„Ideen lassen sich nicht einsperren“
Mit „Ham kummst“ sind sie im Jahr 2015 berühmt geworden. Seitdem hat das Pop-Duo „Seiler und Speer“ drei Alben herausgebracht. Christopher Seiler, 32, erzählt, wie alles begann, warum ihm die abgesagten Konzerte nicht die Stimmung vermiesen und, dass er die Krise fürs Kreativsein nützt.
Herr Seiler, wie geht es Ihnen nach der „Isolationshaft“?
Danke, gut, wenn‘s Wetter schön ist, bin ich im Garten. Ich bin wegen der Ausgangssperren nicht in Traurigkeit und Selbstmitleid versunken. Bernhard und ich waren davor monatelang auf Tour. Also empfand ich die Isolation entspannend.

Haben Sie auch was gearbeitet?
Eigentlich wollten wir für unser Lied „Principessa“ das teuerste Musikvideo aller Zeiten produzieren und danach Insolvenz anmelden (lacht). Leider hat uns Covid-19 einen Strich durch die Rechnung gemacht. So haben wir mit Hilfe unserer Anhänger ein schönes Heim-Video produziert. Sonst habe ich die Zeit genutzt, um Lieder zu schreiben. Ideen lassen sich nicht einsperren, für die gelten keine Ausgangsbeschränkungen und kein Mundschutz. Normalerweise hätten wir im Studio gearbeitet. Aber mit Maske zu singen, da wär‘ nicht viel rausgekommen. Also sagten wir, bleiben wir lieber zuhause.

Brav, so wie es die Regierung wollte. Haben Sie die Maßnahmen für sinnvoll empfunden?
Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Es fühlt sich ein bisschen so an, als wären wir plötzlich alle entmündigt worden. Wobei ich sagen muss, dass ich grundsätzlich allem gegenüber, was von unseren Politikern kommt, vorwiegend misstrauisch bin.

Trifft es Sie hart, dass Ihre Konzerte, Sie wären ja demnächst wieder auf Tournee, abgesagt wurden?
Ja, sicher. Und klar müssen wir momentan einen Verdienstentgang hinnehmen. Ebenso die Tatsache, dass es noch keine konkreten Ersatztermine gibt. Aber wir werden alle Konzerte nachholen, das können wir unseren Anhängern versichern. Zum Glück müssen wir uns in finanzieller Hinsicht nicht zu sehr sorgen. Die vielen kleinen Unternehmer tun mir leid. Also, ich würde mich nicht auskennen, wenn ich jetzt um finanzielle Unterstützung ansuchen müsste.

Das heißt, Sie haben schon so viel Geld verdient, dass Sie sich gemütlich zurücklehnen könnten?
Ja, eh. Aber wir haben auch entsprechend dafür gehackelt. Uns hat niemand was geschenkt.

Mit dem Titel „Ham kummst“ sind „Seiler und Speer“ beinahe kometenhaft aufgestiegen. Es folgten drei Alben und mehr als 300 Konzerte. War das alles so geplant?
Überhaupt nicht, Bernhard und ich sind eher spontan. Ich hab‘ nicht einmal eine Uhr, diese Freiheit nehm‘ ich mir. Unser einziger Plan ist, dass wir uns selbst nicht ganz so ernst nehmen und mit unseren Texten und Melodien die Bühnen rocken, nahe dran an den Menschen, die zu uns kommen.

Nah-dran-Sein am Publikum wird noch dauern. Geht
Ihnen die Bühne ab?

Sollte der Zustand viel länger als geplant dauern, werden mir die Konzerte sicher fehlen.

Wie gefällt Ihnen die neue „soziale Distanz“?
Hoffen wir, dass alles bald vorbei ist. Wenn ich Menschen begrüße, umarme ich sie gern, das geht mir ab.

Werden wir das je wieder dürfen?
Davon gehe ich aus, denn es wird doch nicht der Tag kommen, an dem den Menschen verboten wird, Mensch zu sein.

Haben Sie in der Isolation ein neues Hobby für sich entdeckt, etwa Brot backen?
Nein (lacht), ich habe Bücher über die Schauspielerei gelesen, weil ich mich in diesem Bereich weiterentwickeln möchte. Sonst lasse ich die Seele baumeln und mähe meinen Rasen, das entspannt mich.

Sind Sie ein Frühlingstyp?
Ich mag es schon, wenn die Sonne scheint, aber ich bin ein richtiger Weihnachtsmensch. In den vergangenen beiden Jahren waren wir in der Weihnachtszeit auf Deutschland-Tour. Da habe ich mir in mein Kämmerlein im Tour-Bus einen kleinen Christbaum gestellt. Ohne Kerzen, sonst hätte ich den Bus angezündet. Aber mit Engerln, Lametta und all dem Kitsch, den ich an Weihnachten so liebe.

Was steht bis dorthin an Projekten an?
Für mich ist Kreativsein angesagt. Und „Horvathslos“ geht in der fünften Staffel weiter.

Mit der von Ihnen und Bernhard Speer produzierten Satire-Reihe, in der Sie den „Anton Horvath“ verkörpern, sind Sie bekannt geworden. Wie geht‘s mit dem „Herrn Horvath“ weiter?
Der Anton Kevin Horvath bleibt so, wie er ist. Ein arbeitsloser, vorwiegend betrunkener Querulant und in seinem tiefsten Herzen ein Freiheitskämpfer. Das Universum rund um die kuriose Figur entwickelt sich schon weiter. Das Corona-Thema wird einen festen Platz in Horvaths Alltag bekommen. Denn wer, wenn nicht der Horvath versteht es, sich den „unsichtbaren Feind“ vom Leib zu halten.

Wie ist es, einen solchen Anti-Typen zu spielen?
Das ist eine Rolle, die mir viel abverlangt. Denn der Horvath hat, Gott sei Dank, absolut und überhaupt nichts mit meinem Intellekt zu tun.

Sie kritisieren die sozialen Kanäle, sind aber selber mit „Horvathslos“ auf YouTube bekannt geworden …
Sicher hat uns YouTube wie auch andere Internet-Kanäle viel gebracht. Leider ist es mittlerweile so, dass die verbale Gewalt und der Hass im Netz extrem überwiegen. Das finde ich abstoßend. Als ich 2016 ein Satire-Video über die Bundespräsidentenwahl ins Internet stellte, bekam ich Morddrohungen.

Sind Sie auch direkt damit konfrontiert worden?
Niemand traut sich, dir das direkt ins Gesicht zu sagen. Stellen wir uns vor, die Menschen würden sich im wirklichen Leben so verhalten, wie sie es anonym im Internet machen. Da hätten wir Sodom und Gomorrha. Ich lese das alles schon lange nicht mehr, weil es mich wahnsinnig macht. Von hundert Kommentaren können 99 sagen, dass du leiwand bist, aber den einen, der sagt, dass du ein A… bist, den merkst du dir. Was ein völliger Blödsinn ist, da du dich mit unnötigen negativen Energien beschäftigst. Und das möchte ich nicht mehr.