„Thiem hat soviel Rohkraft wie kein anderer“
Mit Weltranglistenplatz sieben krönte sich Barbara Schett, 43, vor 20 Jahren zur besten Tennisspielerin unseres Landes. Derzeit kommentiert die mit einem Australier verheiratete Tirolerin als Fernseh-Moderatorin für den Sender Eurosport die Australian Open in Melbourne am fünften Kontinent und spricht im Interview über Dominic Thiems Einzigartigkeit, Serena Williams‘ Schwäche und die Auswirkungen der Buschfeuer.
Frau Schett, Sie leben privat nicht nur in Australien, sondern kommentieren derzeit auch für das Fernsehen das Turnier in Melbourne. Ein Heimvorteil?
Ja, ich bin schon zum 27. Mal hier. Zwölf Mal davon kam ich als Spielerin, seit 15 Jahren moderiere und kommentiere ich für den Fernseh-Sender Eurosport mehrere große Beiträge pro Tag. Ich betrete täglich um 12 Uhr mittags die Anlage, plane mit den Kollegen die Sendungen, lasse mich für die Kamera schminken und führe Interviews. Oft ist es zwei Uhr nachts, wenn wir fertig sind, es macht Spaß, aber nach dem Turnier bin ich wie gerädert.

Ist ein Interview mit Roger Federer Arbeit oder Vergnügen?
Ich freue mich immer darauf, das sind nette Plaudereien mit Ex-Kollegen, die meist entspannt ablaufen. Federer und Novak Djokovic sind wunderbare Gesprächspartner, die spontan und locker reden. Im Interview finde ich auch Stefanos Tsitsipas aufregend und Matteo Berrettini witzig. Schwer zu knacken ist hingegen die Japanerin Naomi Osaka. Auch nach ihren zwei Grand-Slam-Siegen bekam ich kaum mehr als ein Ja oder Nein auf meine Fragen.

Wie gut sind Sie mittlerweile als Fernsehmoderatorin?
Ich bin selbst meine größte Kritikerin. Trotz all der Routine habe ich immer noch bei jeder Sendung eine leichte Grundnervosität und bin froh, wenn der erste Satz gesprochen wurde. Seit ich moderiere, schaue ich auch viel bei Kollegen ab, etwa bei Thomas Gottschalk, der unglaublich souverän und schlagfertig war. Mir selbst ist es unangenehm, mich als Moderatorin auf dem Bildschirm zu betrachten, genauso wie ich früher meine eigenen Tennisspiele nicht ansehen konnte.

Die schüchterne Japanerin Osaka war Nummer eins der Welt, so wie sechs weitere Spielerinnen in den vergangenen drei Jahren. Fehlen dem Frauentennis Heldinnen?
Ich glaube das nicht. Das Damentennis ist unglaublich spannend und ausgeglichen, es gibt junge Superspielerinnen wie Cori Gauff oder Dajana Jastremska, auf der anderen Seite immer noch eine 38jährige Serena Williams, die ihren 24. Grand-Slam-Titel holen wollte, aber heuer bereits in der ersten Woche scheiterte. Für sie als Mutter wird eben alles schwerer, da verliert Tennis an Priorität im Leben.

Bei den Herren haben seit Jahren Federer, Djokovic und Rafael Nadal das Abonnement auf die großen Siege. Wie lange noch?
Es warten alle auf die Wachablöse, mit Dominic Thiem, Daniil Medwedew, Stefanos Tsitsipas und Sascha Zwerew klopfen auch schon vier Spieler an die Tür zur Tennisspitze. Ich bin sicher, dass einer der jungen heuer ein Grand-Slam-Turnier gewinnen wird, allerdings bezweifle ich, dass sie Karrieren wie Federer oder Nadal erleben, die gibt es nur selten. Zwerew mit seinen vielen Problemen ist noch am weitesten davon entfernt, gute Chancen hat Tsitsipas, er hat das vielleicht kompletteste Spiel von allen. Aber im Tennis kann viel passieren. Auch Tsitsipas ist schon raus.

Thiem ist seit fast fünf Jahren konstant in den Top-Ten. Wie schafft er das?
Dominic Thiem hat soviel Rohkraft wie kein anderer
Spieler, körperlich und tennistechnisch. Ich kenne niemanden, der schneller spielt. Er arbeitet so hart daran, die Schnellkraft für dieses hohe Tempo zu entwickeln. Beim ATP-Finale hat er Novak Djokovic teilweise vom Platz geschossen. Ich habe zuvor noch nie gesehen, dass ein Gegner für Djokovic zu schnell war. Früher hat Thiem in manchen Spielen zu wild „drauflosgehackt“ und zu wenig taktisch agiert. Auch das wird besser.

Warum hat unser Land seit rund fünf Jahren keine Dame unter den Top 100?
Das ist traurig, aber eine Kombination verschiedener Faktoren. Zum einen werden hierzulande Talente oft nicht erkannt oder es sind falsche Trainer am Werk, zum anderen fehlt mir aber auch die 100-prozentige Leidenschaft und der bedingungslose Wille beim Nachwuchs. Es wird zu sehr nur der schnelle Erfolg gesucht.

Australien wird seit Monaten von verheerenden Bränden heimgesucht. Spüren Sie das selbst?
Die Feuerkatastrophe ist hier allgegenwärtig, eine riesige Fläche ist abgebrannt und Millionen von Tieren sind verendet. In Europa können sich die Menschen gar nicht vorstellen, welches Ausmaß das angenommen hat. Vor zwei Wochen war ich in Neuseeland und sogar dort war der Himmel noch gelb von den Gasen, die vom Buschbrand herüberziehen. Selbst beim Tennis in Melbourne haben die Spieler Atemprobleme. Ich wohne privat mit meinem zehnjährigen Sohn Noah und meinem Mann Josh nördlich von Brisbane an der Küste in einem Ort namens Sunshine Beach und wir waren zuletzt zum Glück nicht vom Brand betroffen. Aber im vorigen Jahr mussten wir einmal wegen des Feuers unser Haus evakuieren. Wolfgang Kreuziger