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Mäuse fressen Felder leer
Eine bislang ungeahnte Mäuseplage sorgt in weiten Teilen des Weinviertels (NÖ) für enorme Ernteausfälle. Die Nager haben bereits große Schäden angerichtet. Wegen der Hitze und Dürre der vergangenen Wochen vermehrten sich die Tiere rasend schnell und fraßen ganze Felder kahl. Die Bauern bangen um ihre Existenz.
Der Obstbauer Josef Breyer, 57, ist den Tränen nahe, als er sich seine Marillenbäume ansieht. Sie stehen ohne Früchte da, dafür mit braunen Blättern und zerfressener Baumrinde. Dem Landwirt aus Götzendorf (NÖ) bietet sich ein trauriges Bild. Verantwortlich dafür sind Feldmäuse. Hunderte dieser gefräßigen Nager haben Schäden hinterlassen, die nicht mehr gutzumachen sind und die Breyer in seiner wirtschaftlichen Existenz gefährden.

„Tausend meiner Marillenbäume sind quasi tot, werden nie wieder Früchte tragen. Für mich bedeutet das einen finanziellen Schaden von 100.000 Euro. Dabei bin ich vor drei Jahren extra auf den Verkauf von Obst umgestiegen, weil der Getreideanbau kein Geld mehr brachte. Nun passiert diese Katastrophe“, sagt Breyer, während er versucht, Mausloch für Mausloch mit dem Gift Mäuseweizen zu befüllen. Doch das ist eine Sisyphusarbeit. Denn Mäuse vermehren sich extrem rasch, alle drei Wochen gibt es sechs bis sieben Junge, die wieder über die Marillenbäume herfallen.

Eine Mäuseplage in diesem Ausmaß gab es noch nie in unserem Land. Betroffen sind die Bezirke Gänserndorf (NÖ) und Mistelbach (NÖ). Die Erzeugergemeinschaft Zistersdorf (egz), der Zusammenschluss von etwa 300 Landwirten im Weinviertel, spricht von einer „Feldmäuse-
Epidemie“, die in diesem Jahr zumindest 30 Prozent der Ernteerträge bei Getreide kostete, wie etwa bei Sommergerste. „Manche Bauern haben sogar 100 Prozent, also einen totalen Ernteausfall. Nachdem die beiden vergangenen Jahre schon extrem schlecht für die Getreide-
ernte waren, kommt das für viele einem Untergang gleich“, sagt der egz-Sprecher Franz Bauer, 64, der Getreide anbaut und dem die Mäuse bereits 15 Hektar (das entspricht etwa der Fläche von 15 Fußballfeldern) seiner Felder leergefressen haben. „Auf einen Quadratmeter kommen zehn Mäuse. Sie haben 120 Betriebe geschädigt und mehr als 3.000 Hektar kahlgefressen. Das bedeutet einen Verlust von fünf Millionen Euro“, erklärt Bauer.

Die Mäuseplage begann Anfang Juli. Danach zogen sie von Feld zu Feld und fraßen alles kahl. Zuerst waren Raps, Weizen und Mais betroffen, nun auch Zuckerrüben, Erdäpfel, Sojapflanzen und Sonnenblumen. „Dass nicht einmal Obstbestände vor den Mäusen sicher sind, ist unglaublich. Das hat sich zuletzt an angefressenen Marillenbäumen und auch schon bei Weinreben gezeigt“, sagt Landwirt Josef Schuler. Täglich findet er neue Sonnenblumen auf seinem Feld, die zum Futter für die Nager wurden. „Ich rechne mit einem Ernteausfall zwischen 50 und 100 Prozent“, ist Schuler verzweifelt.

Denn eine radikale Bekämpfung der Nager ist nicht möglich. „Großflächig Giftköder auszustreuen, um die Mäuse zu beseitigen, birgt die Gefahr, auch Tiere wie Eulen und andere Greifvögel zu töten, die Mäuse-Kadaver fressen würden“, erklärt der Kammerjäger Mario Kirschbaum.

Normalerweise ist eine Feldmaus zwischen zwölf und fünfzehn Zentimeter groß und wiegt weniger als fünf Gramm. Im Weinviertel sind die grauen Schädlinge bereits fast doppelt so groß. „Sie fressen sich bei uns quasi zu Tode und schauen aus wie Ratten. Da die Mäuselöcher aber viel kleiner sind, bleiben sie bereits darin stecken, kommen nicht mehr heraus und verenden. Gewöhnlich spült ein kräftiger Regen die Äcker aus und die Nager regulieren sich danach wieder auf natürliche Weise, weil sie entweder ertrinken oder krank werden. Doch dieser Regen blieb heuer aus“, erklärt der egz-Sprecher Franz Bauer.

„Schuld an der Mäuseplage ist mit Sicherheit auch die Klimaerwärmung und die von der EU vorgeschriebene Begrünung. Denn jeder Landwirt ist verpflichtet, neben seinem Ackerbau auch Begrünungsflächen mit Rettich oder Senfpflanzen zu haben, was zwar für den Humusaufbau Sinn macht, doch dieser Acker darf wegen des CO2-Ausstoßes nicht mehr gepflügt werden. Beim Pflügen werden aber die Mäusenester, die sich etwa 30 Zentimeter unter der Erde befinden, zerstört, was ja nun nicht mehr der Fall ist. Außerdem sehen die Greifvögel, die natürlichen Feinde der Nager, durch das viele Grün die Mäuse nicht mehr. Deshalb sind uns durch die bestehenden Vorgaben und Richtlinien die Hände gebunden, um gegen die Plage ausreichend vorgehen zu können. Der Trend zur ökologischen Landwirtschaft stimmt zwar, aber wenn wir zuschauen müssen, wie uns die Mäuse die Felder leerfressen, ist das absurd.“

Hilfe von der Politik ist ebenfalls nicht zu erwarten. Schon mehrmals haben die leidtragenden Bauern an das Agrar- und Landwirtschaftsministerium Briefe verfasst, in denen sie ihr Leid klagten, doch sie wurden nicht gehört. Weil die betroffenen Landwirte daher tatenlos zuschauen müssen, wie ihre Kulturen weggefressen werden, fordern sie Entschädigungen. In einem offenen Brief an Bund und Land treten sie für ein Maßnahmenpaket gegen die Weinviertler Mäuseplage ein. Zum einen wünschen sie sich Entschädigungszahlungen aus Mitteln des Katastrophenfonds für entstandene Ernteschäden dieses Jahres, zum anderen kritisieren sie, dass es nicht möglich sei, sich gegen Mäuseschäden zu versichern. „Heute gibt es keine Versicherung, die Sommergerste versichert, und auch Mäuse fallen hier heraus. Da uns beides in
hohem Maße gleichzeitig trifft, sollte das unserer Meinung nach überdacht und ehestmöglich geändert werden“, sagt Franz Bauer.