eine Unternehmens-Förderung vor. Die Betriebe, die in der Krise weniger Nachfrage haben, ersparen sich also Lohnnebenkosten. Das Modell ist eine Weiterentwicklung der erfolgreichen Kurzarbeit und schafft 100.000 Arbeitsplätze. Für die Beschäftigten gibt es mehr Freizeit und mehr Zeit für Familie, Bildung und Erholung. Erholte und ausgeruhte Mitarbeiter wiederum sind gut für die Unternehmen, die mit einer höheren Produktivität rechnen können. Dank Förderung können Betriebe ihre Mitarbeiter halten und bei Anspringen der Nachfrage sofort wieder voll durchstarten.“

NEIN:
Karlheinz Kopf,
Wirtschaftskammer-Generalsekretär

„Es handelt sich um ein althergebrachtes Zahlenspiel, das schon in der Vergangenheit nicht funktioniert hat. Arbeit kann
man nicht einfach mit dem Rechenschieber neu verteilen. In Frankreich etwa ist mit Einführung der 35-Stunden-Woche die Arbeitslosigkeit nicht gesunken, sondern gestiegen. War sie im Jahr 2000 noch bei 8,6 Prozent, stieg sie nach der Arbeitszeitverkürzung bis 2014 auf 10,3 Prozent. Anstatt der Zahl der
Arbeitsplätze ist dort vor allem die Anzahl der Überstunden gestiegen. Es gibt auch in und nach der Krise Wirtschaftsbereiche mit akutem Fachkräftemangel,
dort würde er durch eine Arbeitszeitverkürzung noch
verschärft. In der gesamten Wirtschaft würde es zu einer Verdichtung der Arbeit und zu einer Mehrbelastung für die Arbeitnehmer kommen. Besser funktioniert in der Krise die Kurzarbeit. Sie entlastet in schwierigen Zeiten, schädigt aber auch die Wettbewerbsfähigkeit nicht. Mein Credo lautet daher: Wenn wir Geld des Steuerzahlers in die Hand
nehmen, dann bitte um die Wirtschaft durch Steuerentlastungen und Investitionsanreize zu stärken und dadurch gezielt mehr Arbeitsplätze zu schaffen.“