Das Weinen unserer Tiere
Wir lieben unser saftiges, helles Schnitzel auf dem Teller. Doch wer in die Augen der Tiere sieht, die dafür Tausende Kilometer weit transportiert werden, dem vergeht der Appetit. Millionen von Tieren müssen jedes Jahr zusammengepfercht schlimme Qualen erleiden. Ein System, das endlich gestoppt gehört, fordern Tierschützer.
Sie leiden Hunger und Durst und sind auf engstem Raum zusammengepfercht. Millionen von Rindern, Schweinen, Schafen, Ziegen und Hühnern werden jedes Jahr quer durch Europa gekarrt, teils geht es per Schiff weiter bis in den Nahen Osten.

Tierleid und Umweltbelastung

Laut dem Verein gegen Tierfabriken (VGT) gehen mehr als 70 Prozent der Tiertransporte über die EU hinaus. Allein unser Land exportierte im Jahr 2019 fast 20 Millionen Tiere in die EU und fast eine Million in Drittstaaten.
„Der Irrsinn daran ist, dass wir etwa genau so viele Tiere importieren wie exportieren. Wir exportieren, weil die Mast hierzulande zu teuer ist, und importieren, um hier zu schlachten“, erklärt Tobias Giesinger vom VGT diesen schrecklichen Kreislauf des Tierleids und der Umweltbelastung.

Besonders groß war die Aufregung, als Giesinger und sein Team anhand der Ohrmarken von Kälbern und von Fahrtenbüchern dokumentieren konnten, dass heimische Kälber im Libanon auf der Schlachtbank landeten. Die Tiere, kaum älter als zwei Wochen, hatten eine qualvolle Odyssee hinter sich.

„Jährlich werden mehr als 50.000 Kälber ins Ausland transportiert, bis nach Algerien, Usbekistan und den Iran, während gleichzeitig das Fleisch von mehr als 100.000 Kälbern importiert wird. Mehr als 41 Prozent sind jünger als 28 Tage“, bestätigt auch der Initiator des Tierschutzvolksbegehrens, Sebastian Bohrn Mena.
Bei einem Tiertransportgipfel des Gesundheitsministers Rudolf Anschober (Grüne) in der vorigen Woche wurde diese Quälerei erörtert, allerdings ging es nur um die Rindertransporte. Angedacht wurde, bei Zuchtprogrammen statt der Lebendrinder künftig nur ihr tiefgekühltes Sperma zu verschicken. Handeln muss aber die EU, wo sich demnächst ein Untersuchungsausschuss dem Thema widmen soll.

Der Vorarlberger Landwirt Hermann Bickel führt einen von rund 58.000 heimischen Betrieben, die in Summe 1,9 Millionen Rinder halten. Auch er weiß, „die Aufzucht, die Mast der Tiere ist hierzulande nicht rentabel. Es gibt zu hohe Auflagen für Bauern. Im Ausland wird billiger produziert.“

Die männlichen Kälber gibt er her. Für wenig Geld. „Um kostendeckend zu sein, müsste ich für ein drei Wochen altes Kalb mit 70 Kilo rund 250 Euro bekommen. Realistisch sind aber nur 90 Euro.“ Dass die Tiere über Händler teils auch ins Ausland gehen, tut ihm leid, „aber ohne die Tiertransporte können wir Bauern nicht überleben.“

Die Transporte sind für die Tiere jedoch die reinste Qual. „Auf den LKW werden sie kaum getränkt und gefüttert“, erklärt der Tierschützer Tobias Giesinger. Zudem dürfen die jungen Kälber höchstens 19 Stunden transportiert werden, „das geht sich aber meist nicht aus, da die Tiere oft etwa nach Spanien gebracht werden.“

