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„Es fragt sich jeder, warum der Lockvogel bis heute nicht einvernommen wurde“
Als Innenminister war er der umstrittenste Politiker der türkis-blauen Regierung. Jetzt kandidiert Herbert Kickl als Nummer zwei bei der Neuwahl hinter Parteichef Norbert Hofer. Er beharrt auf dem Innenministerium für die FPÖ und will weiter mit der ÖVP zusammenarbeiten.
Herr Kickl, wünschen Sie sich auch eine rot-blaue Koalition wie Ihr burgenländischer Parteifreund Tschürtz?
Ich glaube, es ist ein burgenländisches Spezifikum, das Hans Tschürtz da angesprochen hat. Er hat dabei ausgeblendet, dass die SPÖ im Burgenland und die SPÖ im Bund völlig unterschiedliche Parteien sind. Im Bund ist eine Koalition mit der SPÖ ein Ding der Unmöglichkeit, da trennen uns Welten, speziell in der gesamten Asyl- und Migrationsfrage. Wir wollen eine Fortsetzung des Erfolgsmodells, das in der Bevölkerung eine breite Anerkennung findet

Das geht nur mit der ÖVP, obwohl Sebastian Kurz im Mai gesagt hat, „die FPÖ kann es nicht“?
Da war er wohl etwas überheblich. Sebastian Kurz weiß auch, dass er ohne Partner wohl keine Regierung wird bilden können. Also ist nur die Frage, mit wem er das machen wird. Der eine Partner ist die FPÖ, das ist eine Garantie der Fortsetzung der Koalition, die sich großer Beliebtheit erfreut hat. Und die die ÖVP ohne Not in die Luft gejagt hat. Die zweite Option ist das in Teilen der ÖVP, insbesondere im Westen, bevorzugte Modell mit den Grünen. Wo wir dann einen Vizekanzler Kogler hätten. Und andere in der alten ÖVP wiederum wollen eine Koalition mit der SPÖ.

Sebastian Kurz hat auch gesagt, Sie sollten „keinen Platz in einer Regierung“ haben. Kränkt Sie das?
Ich bin weit davon entfernt, dass mich das kränken würde. Die Frage, die sich stellt, ist, warum muss die ÖVP aus ihrer Sicht unbedingt dieses Innenressort für sich behalten. Und ich glaube, dafür gibt es zwei Gründe. Der eine ist, dass sich wahrscheinlich in 17 Jahren einiges an unangenehmen Altlasten im Innenressort angesammelt hat, das es für die ÖVP besser zu verbergen gilt. Und das zweite ist, dass es in wesentlichen Fragen der Asyl- und Migrationspolitik von der alten ÖVP keine Unterstützung, sondern immer Widerstand gegeben hat. Für viele in der alten ÖVP ist es wohl bequemer, wenn sie das selbst unter Kontrolle haben.

Sie würden auf dem Innenministerium für sich oder die FPÖ beharren?
Das ist unsere Verhandlungsposition, selbstverständlich. Wenn man sagt, man will diesen Kurs fortsetzen, dessen wesentlicher Bestandteil eine konsequente Asyl- und Migrationspolitik war, dann kann ich nicht gleichzeitig hergehen und genau diese Dinge austauschen.

Italien hat hohe Strafen für Seenotretter eingeführt. Matteo Salvini hat sie einmal als „Komplizen der Schlepper“ bezeichnet. Würden Sie dem zustimmen?
Das kann ich voll und ganz unterschreiben. Der Schlepper lebt davon, dass er den Geschleppten dorthin bringt, wohin er möchte. Dafür kassiert er sein Geld. Auf der Reise vom Herkunftsort bis zum Wunschziel spielen viele Faktoren eine Rolle. Wir müssen bei jedem dieser einzelnen Faktoren ansetzen. Deshalb müssen wir auch diese sogenannten Seenotretter mit ins Visier nehmen. Ich habe mir das im Innenministerium genau angeschaut: Je näher an der nordafrikanischen Küste die Seenotretter zu retten begonnen haben, desto mehr Menschen sind letztlich ertrunken. Und zwar deshalb, weil die Schlepper diese Menschen in immer filigranere Boote gesetzt haben.

