Frau "Robin Hood" hat den Bogen raus
Ein Adlerauge und die Fähigkeit, Entfernungen extrem genau zu schätzen, hat die Wirtschaftsfachfrau Andrea Payer, 35, zu einer Top-Bogenschützin gemacht. In der kommenden Woche startet Frau „Robin Hood“ aus Klagenfurt (K), die auch schon EM-Gold gewann, bei den Staatsmeisterschaften in Gallizien (K).
Daheim in ihrer Klagenfurter (K) Wohnung zeugen 250 über die ganze Wohnung verstreute Pfeile von Andrea Payers, 35, größter Leidenschaft, dem Bogensport. Mehrere Medaillen erinnern an ihre größten Erfolge, den Europameistertitel 2018 und EM-Bronze 2019.
„Als Spätstarterin entdeckte ich das Bogenschießen erst mit 31 Jahren, hatte aber ein natürliches Talent dafür“, erzählt die Angestellte der Wirtschaftskammer Kärnten. Ihre beste Freundin und Kollegin Manuela brachte sie damals zum Sport. „Ich weiß nicht, ob sie das heute noch positiv sieht. Seit ich Erfolge feiere, muss sie oft unseren British-Kurzhaar Kater ‚Jamie‘ sitten“, lacht Payer.

Sie selbst hat jede Menge Geld und fast jeden Urlaub in den Bogensport investiert, alleine ihre hauptsächlich aus Karbon gefertigten beiden Blankbogen kosten je 2.500 Euro und hochwertige Pfeile 50 Euro pro Stück, auch die Reisen müssen privat bezahlt werden. Gut nur, dass sie ihren Lebensgefährten Christian Karner, 46, mit ihrem Pfeilfieber anstecken konnte, der durch sie ebenfalls zum Top-Bewerbsschützen wurde, auch wenn er derzeit verletzt ist. Daher ist das Bogen-Pärchen in der warmen Jahreszeit beinahe jedes Wochenende in ganz Europa unterwegs und lässt die Pfeile mit 200 km/h durch die Luft sausen.
„Christian ist derjenige, der meine Ausrüstung perfekt auf mich abstimmt. Er ist der beste Materialtüftler, keiner kann das so wie er“, schmunzelt Payer. Denn Bogensport bedeutet nicht nur anzulegen und zu schießen. „Du brauchst einen Pfeil, der zum Bogen passt, und einen Bogen, der zum Schützen passt“, erklärt Karner die hochsensiblen Bausteine des Erfolges. „Das Zuggewicht des Bogens, die unterschiedliche Verwindesteifigkeit der Pfeile und das Zugvermögen des Schützen ergeben in Summe die Erfolgskombination.“
Mit dem perfekt abgestimmten Material muss Payer bei den Staatsmeisterschaften in einer Woche in der Klasse Blankbogen wie alle anderen je 30 Schuss auf drei verschieden weit entfernte Zielscheiben abfeuern, die höchste Gesamtpunktezahl aller 90 Schüsse krönt den Staatsmeister.
Die Athleten tragen dabei einen Arm- und Fingerschutz, denn die Zugkraft der Bögen ist enorm, jener von Payer beträgt 17 Kilo. Eine Besonderheit ihres Blankbogens ist, dass kein Visier montiert ist und die Technik des „Stringwalkens“ (mit den Fingern entlang der Sehne gehen) angewendet wird, um den Schuss und die Kurve des Pfeiles an die Entfernung anzupassen. Dabei entscheiden die Position der Finger und des Pfeiles auf der Sehne, wie weit er fliegt, die Zugbewegung bleibt stets gleich. „Deshalb musst du als Bogenschützin auch gut schätzen können“, betont die Europameisterin. Wobei selbst das nur einen Bruchteil des Erfolges ausmacht.
„Denn unterm Strich wird Bogensport zu 80 Prozent im Kopf entschieden, höchste Konzentration ist das Geheimnis“, weiß die Kärntnerin. Deshalb investiert sie wöchentlich zwischen drei und sechs Stunden in mentale Übungen, die helfen sollen, sich ganz in ihren Schuss zu versenken. Daheim vorm geistigen Auge visualisierte Bewegungsabläufe und ein virtueller Pfeilflug helfen ihr dabei, beim Bewerb weder von Zuschauern noch von Wind und Wetter abgelenkt zu werden.

Die für heuer geplante Bogensport-WM in den USA fiel zwar aufgrund der Viruskrise ins Wasser, umso größere Ziele steckt sich Payer für die Zukunft. „2021 steht eine EM im Feldschießen auf dem Programm und ein Jahr später bei der WM in den USA ist auch noch einiges für mich zu gewinnen. Ich fühle mich noch nicht am Zenit meines Schaffens.“