„Ich bin depressiv und habe oft mit mir zu kämpfen“
Ihre Kindheit verlief ziemlich chaotisch, meint Ashley Nicolette Frangipane. Schuld daran seien ihre Eltern gewesen, die ihrer Meinung nach zu jung geheiratet hätten. Mit 16 Jahren zog sie nach New York, war obdachlos und suchte sich Männer, die sie für Sex mit nach Hause nahmen, damit sie ein Dach über dem Kopf hatte. Heute ist Frangipane 25 Jahre alt, als Musikerin erfolgreich und nennt sich Halsey. Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth sprach mit ihr über ein junges und turbulentes Leben – und über ihr neues Album „Manic“.
Halsey, Sie waren kürzlich in der japanischen Hauptstadt Tokio. Haben Sie neue Erkenntnisse gewonnen?
Viele. Die Stadt ist so wunderbar anonym. Ich kann dort machen, was ich will, ohne dass jemand Notiz von mir nimmt. Und für meine Kunst finde ich dort unglaublich viele Anregungen, vor allem, was das Optische betrifft. Für so eine respektvolle und zurückhaltende Kultur ziehen sich die Japaner und noch mehr die Japanerinnen ziemlich gewagt an.

Sie sind modisch ebenfalls schwer zu fassen, haben zahlreiche Perücken und immer wieder überraschende Outfits. Wie sieht die Halsey der „Manic“-Phase, also des aktuellen Albums, aus?
Ich war noch nie so sehr ich selbst wie auf diesem Album. Das macht es modetechnisch recht einfach. Ich verkleide mich derzeit kaum, es gibt keine Flügel, keinen „Romeo und Julia“-Abklatsch, das Album handelt ja wirklich stark von mir.

Und Ihrer Familie. Im Video zu „Clementine“ tanzen Sie mit Ihrem Bruder durch ein Aquarium …
Sevian ist dreieinhalb Jahre jünger als ich. Wir hatten immer ein enges Verhältnis. Bis ich 13 war, haben wir uns sogar ein Zimmer geteilt. Das war natürlich schlimm, mit so einem Neunjährigen, während ich selbst zum Teenager wurde, aber meine Eltern konnten sich keine größere Wohnung leisten. Im „Clementine“-Video wollte ich eine beklemmende Atmosphäre schaffen, in der sich mein Bruder und ich gegenseitig Halt geben. Wir unterstützen uns auch im wahren Leben. Sevian hat Geschmack, er ist mein Berater in vielen Dingen.

Wie sind Sie aufgewachsen?
Ziemlich chaotisch. Wir haben in New Jersey gelebt. Meine Eltern wollten das Beste, aber nie verlief bei uns irgendetwas nach Plan. Sie waren jung, als ich zur Welt kam. Gerade einmal 20 Jahre alt. Es gab kaum Struktur und Regeln. Ich fühlte mich wohl, doch manchmal wäre es schön gewesen, Eltern zu haben, die mir Ratschläge und Hilfe hätten geben können. Ich bin manisch-depressiv und habe oft mit mir zu kämpfen, zugleich will ich stark für meine Familie und meine Anhänger sein.

Sie haben noch einen weiteren Bruder, nicht wahr?
Ja. Dante ist 14. Er fängt jetzt auch an, Stücke zu produzieren. Ich hoffe nur, dass er nicht auch Musiker werden möchte. Dieses Leben ist wirklich heftig.

Sie sind mit 16 Jahren von zu Hause ausgezogen, um in New York als Sängerin zu arbeiten …
Ja, idiotischerweise (lacht). Ich will nicht, dass Dante den Gefahren ausgesetzt ist, die mich letztlich haben reifen lassen und zur Künstlerin machten. Ich habe gesehen, wie grausam die Welt sein kann.

Sie waren obdachlos und haben mit Männern geschlafen, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Sogar mit einem Drogensüchtigen lebten
Sie zusammen …

Das ist mein Futter. Ich war nie gut darin, Geheimnisse und Tabus zu haben. Deshalb macht es mir nichts aus, in meinen Liedern schlimme Erfahrungen anzusprechen.