Er schickt den Avatar
auf Reise
Das Debüt „Oxygène“ von Jean-Michel Jarre aus dem Jahr 1976 gilt als erstes modernes Elektronik-Album in der Geschichte der Popmusik. Nun hat der 71jährige Franzose als erster Musiker überhaupt ein Virtual-Reality-Live-Konzert gespielt. Unter dem Motto „Alone Together“ trat Jarre in der französischen Hauptstadt Paris wie in einem Science-Fiction-Film als Avatar, also als künstliche Person, auf. Er wollte damit demonstrieren, dass Zukunftstechnologien wie virtuelle Realität und künstliche Intelligenz neue Möglichkeiten für künstlerische Produktionen eröffnen.
Herr Jarre, was ist aus der Sicht eines Live-Musikers das Begrüßenswerte an künstlicher Intelligenz?
In der Zeit des langen und harten Eingesperrtseins durch die Corona-Krise hat ein Umdenken stattgefunden. Die Menschen bewegen sich jetzt noch mehr in Online-Welten, die allerdings mit der Außenwelt verbunden sind. Ich interessiere mich schon länger für virtuelle Realität, also eine Wirklichkeit, die am Computer nachempfunden wird. Ich habe gemeinsam mit dem australischen Künstler Stuart Campbell die Idee geboren, dass ich meine Bühnenpersönlichkeit als Avatar in die virtuelle Welt schicke. Das wurde dann zu einer Weltpremiere.

Was ist das Neue an Ihrer Virtual-Reality-Show
„Alone Together“?

Bisher waren virtuelle Konzerte immer vorproduziert, in unserem Fall aber fand die Show wirklich live statt. Wir haben dafür eine computergestützte simulierte Umgebung erschaffen, die an das Bühnen-Design meiner Live-Touren erinnert. Ich hatte zuerst die Befürchtung, dass solch eine Darbietung zu abstrakt sein könnte, denn ich habe sie mit einer Brille, die mir die virtuelle Realität zeigte, von meinem Studio aus gespielt. Damit konnte ich die Menschen im Garten des Palais Royal in Paris sehen, was überwältigend war. Schon nach fünf Minuten überkam mich das Gefühl, auf einer richtigen Bühne zu stehen, weil ich mit dem Publikum direkt kommunizieren konnte. Die Menschen haben sogar zu meiner Musik getanzt.

Kann diese Art von Konzert das herkömmliche
Live-Konzert ersetzen?

Diese Art von Show ist für mich keine Alternative zu einem herkömmlichen und einzigartigen Live-Auftritt, bei dem ein Künstler direkt vor Publikum auftritt, das Schulter an Schulter in einem Klub steht. Sie ist etwas ganz Eigenes. Eine völlig neue Möglichkeit, mit dem Publikum zu korrespondieren – und zwar mit der Technologie unserer Zeit. Mein Studio sah aus wie ein Kontrollraum der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA mit Dutzenden von Bildschirmen.

Werden Sie im nächsten Schritt Ihren Avatar auf
Tour schicken?

Warum nicht? Ich habe gerade so viele Ideen. Auf „Alone Together“ gab es Reaktionen aus der ganzen Welt. Ich glaube, dass in derartigen Veranstaltungen eine Menge Potenzial steckt.

Wie teuer ist so ein Projekt?
Gar nicht so teuer und mit Sicherheit günstiger als eine echte Tour, bei der unter anderem Kosten für Reisen, Hotels und Löhne anfallen.

Vermissen Sie Live-Konzerte vor Publikum?
Einen Filmregisseur würde auch niemand fragen, ob er das Theater vermisst. Natürlich ist virtuelle Realität etwas anderes als ein Live-Konzert und es ist tatsächlich so, dass ich die Bühne vermisse.

Durch das Internet verliert die „Ware“ Musik an Wert, dennoch will sie jeder immer und überall haben.
Wie denken Sie darüber?

Wir leben in einer Welt, in der Musik gratis ist – wie die Luft, die wir einatmen. Das ist nicht gerecht. Viele Künstler haben während der Krise ihre Internetpräsenz verstärkt und Lieder veröffentlicht, die den Menschen Hoffnung machen sollen. Ich finde, künstlerische Arbeit muss mehr respektiert werden. Da gibt es Menschen, die sich darüber beschweren, wie viel eine CD, DVD, ein Buch oder eine Kinokarte kosten. Dieselben Menschen haben aber kein Problem damit, 60 Euro für ein T-Shirt hinzulegen, das für drei Euro in Asien hergestellt wurde. Wir sollten Musiker also mehr schätzen.