Von dort geht es per Schiff weiter in den Nahen Osten, nach Nordafrika oder in die Türkei. Allein im Jahr 2018 hat Spanien 160.000 Rinder zum Zweck der Schlachtung und mehr als 35.000 zum Zweck der Weitermast in Drittstaaten exportiert. Die Importländer waren die Türkei, Algerien, Libyen, Marokko, Libanon und Ägypten. „Diese Transporte sind EU-rechtswidrig, weil der Schutz der Tiere bis zum endgültigen Bestimmungsort sichergestellt werden müsste, was in der Praxis aber nicht möglich ist.“

Die Schuld an den Tiertransporten von Rindern sieht der Verein gegen Tierfabriken in der Intensivierung der Milchwirtschaft. Denn damit Kühe, wirtschaftlich gesehen, genug Milch geben, müssen sie jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringen.

Weil die männlichen Kälber jedoch nicht so gutes Fleisch ansetzen, werden sie zur Mast in Länder gebracht, in denen das billiger ist.

Tierquälerische Mast im Ausland

Die Tiere werden laut dem Veterinär Erik Schmid in sechs bis neun Monaten von 30 auf 300 Kilo gemästet. Schmid ist überzeugt, „die heimischen Bauern können sich in der Sache nicht herausreden. Jeder, der ein Kalb dem klassischen Viehhändler übergibt, muss damit rechnen, dass das Vieh einen langen Leidensweg vor sich hat.“
Die Direktorin der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“, Eva Rosenberg, weiß, „dass Kälber im Ausland ausschließlich mit einer Mischung aus Wasser, Milchpulver und Palmöl gefüttert werden, um das Fleisch möglichst weiß zu halten, weil sich die Kunden das wünschen. Diese tierquälerische Mast ist hierzulande nicht erlaubt.“

Angewendet wird dies aber etwa in den Niederlanden. Das Land hat sich zum Zentrum der Kälbermast entwickelt. Ein Kalbsschnitzel aus den Niederlanden ist im Einkauf um bis zu 50 Prozent billiger als ein heimisches Schnitzel.
„Durch Importe von Billigfleisch, das in Handel und Gastronomie landet, und Exporte von lebenden Tieren wird ein krankes System gefördert. Damit muss Schluss sein“, sagt Rosenberg.

Sie fordert neben einem Stopp von Tiertransporten in Drittstaaten, kurzen Transportzeiten, strengen Auflagen und Kontrollen auch eine lückenlose Kennzeichnung tierischer Lebensmittel auch in der Gastronomie.
„Seit 2015 gilt zwar die Kennzeichnungsverordnung der EU für Fleisch, derzufolge die Herkunft von abgepacktem, frischem Schweine-, Geflügel-, Schaf- und Ziegenfleisch angegeben werden muss“, erklärt Rosenberg. „Und bei Rind- und Kalbfleisch mussten die Verbraucher bereits zuvor über Geburtsort und Aufzucht informiert werden.

Die Herkunft von Fleisch in der Gastronomie, von mariniertem und verarbeitetem Fleisch sowie von offenem Fleisch an der Theke muss aber nicht gekennzeichnet werden.“ Erst vor Kurzem hat der Nationalrat für eine Herkunftskennzeichnung in Spitälern und Schulkantinen gestimmt.

Mit 1. April 2020 trat zudem eine neue EU-Lebensmittelkennzeichnung, die sogenannte „Durchführungsverordnung“ für verarbeitete Lebensmittel in Kraft. „Wird für ein Lebensmittel das Ursprungsland angegeben und weicht die Herkunft der primären Zutat hiervon ab, ist künftig für diese primäre Zutat die abweichende Herkunft ebenfalls anzugeben. Für die neue Kennzeichnung reicht es, wenn künftig auf einem Produkt ‚Stammt nicht aus Österreich‘ oder ‚Stammt nicht aus der EU‘ steht.“

Für Rosenberg ist das aber zu wenig. Die Direktorin der „Vier Pfoten“ pocht auf eine „konsequente Kennzeichnung der Herkunft als auch der Haltungsbedingungen der Tiere, damit sich Konsumenten bewusst für Tierwohl und Qualität entscheiden können“.