Aber wir können ja die Menschen auf ihren Booten nicht im Mittelmeer treiben lassen …
Die Menschen aus dem Wasser zu holen, ja, aber wenn wir sie wieder dorthin zurückbringen, wo sie ihr Schlauchboot oder ähnliches bestiegen haben, dann wird sich das aufhören, weil es keine Aussicht gibt, ans andere Ufer zu kommen.

Was dagegen spricht, sind die Zustände in den libyschen Flüchtlingslagern …
Das ist nicht erfreulich, und nur Libyen wird natürlich auch nicht die ganze Last tragen können. Es geht darum, die Probleme möglichst nahe dort zu lösen, wo sie entstanden sind. Dazu müssen wir beitragen, aber nicht zum Geschäftsmodell der Schlepper.

Bei der vorigen Wahl war das Flüchtlingsthema bestimmend, jetzt ist es der Klimawandel. Glauben Sie, dass die Erderwärmung vom Menschen verursacht ist?
Der Klimawandel ist mit Sicherheit vom Menschen mitverantwortet, das ist keine Frage. Inwieweit und zu welchem Anteil, da gehen die Meinungen auseinander. Aber das entbindet uns nicht von der Pflicht, hier entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten. Wir müssen tun, was wir tun können, ohne gleichzeitig in eine Klimahysterie zu verfallen. Wenn wir jetzt so tun, als ob Österreich das Weltklima retten könnte, ist das eine Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Was tun Sie für den Umweltschutz?
Ich fahre viel mit dem Fahrrad. Fliegen schätze ich nicht besonders, einfach weil mir dieses Prozedere am Flughafen zu kompliziert ist. Wann immer es geht, verzichte ich darauf. Im Inland, nach Möglichkeit, überhaupt. Ansonsten versuche ich die Transportwege so gering wie möglich zu halten und schaue darauf, dass ich in der Region einkaufe.

Der Grund für die Neuwahl ist das Ibiza-Video …
Da muss ich widersprechen. Der Grund für die Neuwahlen ist nur vorgeschobener Weise das Ibiza-Video. Der Grund war eigentlich, dass die ÖVP, so wie sie es jetzt ja klar und deutlich gesagt hat, sich entgegen der Koalitionsvereinbarung das Innenressort wieder unter den Nagel reißen wollte. Das ist natürlich ein Vertrauensbruch, denn es war anders ausgemacht.

Haben Sie noch Kontakt mit Heinz-Christian Strache?
Ich habe hin und wieder Kontakt mit ihm. Er ist nicht mehr so intensiv, wie in der Zeit, als er Parteiobmann war. Wer HC Strache kennt, weiß, dass er lieber SMS schreibt, als zu telefonieren. Bei mir ist es genau umgekehrt. Aber hin und wieder schicken wir uns Kurzmeldungen (SMS).

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das Ibiza-Video gesehen haben?
Wusch.

Hat es das Politiker-Image allgemein beschädigt?
Man müsste vollkommen falsch unterwegs sein, wenn man glaubt, dass das der Politik einen Nutzen gebracht hat. Mit Sicherheit nicht. Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen. Ist das, was in einer alkoholschwangeren Atmosphäre gesagt wurde, umgesetzt worden? Ich gehe davon aus, dass davon überhaupt nichts übrig bleiben wird. Die zweite Frage, die für mich mindestens genauso spannend ist: Wenn man auf diese Art und Weise versucht, einen Politiker vorzuführen oder in eine Falle zu locken, dann interessiert mich schon, wer sind die Hintermänner, wer hat das in Auftrag gegeben und bezahlt?

Es wird ermittelt …
Es wundert mich, in welchem Schlafwagentempo die Ermittlungen hierzulande vorangehen. Ich glaube, wenn HC Strache nicht selber die eine oder andere Strafanzeige eingebracht hätte, würden manche in der zuständigen Staatsanwaltschaft jetzt noch in der sprichwörtlichen Pendeluhr schlafen. Es fragt sich ja jeder, warum zum Beispiel dieser Lockvogel – zumindest soweit ich weiß –, bis heute nicht einvernommen wurde. Und nach meinem Erkenntnisstand ist es so, dass die Dame im Zuge des Gesprächs mehrmals den Raum verlassen hat, offenbar, um sich Instruktionen zu holen. Da muss es doch jede Ermittlungsbehörde interessieren, mit wem sie gesprochen hat.

