Wirbel um wildes Wasser
Still und heimlich wurde mit dem Bau des Wasserkraftwerkes Tumpen-Habichen im Tiroler Ötztal begonnen. Dabei hängen noch Beschwerde-Verfahren bei den Gerichten an. Sogar das Land Tirol ist beim Projekt beteiligt, obwohl es die zu verbauende Ache als „schützenswert“ einstuft. Anrainer protestieren.
Während viele Menschen in unserem Land sorgenvoll und in heimischer Isolation die Entwicklung der Corona-
Virus-Pandemie verfolgten, trauten die Bewohner des Weilers Tumpen der Gemeinde Umhausen im Tiroler Ötztal ihren Augen nicht. Denn Mitte März, als strenge Ausgangsbeschränkungen galten, fuhren die Raupenbagger der ortsansässigen Firma Auer auf. Und die Arbeiter fingen an, die Wiese zwischen der Siedlung und der Ötztaler Ache aufzureißen. Sie hoben auf beiden Seiten des Flusses Gruben aus und betonierten die Fundamente für eine Baubrücke. Denn bis Herbst 2022 soll hier das Wasserkraftwerk Tumpen-Habichen entstehen. Zum Unmut von Umweltschützern.

Die Betreibergesellschaft, bestehend aus den Gemeinden Oetz und Umhausen, Auer Beteiligungs-GmbH und TIWAG (die Tiroler Wasserkraft AG ist zu 100 Prozent im Besitz des Landes Tirol), investiert rund 47 Millionen Euro. „Nach Fertigstellung wird die Anlage sauberen Strom aus Wasserkraft für bis zu 15.000 Haushalte in der Region erzeugen“, sagt Geschäftsführer Klaus Mitteregger.

Ob die Fertigstellung planmäßig verläuft, ist derzeit nicht zu sagen. Immerhin wird bereits seit dem Jahr 2008 an dem Projekt gearbeitet und gestritten. Denn eine örtliche Bürgerinitiative sowie die Umweltschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) Österreich wehren sich und haben zu Rechtsmitteln gegriffen. Gegen
die naturschutzrechtliche Bewilligung wurde Beschwerde
beim Landesverwaltungsgericht eingebracht, gegen die wasserrechtliche Bewilligung ging der WWF sogar bis zur Höchstinstanz, dem Verwaltungsgerichtshof. „Weil die Ötztaler Ache zu den schutzwürdigsten Flüssen unseres Landes gehört“, heißt es vom WWF. Einer der wenigen noch naturbelassenen, der sogar von Spitzensportlern geschätzt wird. Der betroffene Flussabschnitt, die „Wellerbrücke“, gehört zu einer weltberühmten Kajak-Strecke. Hier wurde jahrelang die offizielle Weltmeisterschaft im Extrem-Kajak-Sport ausgetragen. Mit der Errichtung des Kraftwerkes wäre daran nicht mehr zu denken.

Die Betreiber sehen sich in Zugzwang. „Unsere Baugenehmigung gilt nur bis 11. Juni und wäre verfallen, wenn wir nicht vorher zu bauen begonnen hätten“, heißt es von der Ötztaler Wasserkraft GmbH. Immerhin erfolgte bereits im Jahr 2015 der Baubescheid. Doch der WWF legte sich quer und bekam im Jahr 2017 vom Europäischen Gerichtshof Recht, dass er bei diesem Bauvorhaben hätte miteinbezogen werden sollen. Denn seit dem Jahr 2005 regelt die sogenannte „Aarhus Konvention“ besondere Rechte, um die Umwelt zu schützen. Sie ist ein Übereinkommen der Vereinten Nationen (UNO). Daher muss unter anderem für Umweltschutzorganisationen eine Möglichkeit bestehen, gegen Entscheidungen in Umweltverfahren Einspruch zu erheben. „Die Vehemenz des großen WWF gegen unser Regionalprojekt verwundert jedoch einigermaßen. Wir bauen keinen Drei-Schluchten-Damm, sondern wollen ausschließlich die Eigenversorgung für die Menschen im Tal stärken“, erklärt Jakob Wolf, Bürgermeister von Umhausen.

