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„Die Sorge ums Geld verlässt mich nicht mehr“
An einem sonnigen und heißen Mittwochnachmittag sitzt Iggy Pop im Garten einer von seiner Plattenfirma gemieteten Villa im Norden Miamis (US-Staat Florida) und lässt sich während des Gespräches die Sonne auf den Pelz brennen. Und zwar buchstäblich, denn auf ein Hemd verzichtet der 72jährige wie üblich, und auch die Lederhose hat er oben bereits aufgeknöpft. Der Musiker ist braungebrannt, er sieht fit und drahtig aus wie immer, und mit jugendlichem Elan erzählt Iggy Pop dem WOCHE-Reporter Steffen Rüth von seinem neuen Album „Free“.
Das Titellied „Free“, mit dem auch Ihr Album beginnt, besteht aus nur einem Satz: „I want to be free.“ Was bedeutet für Sie Freiheit?
Die Antwort auf diese Frage ist sehr persönlich. Ich fürchte – zu persönlich, um sie jemandem mitzuteilen. An dem Tag, an dem ich diesen Satz aufschrieb, verspürte ich dieses Gefühl, diesen Drang jedenfalls ziemlich stark.

Wie wichtig ist denn Freiheit für Sie und Ihr Leben?
Freiheit ist wesentlich. Sie ist lebendig als Idee und auch als Gedanke, dem zu folgen es sich lohnt. Frei zu sein, das ist eine gefährliche Sache, also, wenn es jemand übertreibt. Die Tür nicht zu schließen, aber auch nicht sperrangelweit offenstehen zu lassen, das ist meine Art von Freiheit.

Hilft es da auch, Geld zu haben?
Ich versuche, meine Finanzen zu schützen. Denn ich habe Furcht davor, im Bankrott zu enden. Wie so viele andere Musiker. Ich kenne das Gefühl, und ich muss es heute nicht mehr haben.

Sie sorgen sich um Ihr Geld?
Wer auf der Straße gelebt hat und so arm, so verzweifelt und so verdammt war wie ich, und das für eine lange, lange Zeit, den verlässt die Sorge ums Geld sein Leben lang nicht mehr. Heutzutage finde ich mich in einer finanziell komfortablen Position wieder, doch ich erwarte nicht, dass es immer so bleibt oder dass ich mein Leben als wohlhabender Mann beenden werde. Ich unterstützte auch gern andere Menschen.

Vor der Villa, in der wir jetzt reden, steht ein silberner Rolls-Royce. Gehört er Ihnen?
Ja, das ist meiner. Ein Phantom Drophead, Baujahr 2016 mit 460 PS. Ich liebe dieses Auto.

Soviel zu „Ich werde nicht wohlhabend sterben“?
(lacht) Mein Rolls ist ein verdammt verlässliches Auto.

Wie Sie. Immerhin sind Sie 72 Jahre alt, aber noch immer ein verlässlicher Garant für gute Stimmung im Musikgeschäft …
… es ist durchaus möglich, dass ich hier in Florida einer der Jüngsten bin (lacht).

Auf Ihrem neuen Album gibt es mit „Dirty Sanchez“ ein Lied, das dem Iggy Pop früherer Tage musikalisch am nächsten kommt …
Ja, das Lied bietet auf eine gewisse Art einen Blick auf mein altes Ich, auf den alten, versauten, dreckigen Iggy. Auf den Iggy, der vor fast 40 Jahren „Soldier“ sang. So richtig schön peinlich (lacht). Ja, deshalb liebe ich den Song. „Dirty Sanchez“ ist sicher die lustigste Nummer der ganzen Platte. Sofern der Hörer bereit ist für diese Art von unanständigem Herrenhumor.

Sie leben seit 20 Jahren in Miami. Sehen Sie sich hier
viele Sonnenaufgänge an?

Ja. Je älter ich werde, desto früher stehe ich auf. Wenn ich nicht auf Tournee bin, schlafe ich oft schon um neun Uhr abends, dafür bin ich um sechs Uhr in der Früh auch schon wieder munter.

Wohnen Sie noch auf Miami Beach, also der Insel vor Miami?
Nein, ich bin etwas hinausgezogen, an einen Ort namens Coconut Grove. Das ist die älteste Gemeinde hier in der Region, es geht ein wenig ruhiger und gemächlicher zu als in Miami. Da ist heute alles nobel und teuer. Und die Touristen sind überall.

Nerven Sie die Touristen?
Nein, sie sollen ruhig kommen. Mich stören die Menschen nicht. Zum Glück ist mein Lieblingsstrand ein Geheimtipp, den nur Einheimische kennen. Und oft bin ich in meinem Häuschen in der Karibik, dort lebe ich unbehelligt.

Gehen Sie oft schwimmen?
Ja. Früher bin ich drei Kilometer und mehr geschwommen. Heute begnüge ich mich mit ein paar hundert Metern. Schwimmen tut mir gut. Aber das Wichtigste, das ich für meine Bühnenausdauer mache, nennt sich Qigong. Das ist eine fernöstliche Meditations-, Bewegungs- und Atemtechnik. Du machst bestimmte Bewegungen und atmest ganz tief aus dem Bauch heraus. Das ist gut.