Großer Ansturm auf
unsere Berge
Hinaus ins Freie, das heißt heuer oft auch hinauf in die Berge. Schon vor Corona hat der Berg-Tourismus stetig zugenommen. Doch Experten warnen: Viele sind sich der Gefahren nicht bewusst.
Beinahe stündlich mussten die Salzburger Bergretter am ersten Juli-Wochenende ausrücken. Nicht ungewöhnlich für Maria Riedler von der Bergrettung in diesem Bundesland. „Leider ist die Tendenz so, dass die Einsätze zunehmen. Vor allem im Sommer.“
Von Jahr zu Jahr sind immer mehr Menschen in der Höhe unterwegs. Auch im Corona-Sommer. „Die Menschen zieht es in die Berge“, weiß Maria Riedler. „Der Boom beim Wandern und Bergsteigen ist bereits seit Jahren ein auffälliger.“
Abseits von Unglücken wie Steinschlägen sind die Berg-
retter meist mit Stürzen, Kreislaufproblemen, manchmal auch Herzinfarkten konfrontiert. „Einerseits wird in alpinen Vereinen schon gute Ausbildungsarbeit geleistet, aber andererseits sehen wir auch Menschen, die völlig ohne Vorbereitung und Tourenplanung zur Wanderung aufbrechen“, erzählt Maria Riedler.
„Wenn sie dann auch konditionell gut sind, was häufig der Fall ist, aber leider trotzdem kein alpinistisches Wissen haben, kommen sie oft in hochalpinem Gelände
in Bergnot.“
306 Menschen sind im Vorjahr in den Bergen gestorben, mehr als 12.000 hatten einen Unfall. Auch Jagd- und Forstunfälle zählen aber dazu. Das zeigt die Statistik des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit und der Alpinpolizei. Wandern und Bergsteigen forderten die meisten Alpintoten, und zwar 108. Beim Klettern starben 20 Menschen, Radfahren in den Bergen kostete 13 Bergsportlern das Leben. Eine der häufigsten Todesursachen war Herz-Kreislaufversagen.
Zudem gibt es einen eklatanten Geschlechter-Unterschied. Nur rund ein Siebentel der Alpintoten waren Frauen. „Der Tod am Berg ist männlich“, heißt es in der Bilanz des Kuratoriums für Alpine Sicherheit.
Reisebeschränkungen, aber auch der Drang ins Freie führen heuer teilweise zu mehr Bergtouristen. „Dieses Jahr ist in manchen Gebieten besonders zu merken, dass mehr Menschen als in früheren Jahren unterwegs sind“, sagt Peter Paal, der Präsident des Kuratoriums für Alpine Sicherheit. „Zum Beispiel dort, wo Bergseen leicht erreichbar sind. Auf Almen, die über gut markierte Wanderwege erreichbar sind, ist der Andrang von Tagesausflüglern größer als bei höher gelegenen alpinen Hütten, wo übernachtet werden kann.“
Aber es sind nicht nur die Wanderer, die nach oben wollen. Auch Sportklettergebiete oder Klettersteige werden stärker als bisher genutzt. Radfahrer sind ebenso oft unterwegs, auch dank der Elektro-Zwei-räder.
„Vor allem Einsteiger sind mit vielen neuen Herausforderungen konfrontiert“, weiß Peter Paal. „Wir hoffen, dass der Andrang in den Bergen heuer nicht zu einem zu starken Anstieg in der Unfall-Statistik führt.
“Wie hoch die Zahlen am Ende des Jahres sind, hängt aber neben dem Verhalten der Bergsportler auch von der Wetterlage ab.
Doch nicht jeder Rettungs-Einsatz bedeutet automatisch Verletzte. Ein Drittel der Notrufe ging im vergangenen Jahr von Bergsportlern aus, die sich „nur“ in einer misslichen Lage befanden. Etwa weil sie nicht mehr vor und zurück konnten, mit den Verhältnissen oder der Route überfordert waren. „Je mehr Menschen in die Berge gehen, desto größer wird der Anteil jener, die wenig Erfahrung haben oder die sich selbst überschätzen“, sagt Michael Larcher vom Alpenverein.
Eine Rettung aus luftiger Höhe kann teuer werden. „Bergungskosten und die Kosten der Beförderung bis ins Tal werden bei Unfällen in Ausübung von Sport und Touristik nicht ersetzt“, heißt es in Paragraph 131 des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes (ASVG). Arbeitnehmer, Selbstständige und Beamte müssen die Transportkosten ins Tal selbst bezahlen. Das kann etwa bei einem Hubschraubereinsatz ein paar Tausend Euro ausmachen.
Sogenannte Halbschuh-Touristen gibt es heute kaum noch. „Das ist ein Begriff, den wir streichen können“, sagt der Alpenvereins-Experte Michael Larcher. „Die Menschen sind gut ausgerüstet, daran mangelt es nicht. Wenn, dann fehlt es an der Selbsteinschätzung, an der Erfahrung und Fitness. Oder auch einfach an alpintechnischem Wissen, gerade wenn es um Anspruchsvolleres geht, wie etwa bei einem Klettersteig.“
Eine Karte lesen und die Wetterlage richtig beurteilen zu können, das gehört ebenso zur Wander-Vorbereitung wie das Üben der Trittsicherheit oder Ausdauer und Kraft zu trainieren. „Die Berge sind kein Fitnessstudio und kein Freizeitpark“, warnt Michael Larcher. „Viele sind sich der Gefahren nicht bewusst.“
Das sei auch nachvollziehbar. „Wenn jemand das ganze Jahr im Tal lebt, in einer technischen Umgebung und den halben Tag vor dem Bildschirm verbringt, wie soll er da groß Erfahrung in der Bergwelt haben. Aber deshalb ist
es wichtig, sich dann entsprechend vorsichtig zu
verhalten.“