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„Wir Osterreicher galten in der F1 immer als Verrückte“
Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Josef Leberer, 60, als Physiotherapeut im Formel-1-Zirkus, am Sonntag beim Grand Prix von Belgien in Diensten des Teams Alfa Romeo Racing. Im Interview erzählt er von Freundschaften und Veränderungen in der PS-Szene.
Der in der Formel 1 erfahrene Physiotherapeut Jo Leberer, 60, der in Tirol lebt, berichtet von großen Veränderungen und seiner einst engen Freundschaft zu Ayrton Senna.

Herr Leberer, Sie sind heute der am längsten in der Formel 1 dienende Österreicher überhaupt. Wie kamen Sie zum Motorsport?
Für mich begann alles im Jahr 1988, damals arbeitete ich bei Willi Dungl in Gars am Kamp (NÖ) und hatte dort schon einige Formel-1-Akteure betreut. Eines Tages kam Dungl zu mir und sagte: „McLaren sucht für die Formel 1 einen Betreuer, diese Arbeit ist dir wie auf den Leib geschneidert.“ Und schon saß ich im Flieger nach Rio de Janeiro (Brasilien), wo anfangs Alain Prost und Ayrton Senna zu betreuen waren.

Was waren Ihre Aufgaben?
Heute hat ja jedes Team einen riesigen Betreuerstab. Damals hingegen war ich für die gesamte Betreuung zuständig und habe für die Fahrer auch Essen zubereitet. Gute, hochwertige Nahrungsmittel zu bekommen war schwierig, aber schon damals war es uns wichtig, für die Hochleistungssportler biologische, frische Produkte zu verwenden. Ich erinnere mich noch, wie ich mit einer Kühltasche von Neusiedl am See (B) zum Hungaroring nach Ungarn gefahren bin und bei den Gemüseständen unterwegs eingekauft habe. Das Getreide fürs Frühstücksmüsli brachte ich von daheim mit, ich habe es selbst gemahlen.

Was haben Sie den Piloten damals aufgetischt?
Senna und Prost liebten meine Kraftsuppen. Da habe ich Gemüse, Öle, Kräuter, Mineralstoffe und Hühnerfleisch verkocht, denn der Energie- und Flüssigkeitsverlust bei den heißen Rennen war enorm. Auch Buchweizen und Getreide wurden oft verwendet, die Suppen waren leicht verdaulich und schmeckten ihnen gut.

Benötigten die Fahrer häufig Ihre Dienste als Physiotherapeut?
Ja, wesentlich mehr als heute, denn damals waren die Autos anstrengender zu lenken und es gab keine Automatikschaltung. Deswegen wirkten ungeheure Kräfte auf die Sportler und ich hatte sie oft stundenlang auf dem Massagetisch. Dort haben sie abgeschaltet, sich persönlich geöffnet und es sind echte Freundschaften entstanden. Mit Prost habe ich bis heute Kontakt und Senna, der menschlich auf einer Wellenlänge mit mir war, wurde zum engen Freund.

Später kam auch Gerhard Berger in Ihr Team. Hat das die Stimmung geändert?
Doch, es wurde zur lustigsten Zeit in der Formel 1, fast dem Klischee entsprechend die Zeit von Glanz, Glamour und hübschen Frauen. Wir waren gut drauf. Berger selbst war mehr als alle anderen für Streiche und Scherze zu haben, sie haben damals zu uns immer gesagt: „Ihr Österreicher seid komplett verrückt.“

Wie war Senna als Mensch, dessen 25. Todestag im Mai begangen wurde?
Senna erwartete von anderen und sich selbst Höchstleistungen. Auf der Strecke war er kompromisslos, aber privat ruhig und menschlich. Er verlangte mir das Versprechen ab, ihn karrierelang weiter zu betreuen. Als er 1994 starb, war das ein großer Schock für mich. Ich begleitete seinen Sarg auf Wunsch der Familie im Flugzeug von Paris (F) nach Sao Paulo (Brasilien) aufgebahrt in der Businessclass, wir wollten ihn nicht im Frachtraum überführen. Auf diesem Flug hatte ich elf Stunden Zeit, über die wichtigen Dinge im Leben nachzudenken.

Haben Sie viele Andenken von ihm bewahrt?
Nach all den Jahren an seiner Seite habe ich keine einzige Unterschrift mehr von ihm. Ich hatte aber noch seine Rennhandschuhe, die ich meiner Mutter für die Gartenarbeit gab.

Mit Niki Lauda ist eine weitere Legende verstorben. Was bleibt von ihm?
Mit Niki ist die letzte souveräne Autorität in der Formel 1 von uns gegangen, er war eine Marke, eine starke Persönlichkeit. Lauda war auf Leistung getrimmt und wollte immer der erste sein. Ein Analytiker, der besser wusste als andere, wo an den Schrauben zu drehen war.

Sie haben über die Jahre viele andere Fahrer betreut …
Ich hatte Mike Andretti, Mika Häkkinen und David Coulthard auf dem Massagetisch. Besonders hat mich Kimi Räikkönen beeindruckt. So einen stillen jungen Menschen hatte ich bis dahin nicht kennengelernt. Sebastian Vettel hat seine Formel-1-Karriere bei BMW Sauber begonnen und war damals schon für sein Alter äußerst selbstbewusst. Er hatte einen guten Schmäh drauf.

Sie sind Vater einer Tochter, 14, und eines Sohnes, 16, und heuer bei 21 Rennen rund um den Globus unterwegs. Wie kriegen Sie das hin?
Ich mache diese Arbeit seit 30 Jahren und die Formel 1 ist ein Teil meines Lebens geworden. Von den vielen Flügen und Zeitzonen muss ich mich allerdings immer wieder erholen und das kann ich am besten zuhause in Tirol, bei meiner Frau und den Kindern.