Eines von Straches Lieblingsthemen war das Rauchen. Wieviele Zigaretten haben Sie bislang geraucht?
Ein paar werden‘s schon gewesen sein. Aber eigentlich sollten nur die Köpfe rauchen. Ich war nie Raucher in dem Sinn, dass ich es mir abgewöhnen hätte müssen, sondern habe hin und wieder in einer größeren Runde eine Zigarette mitgeraucht. Aber geschmeckt hat‘s mir nie.

Die FPÖ will das Bargeld in der Verfassung verankern. Wieviel haben denn Sie selber im Börsel?
Also jetzt werde ich in etwa 40, 50 Euro im Börsel haben, nach Möglichkeit in Zehnern. In den guten alten Schilling umrechnen darf man ja nicht mehr, allein, wenn ich diese 40, 50 Euro ausgebe, sehe ich, welcher Wertverlust mit dem Euro einhergegangen ist.

Zahlen Sie lieber bar oder mit Karte?
Ich zahle lieber bar, weil ich dann einen viel besseren Überblick habe.

Sie waren in Ihrer Amtszeit regelmäßig der unbeliebteste Minister …
Ich könnte es mir jetzt leicht machen und sagen: Einer muss immer der Letzte sein. Aber ich habe mich manchmal gewundert, dass andere in diesen Listen gut abschneiden, von denen viele bis zum heutigen Tag gar nicht wissen, dass sie Minister gewesen sind. Andererseits habe ich gerade in den vergangenen Tagen und Wochen, in denen ich viel unterwegs war, enormen Zuspruch geerntet.

Und wie geht Ihre Familie damit um, zum Beispiel Ihre Eltern?
Meine Eltern haben irgendwann einmal aufgehört, die Zeitung zu lesen, weil sie wissen, dass ich so nicht bin, wie ich seit vielen Jahren dargestellt werde. Vielleicht hängt diese Darstellung auch ein bisschen damit zusammen, dass ich mich nicht mit Journalisten verhabere.

Sind Sie noch oft in Kärnten?
Meine Eltern leben ja in Kärnten, ich besuche sie, wann immer es geht, aber leider weniger oft, als ich das gerne hätte. Früher sind sie öfter zu mir auf Besuch gekommen. Aber meine Mutter hatte während der Regierungsverhandlungen 2017 einen Schlaganfall und war dann lang in der Reha. Wobei ich sagen muss, es ist großartig, was dort für die Patienten geleistet wird.

Sie wollten reiten lernen. Haben Sie schon Reitstunden genommen?
Nein, der diesjährige Sommer ist auch nicht dazu angetan. Das wäre etwas gewesen, wenn wir quasi in Normalbetrieb in den Sommer gegangen wären.

Es gibt immer wieder rechtsextreme „Einzelfälle“ rund um die FPÖ. Warum gelingt es der FPÖ nicht, sich abzugrenzen?
Ich glaube, dass uns dies sehr wohl gelingt und dass man hier viele Beispiele findet, bei denen wir sofort durchgreifen. Aber wir können nicht in jeden hineinschauen. Das Entscheidende ist, wie stellt sich die Führung einer Partei auf, was ist unsere Programmatik, wie stehen wir zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und zur österreichischen Nation. Da sind bei den Freiheitlichen glühende österreichische Patrioten zu finden. Ich glaube, man sollte sich einmal ideologieübergreifend auf eine gemeinsame Definition von rechts und rechtsextrem einigen.

Was ist denn für Sie rechtsextrem?
Wenn jemand die Demokratie ablehnt, die Rechtsstaatlichkeit, die Existenz der österreichischen Nation und ein gehöriges Maß an artikulierter Gewaltbereitschaft mitbringt. Das sind schon wesentliche Teile, die zutreffen müssen. Und nicht, dass man, wenn einem jemand ideologisch nicht ins Konzept passt, ihm dann den Nazi-Stempel aufdrückt.