Für die Bewohner wiegt die Sicherheit ihres Lebens und ihrer Häuser allerdings mehr als die Stromversorgung. Alfred Kuen von der „Bürgerinitiative gegen die Wasserkraftanlage Tumpen“ bringt dies auf den Punkt. „Nicht nur einmal mussten wir in der Nacht aus dem Haus flüchten, weil ein Murenabgang drohte oder die Ache Hochwasser führte. Beinahe jährlich gibt es bei uns Murenabgänge. Schon drei Mal stand mein Haus einen Meter unter Wasser. Ein Kraftwerk würde die Situation deutlich verschärfen. Für uns ist es unverständlich, wie ein derart überfallsartiger Baubeginn ohne Information und Bauverhandlung überhaupt sein darf. Es scheint so, als würden die Projektbetreiber die Situation ausnutzen, um uns vor vollendete Tatsachen zu stellen.“

Auch Marianne Götsch, Gewässerschutzexpertin des WWF, kritisiert das Vorgehen. „Anstatt die ausständigen
Verfahren abzuwarten, lassen die Kraftwerksbetreiber auf Verdacht bauen und zerstören schrittweise ein Naturjuwel.
Sogar ein teurer Rückbau, sollte der WWF Recht bekommen, wird in Kauf genommen.“ Ihr Engagement für die Umwelt machte sie kürzlich selbst zur Zielscheibe. Als sie mit anderen Aktivisten vor dem Innsbrucker Landhaus 22.800 Proteststimmen gegen das Wasserkraftwerk übergab, wurde sie von Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Geisler als „widerwärtiges Luder“ beschimpft. Geisler entschuldigte sich danach zwar, doch Götsch ist der Ansicht, dass „er mit so einer Umgangsweise nicht für sein Amt geeignet ist“. Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) machte danach deutlich, dass er sich „niemanden aus der Regierung herausschießen“ lasse.

Obwohl selbst das Land Tirol die Ötztaler Ache als „einzigartig“ einstuft, sieht Platter kein Problem am umstrittenen Bau. Immerhin ist das Land Tirol durch die TIWAG Tiroler Wasserkraft AG mitbeteiligt. Aus Platters Büro heißt es: „Wasserkraft ist erneuerbar, heimisch, sauber und emissionsfrei. Dem Beschwerdeverfahren gegen den Naturschutz kommt nach Ansicht des Amtes der Tiroler Landesregierung keine aufschiebende Wirkung zu. Insofern ist ein Bau derzeit rechtlich möglich. Der Bauwerber handelt auf eigenes wirtschaftliches Risiko.“

Die Urteilssprüche sollen in zwei Monaten erfolgen. Bis dahin heißt es für Alfred Kuen hoffen und bangen. Er weiß, ein für ihn und seine Mitstreiter positives Urteil käme auch der Tier- und Pflanzenwelt zugute. „Wir haben hier vom Aussterben bedrohte Arten“, erzählt er. „Etwa die Deutsche Tamariske, ein Strauch, der in Alpenflusslandschaften wächst, oder die Wasseramsel, ein hübscher Singvogel.“

Dass mit dem geplanten Wasserkraftwerk lediglich 0,88 Prozent des Stromverbrauches in Tirol abgedeckt wird, lässt Kuen zusätzlich an der Sinnhaftigkeit zweifeln. Allerdings scheinen hier die Betreiber eine Möglichkeit gefunden zu haben, die lästige Umweltverträglichkeitsprüfung umgehen zu können. Denn der Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union zufolge dürfen der ökologische und der chemische Zustand eines Gewässers nicht durch neue Projekte verschlechtert werden. Welche Auswirkungen ein Projekt auf die Umwelt hat, soll deshalb (generell, nicht nur bei Wasserkraftprojekten) mit einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) von der jeweiligen Landesregierung geklärt werden. In unserem Land gilt dies bei Wasserkraftwerken in der Regel erst ab einer Engpassleistung von mindestens 15 Megawatt. Das Kraftwerk Tumpen-​Habichen soll lediglich eine Engpassleistung von 14,48 Megawatt haben.